Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- Seite 596 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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596 mit dem Vorimme», er war sein Stolz, der Heros seiner Klasse, denn es mochte eine Gleichung noch so komplizirt sein, Raphael sand sich aus und rettete die Ehre der Prima. In den andern Fächern war Raphael nicht mehr als ein tüchtiger und gewissenhafter Schüler. Am wenigsten leistete er im Deutschen, und der Lehrer, der einer bekannten hessischen Theologenfamilie entstammte, verhöhnte ihn imnier wegen des „jüdischen Deutsch", das er schriebe. Raphael aber zahlte diesen Hohn des antisemitischen Herrn meistens mit Zinsen heim, denn er war ein feiner, kritischer Kopf und hatte bald die Schwächen des Herrn Doktor erkannt. Bei jeder Gelegenheit lies; er ihn zum Gandinm der Klasse, die den kafferischen, »»fähigen Patron haßte, aufsitzen.- Als der junge Gymnasiast über die Wetterbrücke ging, begegnete ihm einer seiner Mitschüler, der erst zu Ostern eingetreten war. „Morj'n, Raphael, wieder glücklich angekommen, was macht der Tateleben?" „Laß doch Deinen dummen Uhz," entgegnete der Gefoppte ruhig, „es scheint wirklich, aller Witz ist Dir abhanden gekommen. Wenn Du wieder mit Deinem Extemporale fest sitzest, bin ich Dir gut genug." „Unsinn, werde doch nicht gleich grob, man sagt doch so." „'Stein, man sagt nicht so, das ist eine furchtbare Rohheit, die hier nicht einreißen sollte. Du hast auch erst den ruppigen Ton hier eingeführt, Tn Großstädter mit dem großen Maul." „Du, ärgere mich nicht, einfältiger Jndenbcngel!" „Es ist doch so, vorne getroiumelt und hinten keine Soldaten. Mit Schimpfen erreichst Du bei mir gar nichts. Und nun geh' Deiner Wege." Raphael war tiefer verletzt, als es scheinen wollte; das war ihm noch nicht begegnet während der sieben Jahre, die er schon in Lauborn weilte. Er ging verstimmt weiter nach dem Marktplatze zu und bog in die Planken, eine alte Straße, die hauptsächlich ans Scheunen bestand. Pflaster hatte sie nicht, und wenn es nur ein klein wenig regnete, so watete man in dem tiefsten Morast. Bor dem kleinen Lädchen des Feist Wolf blieb der junge Primaner stehen, hier wohnte er. Es war ein altes, baufälliges Lehmhaus, an dem überall der Bewurf herabgefallen war. Durch eine niedere Thür trat man in einen feuchten Flur, der allerlei Geräthschaften zur Landwirthschaft beherbergte. Eine steile Treppe führte ins Hochparterre hinauf, wo der Laden und die Wohnung der Familie Wolf lag. Raphaels Zimmer ging nach hinten hinaus auf den Hain, wie ein Stück Gartenland von den Lanbornern genannt wrrrde. Im Hanse selbst ivar es sehr ruhig, denn die erwachsenen Betvohner waren draußen auf dein Felde, um die Heuernte hereinzubringen. Feist war ein eifriger Viehzüchter und fleißiger Landwirth. Er hatte Wiesen und Ackerland an der Röthgeser Gemarkung und ein paar Lappen im Hain. Diese besorgte fast allein Recha, seine Erstgeborene. Sie grub mit Hülfe ihres jüngeren Bruders, und säete und pflegte die aufgehenden Gemüse. Für Recha glühte Raphael in stiller Liebe. Feists Alte hatte das bald heraus und begünstigte ihren Pensionär auffällig. Zu ihrer Tochter sagte sie: „Halt' der'n warm, er is fleißig und brav, er werd's zu was brenge, im da biste gut versorgt." „Wann er die lang' Noos net' hätt'!" „Was geht Dich die Noos an, er werd Rewe un de kommst in schene Kreise, mach' kah Stuß, halt' der'n warm." „Un der Ephraim?" „Ter Ephraim, das Gehlche, der is ja narrisch und zieht Dich blos ernm. Un was kann Dich der Ephraim nutze, er is ja noch e mol so alt wies Du, und was werschte? e Bauernmaad, wie Dei Mutter." Recha war seitdem freundlicher gegen den unscheinbaren Raphael. Oester als sonst brachte sie ihm den Nachmittagskaffee und plauderte dann wohl ein Stündchen mit ihm. Aufgeweckt und bildungsfähig, wie sie war, ließ sie sich über alles Mögliche belehren, sie las Bücher, die ihr Raphael lieh, und suchte sich mit heißem Bemühen in eine höhere Sphäre geistiger Bildung hinein zu arbeiten. Das gelang über Erwarten. Dabei blieb sie aber doch, was sie war, das einfache, naiv kokette Landinädchen. Kein Wunder, daß sie den gleichfalls naiven Raphael vollständig bezauberte. Sie merkte das mit stillem Behagen, denn allmälig hatte sie den gescheiten, schlichten Jungen lieb gewonnen. Von seinem Gesicht sah sie bald nichts mehr als das große, dunkle Forscherauge. An das Unschöne hatte sie sich gewöhnt und nur das Schöne fiel ihr noch auf. Aber Raphaels Schüchternheit ärgerte sie. Er müßte doch längst gemerkt haben, daß sie ihm gut sei, warum redete er nicht? Er war doch ein zu dummer, guter, treuer Kerl. II. Raphael betrat sein kleines Zimmerchen. Eine dumpfe Luft herrschte darin, es roch wie nach gedörrtem Obst. Er öffnete das Fenster, die frische Frühlingsluft, die der große Birnbaum, der vor dem Fenster seine Zweige ausbreitete, hereinwehte, strich kosend über sein struppiges schwarzes Haar. Er lehnt sich hinaus und gewahrt dort an der Ecke, wo der Hain mit einer Mauer in den Hof eines Weißbinders abfiel, Recha, die, den einen Fuß auf die Grabschüppe gestützt, hinunter nach der Straße redete. Ein sonnig freudiges Gefühl überkam ihn, Recha, seine Recha, wie würde sie sich freuen, daß er zurückgekehrt. Er stülpte den alten Strohhnt auf und eilte hinunter durch den kleinen Garten in den Hain. „Recha, Recha," rief er jubelnd, und das Mädchen fuhr herum, ließ Alles stehn und liegen, eilte ihm entgegen und reichte ihm die kleine erdige Hand, die er herzlich drückte. „Bist Du endlich wieder da?" fragte sie lächelnd. Sie nannten sich du, denn als sie sich kennen gelernt, war er elf und sie acht Jahre alt gewesen. „Ja, ich bin wieder da, sogar einen ganzen Tag früher." „So, warum denn, hat Der's zu Hause nicht gefallen? Wie geht's denn dem Vater und der Mama." „Ach Gott ja, weißte, wies so alte Leit' geht. Immer krittelich und kränklich. Aber es sind gute Menschen. Es war mir wohl zu Haus die paar Tage." „Und doch biste so früh abgereist?!" „Ja, siehste, Recha, es giebt doch hier noch manches zu thun, einmal hierhin, einmal dahin zu hören, wic's steht. Und dann — Gott ja — man hat sich so an seine Umgebung gewöhnt. Siehste, ich bin doch so recht gern hier in Lanborn. Ihr seid so gute Leit, und ich habe Euch Alle so recht lieb, und dann, na, Du weißt ja . . . die Freunde." „Recha, Recha!" rief es unten von der Straße herauf. „Wer ist denn da!" „Ach, blos die Anna!" „So, was will sie denn?" „Gott, ich soll heute Abend ... mir ist das so unangenehm . . . ich Hab' gar keine rechte Lust, weißte mit dem Bodenbender." „Mit dem Bodenbender, na, was ist denn mit dem?" „Der ist auch schon wieder zurück." „Weiß ich, an der Wetterbrück ist ec mir begegnet. Weißte, das ist ein ganz gefährlicher Patron. Kann nichts, leistet nichts und hat den Kopf voll lauter Lumperei." „Gott, er hat ein Verhältniß mit der Anna." „Recha, mit wem redste denn da oben?" fragte jetzt Anna von unten.