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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-15 · Heft 50 (15.12.1893) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
Seite 594 (sequence 8)
Language
German
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594 als gleichberechtigt: wieder und wieder spricht es Cain aus, Gott habe ihn nun einmal anders gemacht als den Abel, und es sei nicht seine Schuld, wenn er anders handeln müsse. — Mit all' diesem ist doch Cain eigentlich nur eine Wiederholung Adams: den Sündenfall hatte man ja voir jeher erklärt aus Adams Forschen nach dein Unerforschlichen. Unter bein Pathos dieser neuen Auffassungen der alten Motive wirkte die idyllische Auffassung des A. T. nahezu komisch. Und sie fand denn auch einen parodirenden Bearbeiter in Baggesen (1826). Er stellt Eva als die Urnaive da, Projizirt die Nervosität der sentimentalen jungen Damen ins Paradies und sucht aus den Situationen der ersten Langeweile, des ersten körperlichen Schmerzes Vortheil zu ziehen wie Klopstock und Gessner aus der des ersten Todes: Einst, Abends, als beim Untergang der Sonne, Nachdem sie Blindekuh gespielt den ganzen Tag, Das liebe Paar am Quell zusammenlag Und lauschte seinem Murmeln und dem Schlag Der Nachtigall: „Es ist doch eine Wonne." Sprach Adam, „so gestreckt auf grüner Flur, Gemächlich zu betrachten die Natur, Wie schön sie ist — und nicht dem Auge nur. Dem Ohr zugleich!" — indem er alle Glieder dehnte Voll Wohlbehaglichkeit. — „Ja, sie ist wunderschön. Das ist gewiß," stimmt Evchen ein — und gähnte. „Du gähnst, mein Engel?" — „Gähnt ich?" seufzte sie — „Du seufzest gar?" — „Ich bin, ich weiß nicht wie — „Ganz schläfrig, ohne Schlaf." — „Du bist vom Blindekühen Vielleicht ein wenig müd und möchtest ruhen?" „Das nicht," versetzte sie, „vielmehr das Widerspiel — „Ich möcht', ich weiß nicht was, ich ruhe nur zu viel." — ¥ Sie gingen jetzt, nach Sonnenuntergang, In fröhlichem Gespräch von dem Genüsse, Den 's Reisen so die ganze Welt entlang Gewährt bei jedem Schritt im Ueberflusse — Als Evchen plötzlich in die Höhe sprang. Und schrie: „Die Erde brennt!" — der Gatt' umschlang Sie schnell, verlor das Gleichgewicht, als bang Er sie vom Boden hob — und Beide, glaub ich, fielen — — Zum Glück ins Gras. — „Was ist's, mein süßes Herz?" Frug Adam angst. „Ein beispielloser Schmerz," Antwortete sie seufzend, „in den Stielen Dudu's — ein glühend wunderbarer Riß Hier — ach! hier — weh! Dudu verwelkt gewiß." — Es war ihr erster Schmerz; er kam von kleinen Schwielen, Die Adam kaum bemerkt, so mußt' er, was es war. Er hatte selbst ein Paar Und hatte die Bekanntschaft schon seit lange Gemacht, als er ein Junggesell noch war Und in dem Eden wettlief, wie ein Narr, Mit Antilopen. — Aber wenn schon bei Byron sich ein entschiedener Gegensatz gegen die alte Auffassung der biblischen Gestalten gezeigt hatte, so wächst unter dem Druck eines allgemeinen Pfaffenhasses, einer weit verbreiteten Anfeindung der Bibel dieser Gegensatz sich zu Dimensionen ans, welche den harmlosen Humor Baggesens weit hinter sich lassen. Vor Allem ist es wieder König David, gegen den diese neue Anschauung sich mit leidenschaftlichem Hasse richtet. Alfred Meißner, der auch ein Drama; „Das Weib des Urias", schrieb, greift in wild bewegten Bersen den Musterkönig des Mittelalters an. Es ist klar, daß ein solcher Angriff auf David mindestens eben so unhistorlsch ist. als seine unbedingte von Haller fdjou preisgegebene Verehrung nur irgend sein konnte. Und so fehlt es denn auch selbst in dieser von leidenschaftlichster Polemik antireligiöser Art erfüllten Zeit nicht an Dichtern, welche an den biblischen Stoffen nicht die Möglichkeit zeitgenössischer Anspielungen, sondern lediglich das psychologische Motiv interessirt. Wie eine Stimme aus der Zeit Bodmers klingen Rückert's biblische Szenen von Saul und David (1844). Aber durchaus modern faßten zur selben Zeit in derselben Stadt zwei wahrhafte Dramatiker altberühmte biblische Motive an. Hebbel's Judith sowohl als Grillparzers Esther sind lediglich auf ein psychologisches Interesse aufgebaut. Grillparzer fragt sich: Was kann daraus entstehen, wenn ein in allem Prunk des Orients ausgewachsener Fürst mit einem einfachen Landmädchen aus fremdem Stamm eine Ehe eingeht? Das Problem, wie er es stellt, hat viel eher Aehnlichkeit mit dem abenteuerlich historischen seiner „Jüdin von Toledo", als mit dem der Esther Racines, deren steife Typen seiner Zeit Goethe in der übermüthigen Parodie seines „Jahrmarktsfest zu Plundersweiler" dem Gelächter preisgegeben hatte. — Noch raffinirter ist Hebbel in der Auswahl des springenden Punkts seines Dramas. Ihn reizt die Frage, wie ein fronnnes und tugendhaftes Mädchen dazu gebracht werden konnte, eine ungeheure That zu thun, ungeheurer noch durch ihre Vorbereitung, als durch die Vollbringung selbst. — Etwa die Mitte zwischen diesen rein historischen Dramen mit biblischem Stoff und den älteren Versuchen, Motive des alten Testaments historisch zu erneuen, steht Otto Ludwigs gewaltiges Drama „Die Makkabäer" (1852). Gestalten echt biblischen Gepräges stehen im Mittelpunkt: der siegreiche Glaubenskämpfer, die heldenhafte Mutter; aber daneben ist ein durchaus modernes Motiv eingeführt: die Besiegung und Beschämung des aristokratischen Stolzes durch die Macht hingebender Liebe. Das aber ist allen dreien Dramen gemein, daß die Teilnahme ihrer Dichter unwillkürlich von den althergebrachten Hauptpersonen sich auf Nebenfiguren gelenkt hat: Judith tritt neben Holofernes zurück, Esther neben Ahasverus, Judas Makkabäus neben seiner Mutter. — Werfen wir einen Blick zurück, so finden wir die verschiedenen Auffassungsweisen in beständigem Wechsel. Auch in der Auswahl der behandelten Gestalten zeigen sich die Verschiedenheiten der Epochen in charakteristischer Weise. Dennoch ist im Vergleich zu der großen Zahl der im Alten Testament auftretenden Gestalten der Kreis der von der neueren Dichtung behandelten ein verhältnißmäßig enger. Besonders auffallend ist es, daß die großen Heldengestalten der Propheten, für die jetzt herrschende Anschaulmg vielleicht die bedeutsamsten Figuren des Alten Testaments überhaupt, bei den Dichtern so wenig Beachtung gefunden haben. Andere Motive, die zeitweilig behandelt wurden, sind später durch die Konkurrenz verwandter klassischer Themata außer Gebrauch gesetzt worden, so die Opferung der Tochter Jephta durch die der Tochter Agamemnons. Manche zu poetischer Verjüngung förmlich herausfordernde Gestalten sind aber überhaupt niemals in das Reich der Poesie eingeführt worden; so Rehabeam, der Enkel eines großen Eroberers, der Sohn eines weisen Friedenssürsten, der durch eigene Ungeduld und durch Verführung seiner Umgebung das ererbte Reich zerbricht. — Wie ein roth'. Faden zieht durch alle Perioden fast nur eine Geschichte sich hindurch, die bezeichnendste von allen: die Geschichte Salomos. Schon der Salomo der Bibel ist, wie neuere Forschungen wahrscheinlich machen, von der schmückenden Phantasie seines Volkes über feine wirkliche Geltung erhoben worden. Doch war der wirkliche Salomo unzweifelhaft ein tüchtiger und glücklicher Herrscher, auch den Künsten in besonderem Maße zugethan. Er wird nun zum Musterkönig des jüdischen Volkes, wie David der christliche Musterkönig wurde. Auf sein Haupt werden alle Ehren gehäuft, Macht und Ruhm bis in ferne Lande, Gold und Weisheit finden sich zu-

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