Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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sei eine naheliegende Befürchtung, daß Gewaltthätigkeiten wirklich eintreten würden, nicht vorhanden gewesen. Da jedoch von der Strafkammer festgestellt worden sei, daß beschränkte und heißblütige Menschen wahrscheinlich durch den Artikel zu Gewaltthätigkeiten sich hinreiben lassen könnten und daß der Angeklagte sich dessen auch bewußt gewesen sein mußte, so verwarf am 23 November das Reichsgericht die Revision als unbegründet. o. Leipzig, 5. Dezember. Am 2. und 3. d. Mts feierte die „Ge^ sellschaft der Freunde" hier das fünfzigjährige Jubiläum ihres Best hens in außerordentlich feierlicher und solenner Meise. Die Gesell-' schaft wurde 1843 von 18 unverheiratheten Männern gegründet und zählt heute 127 Mitglieder, die Elite der jüdischen Gemeinde zu Leipzig. Eines der eifrigsten Mitglieder der Gesellschaft war der verdienstvolle Jacob Nachod seligen Angedenkens. Ter Verein hat für Humanität und Geselligkeit hier viel gewirkt. Er hat sich bei allen öffentlichen Sammlungen, überall, wo es galt, unverschuldetes Elend zu mildern, betheiligt und durch Stipendien an zahlreiche Bedürftige, deren weitere Bildung in Kunst, Wissenschaft und Gewerbe gefördert Gegenwärtig besteht der Vorstand aus den Herren Louis Goldschmidt, Selmar Frank, Mar Lev:), Sigmund Nelke und den: unermüdlichen, überall thätigen, überall wirksam eingreifenden, in seiner Humanität und Wohlthätigkeit für alle jüdischen Angelegenheiten wirklich einzigartigen Alphons Jacobson. Das Jubelfest der Gesellschaft begann zunächst mit einem Festakt im Saale des Kaufmännischen Vereinshauses, welcher durch einer: szenischen Prolog, den die Freundschaft, die Wohthätigkeit und die Geselligkeit sprachen, wirksam eingeleitet wurde. Hierauf folgte die Festrede, welche Herr Dr. Gustav Karpeles ans Berlin gehalten hat. Daran schloß sich die Uebergabe einer Adresse als Ehrenmitglied für die Herren Adolf Fränkel, welcher seit der Begründung der Gesellschaft angehört, und Louis Gotdschmidt, ihren vortrefflichen Vorsitzenden. Namens der Damen überreichte Frau Dr. Plaut mit sehr anmuthigen Versen einen prachtvollen silbernen Pokal der Gesellschaft, der auch ein von Frl. Nelke sehr hübsch gezeichnetes Gedenkblatt gewidmet wurde. Illach einer Pause von zehn Minuten begann das Konzert, welches in allen Theilen sehrgut ausgeführt wurde und jubelnden Beifall fand Den zweiten Theil des Festes bildete das Festessen und der daran sich schließende Ball, welcher einen ausgezeichneten Verlauf nahm. Geschmackvolle Arrangements, prächtige Ueberraschungen, geistvolle Toaste, witzige Tafellieder u. s. w. machten das Fest zu einem der gelungensten, die wir seit Langem gesehen haben, so daß dasselbe lauge in der Erinnerung aller Theil - nehmer bleibe:: wird. M. K. Nürnberg, 4. Dezember. Am Montag, den 11. Dezember FQTftPT rD3n d. I. begeht Herr Cantor Abraham Ebert in Fürth seinen 70. Geburtstag. Soviel wir vernahmen, beabsichtigt die israelitische Gemeinde Fürth, denselben offiziell festlich zu begehen, und wird es daher den: Jubilar an verdienten Ehrenbezeugungen gewiß nicht fehlen. Herr Ebert war stets ein pflichttreuer Beamter, ein edler Gatte und Vater, ein bewährter Freund und Kollege. Er gehört noch zu den wenigen echt süddeutschen, biederen Kultusbeamten, deren Reihen, aus hier nicht näher zu erörternden Gründen, immer lichter werden. — Er wich nie von den reinen traditionellen Tempelmelodien, weshalb er sich auch die Sulzer'sche Weise aneignete und vornehmlich die Sulzer'schen Gesänge in der Fürther Hauptsynagoge zur Einführung brachte, welche dort bis auf den heutigen Tag zur Verherrlichung des Gottesdienstes einen wesentlichen Bestandtheil bilden. — Voriges Jahr feierte Herr E. sein 50 jähriges Amtsjubiläum, wovon nahezu 40 Jahre seiner jetzigen Gemeinde gehörten. In seinen jüngeren Jahren verfügte derselbe über eine herrliche lyrische Tenorstimme, die, zufolge seiner vorzüglichen musikalischen Bildung, besonders zum Ausdruck kam und sehr gefeiert wurde. — Mit derselben seltenen Berufsfreudigkeit nimmt der nun 70 jährige Herr E. heute noch seine Obliegenheiten wahr, wie er solche zu jeder Zeit erfüllt hat. Es ist n::r natürlich, daß er sich dementsprechend die Liebe und Achtung seiner ganzen Gemeinde in reichstem Maße erworben hat. — Zu dem schönen Bewußtsein einer derart pflichttreu und segensreich zurückgelegten langen Amtsthätigkeit gesellt sich bei Herrn Ebert die Freude eines glücklichen Familienlebens. Er ist umgeben von einer treuen, sorgsamen Gattin und einer Schaar braver Kinder, denen er eine vorzügliche Bildung angedeihen ließ. Sein ältester Sohn ist in den juristischen Staatsdienst eingetreten und bekleidet bereits in seiner Vaterstadt Fürth die Stelle eines Amtsrichters. Möge dem Jubilar noch viele Freude beschieden sein! Möge er sich eines glücklichen, ungetrübten Lebensabends erfreuen, zum Lohne für sein wackeres, segensreiches Wirken. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 4. Dezember. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen bereits über die Affaire des Rabbiners Dr. Gordon, ehedem Landesrabbiner von Tirol und Vorarlberg, berichtet habe, mit dessen Angelegenheit sich jetzt der Verwaltuugsgerichtshof beschäftigt. Bekanntlich wurde Rabbiner Dr. Gordon von der Bezirkshauptmannschaft Hohenems seines Amtes enthoben, weil in Folge von Mißhettigkeiten zwischen ihm und dem Vorstände der israelitischen Kultusgemeinde keine gottesdienstliche Handlung in: Amtsbezirke des Dr. Gordon vorgenonimen werden konnte. Gegen diese Entscheidung ergriff er den Rekurs an die Innsbrucker Statthalterei und endlich an das Kultus- und Unterrichtsministerium, welches jedoch den Rekurs wegen Versäumung der Rekursfrist abschlägig beschied. Dr. Gordon erhob nunmehr beim Verwaltungsgerichtshof eine Beschwerde gegen diese Entscheidung. Der Verwaltungsgerichtshof hat entschieden, daß die Entscheidung des Ministeriums nicht zu Recht bestehe. In Folge dessen hat der Vertreter des Dr. Gordon, Dr. Viktor Rosenfeld, der Kultusvorstehttng in Hohenems, sowie der Vorgesetzten politischen Behörde mitgetheilt, daß Dr. Gordon sich zum Wiederantritt seines Postens bereithalte, und gleichzeitig gebeten, daß dem Dr. Gordon der seit der Entscheidung des Ministeriums rückständige Gehalt im Betrage von 1000 fl. ausbezahlt werde Diesem Ersuchen ist die Kultusvorstehung ungeachtet wiederholter Vorstellungen nicht nachgekornmen, und so befindet sich denn, wie wir erfahren, der Landesrabbiner für Tirol und Vorarlberg in der größten Nothlage. Es muß unter allen Umständen als sonderbar bezeichnet werden, daß eine Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes seitens der Kultusvorstehung in solcher Weise ignorirt wird und daß sie den Seelsorger ihrer Gemeinde in einer Lage beläßt, welche seines Amtes nicht würdig ist. — Das „Wiener Tagblatt" brachte in diesen Tagen einen Nachruf für den in: Greisenasyl in Währing verstorbenen Hauptantisemiten Pater Dr. Sebastian Brunner und betonte darin die dürftigen Verhältnisse, unter denen dieser Geistliche gelebt hat. Dieser Nachruf nun veranlaßte Pater Albert Wiesinger, den bekannten Antisemiten, zu einer geharnischten Berichtigung in demselben Blatte Anknüpfend an diesen Todesfall dürfte nachstehende Reminiscenz aus den sechziger Jahren von Interesse sein: Im November 1860 stand Dr. Brunner als Kläger vor dem Landesgericht in Wien Er belangte den danmligen Redakteur der „Ostdeutschen Post", Ignaz Knranda, wegen eines polemischen Artikels in dem genannten Blatte, in welchem Dr. Brunner als Redakteur der „Kirchenzeitung" in der nachdrücklichsten Weise wegen seiner verhetzenden antisemitischen Artikel zurechtgewiesen wurde. In diesem sensationellen Prozeß wurde Doktor- Brunner sowohl von Kuranda, als von dessen Vertheidiger, Dr. Berger, mit ebenso scharfen als geistvollen Waffen bekämpft. Zum Schluß ergriff der Kläger, Dr. Brunner, das Wort, un: seinen Strafantrag zu stellen. Er begann beiläufig mit folgenden Worten seine Rede: „Ich würde es tief bedauern, wenn mein Gegner Kuranda durch das Urtheil des hohen Gerichtshofes auch nur für einen Augenblick seiner persönlichen Freiheit beraubt werden würde. Ich könnte mich in einem solchen Falle gar nicht auf der Gasse zeigen . . . Um Genugthuung zu erlangen, beantrage ich die Verhängung einer Geldstrafe im Betrage von fünf Gulden, die Herrn Kuranda gewiß nicht wehe thun werden." Der Gerichtshof war anderer Ansicht; er sprach Kuranda frei. Sebastian Brunner war einer der hartnäckigsten Judenfeinde. Die „Allg. Zeitung des Judenthums" hat in den fünfziger und sechziger Jahren manchen harten Strauß mit ihm ausgefochten. Aus allen seinen Werken spricht ein geradezu infernaler Judenhaß. Brunner hatte eine gefürchtete Feder. Unter dem Schutz des Konkordats bekämpfte er jede freisinnige Regung in: öffentlichen Leben Wiens in der österreichischen Litteratur und Presse mit leidenschaftlichen: Eifer und wurde durch seine gehässigen Angriffe j gegen die Juden einer der Vorläufer des christlich-sozialen Antisemitis-! mus. Aber vor den gegenwärtigen klerikalen Hetzern hatte er die litte-! rarische Bildung und Belesenheit und einen kaustischen Witz und Humor! voraus, womit er seine kirchlichen Predigten und journalistischen Polemiken! zu würzen pflegte. Er war einer der streitsüchtigsten Vorkämpfer des Ultramontanismus und richtete seine Angriffe selbst gegen die anerkannten