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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-15 · Heft 50 (15.12.1893) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
Seite 598 (sequence 12)
Language
German
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598 seine Gewohnheit war, theilnamslos zu scheinen, so fiel mir dies nicht auf. Er trat ins Kvmptoir, ich blieb im Vorsaal, setzte mich auf die Bank und fing an, mit dem alten Hausdiener Johann Über das Wetter zu plaudern. So mochte ich wohl eine halbe Stunde geseffen haben. Ich fing an, ungeduldig zu werden. „Sind die Herren Chefs gegenwärtig?" fragte ich Johann. „Nur Herr Ludwig, wollen Sie vielleicht näher treten?" „Nein, Johann, aber Sie würden mir einen Gefallen thun, wenn Sie Herrn Olmntz erinnern wollen, daß ich ans Antwort warte." Wie Johann hinein ging, ließ er die Thür angelehnt, so daß ich unfreiwilliger Zeuge des folgenden Gesprächs wurde. „Aber Herr Olmntz," sagte eine Stimme, wahrscheinlich die eines jüngeren Kommis, „lvie kann ich diesen Posten auch auf ein todtes Konto übertragen, das hat ja gar keinen Sinn und Verstand." „Wollen Sie mir die doppelte italienische Buchführung lehren?" entgegnete Olmiitz Stimme, die seltsam aufgeregt klang, wie ich sie nie gehört hatte, „meine Sache ist es, die Buchungen zu bestimmen, ich bin Chef im Biireau." „Und ich bin keine Schreibmaschine," rief der Andere laut, „und wenn Sie nur eine so merkwürdige Ordre ertheilcn, so halte ich cs für meine Pflicht, au das Urtheil unseres gemeinsamen Chefs zu appellircu." „Was geht hier vor?" hörte ich eine jugendliche Stimme sagen, und da ich zu gleicher Zeit vernahm, wie die Thür des Privat- Komptoirs sich schloß, so konnte ich mich nicht langer halten, sondern eilte an die von Johann offen gelassene Thur, um zu sehen, was vorging. Der redliche Johann, wahrscheinlich nicht weniger aufgeregt als ich, war in der Ecke des Bureaus stehen geblieben. Der Chef, Herr Ludwig, war ein freundlicher junger Mann mit vollem Gesicht und klaren, energischen Augen. Er sah mit heitcrm Lächeln zu Olmiitz hin, auf dessen Kniee er als Kind gespielt hatte. Was geht denn vor?" wiederholte er. „Wieder einmal eine Lebensfrage in der Buchung, Olmiitz?" Der antwortete nicht. Er stand neben dem vor dem anfgeschlagenen Hauptbuch sitzenden Kommis, seine Hand lag auf dem Pult und zitterte dermaßen, daß die langen Fingernägel klappernd gegen das Holz schlugen. Das Gesicht des jungen Chefs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Sprechen Sie, Kaiser," sagte er kurz. „Es handelt sich," sagte der junge Mann anjstcheud, „um verschiedene Posten im Gesammtbetrage von circa 60,000 Mark, die auf Wechselkouto eingegaugen sind, und die Herr Olmiitz selbst auf verschiedene Konti ausgeschrieben hat. Heute Vormittag, da Hcrr Olmütz des Sonnabends halber nicht hier war, und ich in Ihrem Aufträge versuchen sollte, eine vorläufige Bilanz aufzustellen, fiel mir diese merkwürdige Buchung auf, aus der man ja gar nicht ersehen kann, >oo das Geld geblieben ist, und da ich eben Herrn Olmiitz frage, ob ich den von ihm selbst gestern auf der Bank erhobenen Betrag von 5000 Mark cintragen soll, will er wieder eine nämliche ausgefallene Buchung eintreten laßen." Der Chef trat näher und ließ sich von dem jungen Mann die betreffenden Seiten der Hauptbücher ausschlagen. Auf dem Comtoir herrscht Todtenstille — sämmtliche Kommis hatten die Feder hingelegt und stierten nach dem interessanten Trio hin. Mir war es, als sollte ich hineinstürzen und den Unglückliche» von seiner Marterstelle hinwegreißen. „So viel ich ans diesem flüchtigen Ueberblick ersehen kann," sagte Herr Ludwig mit leiser durchdringender Stimme, „haben Sie sich diesen Betrag von 60- bis 65,000 Mark angeeignet. — Ist dies der Fall. Olmütz?" „Ja, Herr Geler." „Darf ich fragen, zu welchem Zeck?,, „Differenzen auf der Börse zu decken." „Hm. Wie viel können Sie davon aufbringen?" „Ich habe erst heute Abend erfahren, daß Alles verloren ist." Ich blickte zu ihm hin, aber ich mußte gleich wieder wegsehen. Das verzerrte Gesicht dieses eisernen Mannes war zu gräßlich. „Oh," sagte Herr Ludwig mit schinerzlich zitternder Stimme, „wer mir noch vor einer halben Stunde gesagt hätte, daß Olmiitz ein gemeiner Dieb, schlimmer als ein gemeiner Dieb sei, den hätte ich zu Boden geschlagen. — Sie wissen, mein seliger Vater hat testamentarisch verordnet, daß Sie nie entlassen werden, daß Ihr Gehalt von 4000 Mark Banko nie verringert werden sollte. Sie haben diesen Kontrakt gebrochen. Gehen Sie, gehen Sie für immer, das Haus vergiebt Ihnen, es wird Sie nicht verfolgen. Herr Kaiser, schreiben Sie den Posten auf Gewinnuud Verlustkonto ab. Und Sie, meine Herren," zu den übrigen Kommis gewendet, „ich nehme Ihnen Ihr heiligstes Ehrenwort ab, daß von diesem heimlichen Vorfall kein Wort, keine Anspielung über Ihre Lippen kommt." Damit wandte sich Herr Ludwig und ging in sein Zimmer. Der Unglückliche stand noch immer auf derselben Stelle wie mit einem Ausdruck des Blödsinns vor sich hinlächelnd. Die Anderen blickten verstohlen nach ihm hin, dann flogen die j Federn wieder gleichmäßig über das Papier. Endlich ging der brave Johann, faßte seinen früheren Büreau-Chef sanft bei der Hand und sagte: „Kouunen Sie, Herr Olmütz, Sie sind nicht wohl, kommen Sie, draußen wartet Herr Jacobsohn, der wird Sie nach Hause bringen." Er führte ihn hinaus. Als Olmütz mich sah, gewannen seine Züge einen Ausdruck der Beruhigung. „Ach, Jacobsohn," sagte er, „Sie verstoßen mich nicht auch, das danke Ihnen Gott. Geben Sie mir Ihren Arm, ich fühle mich schwach, wie ein Kind." Und als wir über die Straße gingen, „Nun ist auch mein Traum aus," fuhr er stehen bleibend und mich starr ansehend fort: „Ich bin vom Derech Hajoschor*) abgegangen, | ich taumelte in der vierten Dimension und wußte es selbst nicht. — j Es ist zum Lachen, zum Lachen." | Und damit endet diese wahrhafte Geschichte. Ich will Euch lieber den Schreck des greisen Vaters über die vorgebliche Krankheit seines Sohnes, sein plötzliches Znsammenbrechen, verschweigen, als er nach kurzer Frist das im Munde aller Leute befindliche Geheimniß erfuhr, ich kann Euch auch nicht berichten, wie der elende Urheber dieses Unheils, von der Gesellschaft geächtet, in dem unermüdlichen vergeblichen Bemühen für die darbenden Seinen das Brod zu beschaffen, jammervoll dahin siechend, bald dem Alten in die Grube folgte. — Aber das will ich sagen, daß er vor seinem Hinscheiden Weib und Kindern, für die er das Todtenopfer gebracht, äußerlich die Ehre wiedergegeben hat, und daß brave Menschen sich erfolgreich der Verlassenen augenommen haben. Die ehrliche Arbeit der Söhne hat der Mutter ein friedliches Alter gesichert. Das ist ein Trost, ein großer Trost! 0 vom geraden Wege. U

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