Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 597 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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597 „Blos mit dem Raphael!" „Ach, der ist schon da, das ist aber schön. Gu'n Tag. Raphael. Wart einmal, ich komm durch den Hain zu Euch. Der Raphael kann ja mitgehen, heh Recha?" „Wohin?" fragte Raphael. „Ach spazieren, heute Abend." „Mit dem Bodenbender?" „Ja!" „Da geh ich unter keiner Bedingung mit. Der Mensch nhzt mich immer. Nur wenn er mich benutzen kann, bin ich sein Freund." „Gott, Du thust doch der Anna einen Gefallen." Da kam auch die Anna schon durch die Erbsenbeete geglitten. „Gott, der Raphael," sagte sie und reichte ihm die Hand. Anna war ein hübsches Mädel. Sie bewegte sich trotz ihrer vollen Formen leicht und graziös. Auf ihrem Haar spielte die Sonne in goldenen Lichtern. Ihr Gesichtchen war fast weiß, die Wangen mit leichtem Roth übertüncht, jetzt blickte sie den kleinen Juden mit ihren klargrauen Augen fragend an. „Hat Dir die Recha schon gesagt, Raphael?" „Ja, ich geh nicht mit." „Ra, warum denn eigentlich?" „Wozu denn auseiuandersetze». Ich mag nicht, der Bodenbender ist mir nicht darnach." „Da will ich auch nicht," sagte jetzt auch Recha. „Ich weiß überhaupt nicht, ob ich kann. Die Mutter hat so viel mit dem Heumachen zu thuu, und der Vater ist nach Grüuberg, Ochsen kaufen." „Geht, macht's doch möglich," bat jetzt Anna wieder. „Und Du, Raphael, sei doch nicht so, der Bodeubender ist doch ein ganz braver Mensch. Thust Du's? Heh, mir zu Gefallen?" „Na, wir wollen einmal sehn." «Fortsetzung folgt.)? Wern Freund Olmütz. Von W. Herzberg. (Schluß.) „Also trösten wir uns," entgegnete ich, in meinen trüben Gedanken den Alten mißverstehend, „daß Alles einmal ein Ende nimmt." „Wie kommen Sie mir vor, Herr Jacobsohn," und der Alte schob die breite Mütze unwillig in den Nacken, „so spricht kein ehrlicher Jüd — für mich ist das gar kein Trost, freilich, was Haschen, Boruch hu y schickt, ist gut; aber wenn ich denke, wie schwer es mir geworden ist, als meine selige Gitel, mit der ich dreißig Jahre in Frieden gelebt habe, von mir sortgegangen ist, — und mit meiner Neschomo^) lebe ich ganz zufrieden schon diese fünfundsiebzig Jahre" — „Und Gott soll Sie »och viele Jahre die wohlverdiente Ruhe genießen lassen." — „Ich danke Ihnen, Herr Jacobsohn; freilich, man hat auch sein Päckel zu tragen, Sie wissen, kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen. Aber nicht von mir spreche ich, ich spreche von Ihnen. Wenn der Käs —* „Lassen Sie mich mit dem Käs in Ruhe, er wächst mir schon genug aus dem Hals heraus —" „Nu," sagte der Alte beruhigend, „man muß nicht auf die schlechten Zeiten schelten, man muß ihnen aus dem Wege gehen. Wie ich noch ein junger Mensch war, bin ich gar unter die Soldaten gegangen." „Sie, Herr Olmütz?" „Ja. und noch dazu unter die Franzosen, das war unno 1810." „Sie sind Soldat gewesen, Herr Olmütz, das ist mir neu, davon müssen Sie mir erzählen." „Und Spaß genug hat es gegeben; wie ich z. B. nial in einem ganz gesunden Regen mit meinem aufgespannten Regenschirm nach der Kaserne komme, und gerade der Unteroffizier vor der Thüre steht, ei, jei, jei, hat es da unter allgemeinem Gelächter gefichtert (fichtre) und gebougert (bougre)! — Aber wenn Sie von der Zeit mehr wissen wollen, so müssen Sie unfern Nathansen fragen, dem habe ich Alles erzählt, und der will es ja in die Bücher schreiben?) Nun, warum kommst Du nicht herein?" Ich blickte mich um. Olmütz junior stand im Eingang, er rauchte gemüthlich seine Cigarre mit dem alten mysteriösen Gesicht unbeweglicher Ruhe. „Ich muß ins Geschäft, Vater, wollte nur einen Augenblick guten Abend sagen." Ach, das ist schön, daß Sie gekommen sind," sagte ich, aufstehend, „Sie hatten mir ja versprochen" — Er blickte, als verstehe er mich nicht, vor sich hin, nur leise mit den Achseln zuckend. Ich war sehr verdrießlich, mehr feinetals meinetwegen, aber ich wollte den Versuch zu Ende führen; so ver- I abschiedete ich mich von den braven Leuten, und folgte dem „Freunde", l der mit einem tonlosen „Adjes" den Laden verließ. j VI. | Wir gingen schweigend durch die stille Mühlenstcaße, kreuzten j den Markt mit seinen Buden und tauchten in das Gewühl der Unterstadt. Mir war das Herz zu voll, ich konnte nicht mit ihm sprechen, und er hatte die Gewohnheit zu schweigen, wenn man ihn nicht anredete. An der Elleruthorbrücke kam uns ei» langer Herr entgegen, der bei unserem Anblick betroffen stehen blieb. „Herr Olmütz," rief er, da erkannte ich ihn, es war der Börsenmakler Rehfeld. Der Angerufene blickte ans. „Haben Sie etwas Neues, Herr Rehfeld?" Der winkte ihm, und sie traten zur Seite. Ich ging ruhig auf und nieder, aber es fing an kalt zu werden, und das Gespräch wollte kein Ende nehmen. Endlich blieb ich stehen und blickte hin. Sie standen unweit der Gaslaterne. Der volle Schein fiel auf Olmütz' Gesicht, das erschreckend bleich ausfah. Er hatte freilich immer eine blasse Farbe, aber jetzt sah er gelb und grün aus. Ich konnte mich nicht zurückhalten. „Um Gottes Willen, was fehlt Ihnen, Olmütz?" rief ich. Wie ich hinzu eilte, hörte ich noch das Wort „Krach" aus dem Munde des Maklers, dann drehte sich Olmütz, reichte Jenem maschinenmäßig die Hand, und tute setzten unseren Weg fort, i „Eine llnangenehine Nachricht?" fragte ich. Er schüttelte schweigend den Kopf, ohne mich anzusehen. Als wir bei dem Büreau in der Rathharisstraße angekommen waren, traten wir stille in das Haus. Ich kannte die Räumlichkeiten wohl, da ich ihn oft von dort abgeholt hatte. „Ich werde im Vorzimmer warten," sagte ich, „sehen Sie zu, ob Sie mir die Kleinigkeit besorgen können, ich bin iir großer Verlegenheit." Er sah mich starr an. Ich konnte aus dem Ausdruck seines j Gesichtes nicht entnehmen, ob er mich gehört habe. Aber da es x) Ist später wirklich geschehen. Siehe W. Nathansen, Ans Hami burgs alten Tagen. Hamburg, Jürgensen & Becker 1894. x) Der Ewige, gelobt sei er. 2) Seele.