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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-15 · Heft 50 (15.12.1893) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
Seite 595 (sequence 9)
Language
German
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595 stimmen. Er wird zanbergewaltig, er versteht die Sprache der Vögel, er hält alle bösen Geister in seinem Ban». Aber den, christlichen Mittelalter beginnt es vor dieser Gottähnlichkeit bange zu werden, and gleichsam um seine stolze Weisheit zu demiithigen, setzt es ihm sen Markolf entgegen. Die Reformation drückt weiter den selbst-! herrlichen Helden des Wissens und der frommen Werke herab gegen! sen demiithigen Büßer David. Für Klopstock ist er schon zum Ver-! tretet der gefährlichen Ueberweisheit geworden, eine Art gefallener; Engel, ein menschlicher Lucifer. Die Modernen fassen ihn ganz und gar als Typus der Blasirtheit, das „Vanitas vanitatum" wird! ihnen zum Schlliffel seiner Persönlichkeit. Aber schon wieder beginnen; Andere das Edle und Vornehme in seiner Erscheinung herauszuarbeiten. Paul Heyse hat versucht, ihn durch die Liebe von dem Fluch der Weisheit z» erlösen; ein französischer Autor, Villiers de l'Jsle Adam, macht ihn zum Repräsentanten der tiefen menschlichen Sehnsucht, das Unerforschliche mit den ©innen zu begreifen. Tiefer noch hat Gottfried Keller die beiden Seiten dieser Gestalt erfaßt, die gerade um ihres inneren Gegensatzes willen den Dichtern und Denkern aller Zeiten immer neuen Reiz bietet. Er beschreibt eine Reihe von Gemälden: Das erste war ein Salomo mit der Königin von Saba, ein Mann von eigenthümlicher Schönheit, der sowohl das hohe Lied gedichtet als geschrieben haben mußte: Alles ist eitel unter der Sonne! Die Königin war als Weib, was er als Mann, und Beide, in reiche Gewänder gehüllt, saßen allein und einsam sich gegenüber und schienen, die glühenden Augen Eines auf das Andere gehestet, in heißem, fast feindlichem Wortspiele sich das Räthsel ihres Wesens, der Weisheit und des Glückes herauslocken zu wollen. So ist schließlich auch diese Gestalt des Alten Testaments dahin gemündet, wohin alle tiefen Probleme der deutschen Dichtung immer wieder führen: zu der Gestalt des immer Strebenden, rastlos um die Wahrheit Ringenden. Einmal heißt er Odin, einmal Parcival, einmal Faust, und immer ist es derselbe Geist, für den, wie Lessing so schön gesagt hat, das Suchen nach der Wahrheit ist, während die ganze Wahrheit nur für Gott allein ist. Und in diesem Geiste werden die nie veraltenden Gestalten des Alten Testaments auch fürderhin noch poetische Verjüngung uitb Erneuerung erfahren in der neueren Litteratnr und in aller Litteratur. — U -«■- FEUILLETON Maphael Goldschinrdt. Eine Erzählung aus Oberhessen von Ferdinand Runkel. struppig. Der ganze Oberkörper erscheint zu klein für die langen Beine, die in kurzen abgetragenen Waschhosen stecke». Unangenehm lang ragen darunter die mächtigen, rindledernen Schaftenstiefel hervor. Der arme Junge weiß, daß die Natur seinen Körper vernachlässigt, aber er tröstet sich leichter darüber, denn sie hat ihm einen scharfen Verstand, einen rastlosen Fleiß und ein treues, reines Herz verliehen. Jetzt hat er das Städtchen hinter sich. Die Landstraße liegt vor ihm. Schon brennt die Sonne scharf auf ihn herunter. Er beeilt sich, den Wald zu erreichen, denn in dem Schatten der kühlen Buchen, im Duft der blühenden Himbeersträucher wandert es sich leichter. Raphael freut sich, daß die Schule wieder beginnt, sein reger Geist hatte zu Hause im engen Kreise seiner Familie keine Ruhe. Mit wem konnte er da von mathematischen Formeln, von physikalischen Gesetzen reden. Der alte Vater, ein pensionirter Lehrer, war halbtaub, und die Mutter saß ewig in einer Ecke und strickte. Sie erzählte immer von der guten alten Zeit, und nur die Frage, „was soll ich Dir heute kochen, mein Kind?" brachte etwas Abwechselung i» das Alltagsleben. Die gute alte Frau hatte ja auf dieser Welt nichts mehr als ihren Sohn. Er war ihr Stolz, ihr Glück, ihr Alles. Und sie mußte ihm doch etwas zu Liebe thun, wenn auch in den Ferien die Zinsen des kleinen Vermögens aufgebraucht wurden. Raphael vergalt der Mutter reichlich ihre Sorge, nicht durch Schmeicheleien, nicht durch leere Phrasen, sondern durch eine werkthätige Kindesliebe. Er war stets der Erste in seiner Klasse und niemals kam ein Tadel über sein Betragen. Er verehrte die alte Frau wie eine Heilige, und an dem Vater hing er mit jeder Faser seines Herzens. Hatte ihn doch der alte Mann nie geschlagen. Er war ihm immer mehr ein Freund, als ein Erzieher gewesen. Dem Jungen sollte alles das zu Theil werden, was ihm selbst versagt gewesen war. Er sollte sich nicht als armer Schulnieister quälen, er mußte höher kommen, Rabbiner werden. „Raphaelche, mein Schnnckelche, soll's werden, davor Hab' ich gesorgt un gespart, er werd's, dazu hat mer Gott geholfe, sein Name sei gelobt!" sagte er oft zu seiner Frau. Aus diesem engen Kreis häuslicher Liebe und Friedens hotte sich der Gymnasiast unter heißen Segenswünschen der Eltern losgerissen, um zur Ringschule des Geistes zuriickzukehren. Er wunderte rüstig vorwärts, vorbei an der großen Linde voir Stillingen und dann hinaus in die Berge, die sich bis nach Lauborn hinziehen. Er schritt einen ausgewaschenen Höhenpfad hinauf, zwischen grünenden Saaten hin. Auf dem Sattel des Gebirges erreichte er durch ein dichtes Wildrosengestrüpp den kühlen Hochwald, und nach Verlauf von einer Stunde marschirte er festen Schrittes in Lauborn ein. I. Der Frühzug der Oberhessischen Bahn lief eben in den Bahnhof ein. „Wetterstadt!" schrie der einzige Schaffner und riß die Koupeethüren auf. Warum? es stieg ja doch Niemand aus .... Doch! Dort ganz vorn an der Lokomotive sprang ein junger Mensch aus dem Wagen. Es war Raphael Goldschmidt, ein Zögling des Gymnasiums zu Lauborn, das etwa zwei Stunde» von der Station entfernt liegt. Raphael kannte den Weg genau. Er zögerte auch nicht lauge, huckte sein Nänzel auf die Schultern, schwang seinen etwas zu großen Stock durch die Luft und wanderte froh in das Städtchen hinein. Raphael ist ein kleiner unscheinbarer Kerl. Niemand sieht ihm den Primaner au. Sein Gesicht ist gelb und dicht mit Sommersprossen bedeckt, seine Nase ist lang, die Stirn flach und die Haare Oberhesfen war zu jener Zeit der Schauplatz der wüstesten Antisemitenagitation, die Lumpen unter den Bauern schrieen nach „juden-! freien Viehmärkteu", und das Gesindel hetzte Land und Leute zu- : sammen. In Lauborn war es noch verhältnißmäßig ruhig. Friedlich; lebten die Bürger aller Konfessionen neben einander, sie schritten zuz sammen zur Bürgermeisterwahl und saßen geineiiisain beim Stammschoppen. Nur unter der Jugend hatte der Judenhaß schoir etwas i Boden gewonnen, in den Schulen kam er zuvörderst zum Ausdruck. Raphael litt wenig von der neuen Strömung. Er war ein zu treuer Kerl, ein zu hilfsbereiter Mitschüler, als daß man ihn seine Abl stammmig Hütte fühlen lassen. Dazu kam noch, daß der Direktor : des gräflichen Gymnasiums — ein zwar etwas zerstreuter, aber doch! seelenguter Herr — an Raphael ivegen seiner eminenten Begabung i für Mathematik einen Narren gefressen hatte. Er uanute ihn immer

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