Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Größen der deutschen Litteratur und Wissenschaft. Dabei besaß er unstreitig ein gewisses Talent für die Versifizirung seiner satirischen Polemiken, und besonders bemerkenswerth war es, daß er - der Judenfeind — sich dabei unverkennbar seinen Todfeind Heinrich Heine zum Muster nahm. — Unter den jüngst vom Kaiser in Wien Empfangelien befand sich auch der Industrielle Herr Wilhelm Scho st al von der Firmci Schostal und Härtlein. Der Kaiser richtete an denselben in leutseligster Weise mehrere Fragen und erkundigte sich dann, ob der Geschäftsgang ein zufriedenstellender sei. Herr Schostal erwiederte: „Majestät! Die letzten Jahre sind wohl für die Wiener Geschäftsleute nicht günstig gewesen, aber voll den Verkehrsanlagen und den damit verbundenen großen Arbeiten erhofft man doch einen bedeutenden Aufschwung für Wien." Der Kaiser antwortete darauf wörtlich: „Es wäre zu wünschen — aber langsam geht es noch." — Vor uns liegt im Trauungskartellformat eine Anzeige folgenden Wortlauts: Butschowitz Brünn 27. Aov. 27. Nov. 1838 1893 „Vergnügt machen wir die freundschaftliche Mittheilung von der stillen Begehung unseres sechzigsten Hochzeitstages." Es ist das Ehepaar Königsgarten aus Brünn, das in solcher Weise seine Bekannterl von seiner dialnantenen Hochzeit verständigt. Herr uild Frau .Königsgarten stehen Beide im Alter von 86 Jahren. Sie haben acht verheirathete Kinder, und zwar vier Söhne lind vier Töchter, und eine Urenkelin iitelbet uns mit Stolz: „Daß meine lieben Urgroßeltern Enkelkinder haben, dafür bin ich ein lebendiger Beweis, denn ich bin bereits als — Urenkelin geboren." Amerika. # New Orleans, 14. November. In einer Anzahl Parishes in Louisiana ist eine richtige Judenhetze zuln Ausbruch gekommen, und eine große Anzahl jüdischer Geschäftsleute hat in Folge von Bedrohulig mit Gewaltakten den Staat verlassen. Dabei gewinnt die Bewegung noch ilnmer an Uinfang. In Franklin, der Hauptstadt von St. Mary's Parish, begab sich eine Anzahl angesehener Geschäftsleute zu ihren jüdischen Konkurrenten und forderte dieselben unter heftigen Drohungen aus, binnen zehn Tagen die Gegend zu verlassen, da sie angeblich auf unehrliche Weise erworbene Maare unter dem wirklichen ^Postenpreise verkauften und so das ganze Geschäft ruinirten. Die Bedrohten wurden dadurch so eingeschüchtert, daß sie theilweise bereits abgereist waren, als der Distriktsrichter von dem Vorfall hörte und die Angelegenheit den Großgeschworenen unterbreitete. Diese erklärten nach eingehender Untersuchung, daß sie nichts in der Sache thun könnten, sprachen sich aber energisch gegen die Verfolgungen aus und verlangten vom Distriktsallwalt Schutzmaßregelll für die Juden. In einer ganzen Anzahl anderer Parishes sind gleiche Bewegungell im Gange, und die Juden, welche zu dem obrigkeitlichen Schutze kein besonderes Vertrauen haben, packen ihp^ Koffer. Es ist tief trallrig, daß die Schmach des Jahrhunderts auch hier solche Früchte zeitigen konnte. Von Nah und Fern. - Herr Professor Dr. Martin Philippson ist von der königl. 'Akademie der Wissenschaften in Madrid zum korrespondirenden Mitgliede ernannt worden. — Das S. Fränkel'sche Ehepaar aus Plathe feierte am 27. v. Mts. in Kolb erg in seltener Kraft und Rüstigkeit, umgeben von einer Kinder- und Enkelschaar, die Feier der goldenell Hochzeit Herr Rabbiner Dr Goldschmidt vollzog die Einsegnung und überreichte nach derselben die vom Kaiser dem Jubelpaare verliehen? Ehejubiläumsmedaille. — Wie aus Striegau unterm 20. v. Mts. gemeldet wird, sind daselbst in der vorhergehenden Nacht auf dem dortigen jüdischen Friedhof eine größere Anzahl Grabdenkmäler von ruchloser Hand aus den Grabhügeln gerissen und gewaltsam zertrümmert worden. — lieber das jüdische Lehrerseminar in Würzburg wird berichtet: Mit dem Schlüsse des Schuljahres wurden sechs Zöglinge, welche die Austrittsprüfung am königl. Schullehrer-Seminar in Würzburg mit gutem Erfolge bestanderl, in die Praxis entlassell. Die Zahl aller seit dem Bestehen j der Anstalt Ausgebildeten und in die Praxis Entlassenen beträgt jetzt 247, die in den verschiedensten Gegenden Deutschlands und noch weiter hinaus wirken. Die Anstalt hatte im abgelaufenen Schuljahre 26 Zöglinge. Von diesen erhielten 7 Unterricht, Wohnung, Beköstigung und ärztliche Behandlung in der Anstalt unentgeltlich, 2 bezahlten die Beköstigung ganz und 17 theilweise. Bei Beginn des laufenden Schuljahres meldeten sich zum Eintritt in ben I. Kurs 12 aus den Präparandenschulen zu Burgpreppach und Höchberg, und 1 aus dem Privatunterricht, sowie 2 zum Eintritt in den III. Kurs der Anstalt. Die Einnahmen betrugen 21,793.57 M, die Ausgaben 19,707.54 M.; das Gesammtvermögen'der Anstalt beläuft sich auf 57,861.37 M. — Das österreichische Ministerium des Innern hat neuerdings die politischen Behörden in Kenntniß gesetzt, daß die türkischen Behörden die Ausschiffung der in größerer Zahl reisenden Israeliten in Syrien und Palästina rundweg verweigern, wovon die israelitischen Staatsbürger zu verständigen sind. Einzeln reisenden fremden israelitischen Staatsangehörigen wird die Aufenthaltsdauer auf einen Monat gestattet. — Der aus dem Prozesse gegen den Weinhauser Pfarrer Dr. Deckert bekannte „Schriftsteller" Paulus Meyer wurde bekanntlich wegen Majestätsbeleidigung, Beleidigung des Papstes und Gutheißung ungesetzlicher Handlungen von dem Erkenntnißgerichte zu vier Monaten schweren ^Kerkers verurtheilt. Der Angeklagte hat seinerzeit das Nrtheil mit der ironischen Bemerkung: „Für das sind vier Monate zu wenig!" hingenommen. Heute dürfte er etwas kühler über die Sache denken, denn das Oberlandesgericht gab der Berufung des Staatsanwaltes Baron Drechsler gegen das geringe Strafausmaß Folge und erhöhte die Strafe von vier auf acht Monate schweren Kerkers. — Der Redakteur des jungczechischen „Polaban" in Kolin, Hejnie, hatte, wie erinnerlich, im Frühjahre dieses Jahres die Auffindung der Leiche eines Dienstmädchens dazu benützt, um in dem dortigen Lokalblättchen das alberne Gerücht von einem Ritualmorde zu verzeichnen und die Bevölkerung gegen die Juden zu hetzen. Gegen Hejnie wurde die Anklage wegen Verbreitung falscher und beunruhigender Gerüchte erhoben, die heute vor dem Kreisgerichte .Kuttenberg verhandelt werden sollte. Der antisemitische Ehrenmann, der aus der Fruetificirung des Blutmärchens ein Geschäft machte, hat es jedoch vorgezogen, durchzubrennen und zur Verhandlung nicht zu erscheinen. — Rabbiner Dr. Moritz Klotz in Raudnitz a. d. Elbe hat einer Berufung nach Jungbunzlau Folge geleistet. — Das Asyl der Königswarter-Stiftung in Meran wurde am 16. v. M. um die Mittagsstunde in feierlicher Weise eröffnet. Das Haus, in allen seinen Theilen den hygienischen Forderungen der Jetztzeit entsprechend eingerichtet, präsentirt sich wahrhaft mustergiltig. Für jetzt ist für 9 Stistlinge Platz geschaffen, welche dort unentgeltlich Wohnung, Frühstück, Beleuchtung, Beheizung, ärztliche Hilfe und Medikamente und Kurtax-Freiheit genießen. — Nach einer der „Pol. Korr." ans Nom zugehenden Meldung ist die päpstliche Eneyklika über das Bibelstu diu ui, deren Veröffentlichung für den 8. Dezember in Aussicht genommen war, bereits der Oeffentlichkeit übergeben worden. Das an alle Bischöfe der Erde gerichtete Schriftstück ist von sehr großem Nnffang. Der Papst nimmt in dieser Kundgebung Stellung zu jener! zwei Richtungen in der Bibelauslegung, deren eine sämmtliche Erzählungen der Heiligen Schrift nahezu wörtlich nimmt, während die andere der allegorischen Deutung breiten Raum gewährt. — Die am 2. d. Mts. in Petersburg ausgegebene Nummer der Gesetzsammlung enthält einen kaiserlichen Befehl vom 21. Juli 1893 betreffend Erleichterungen bei der Nebersiedelung von Juden in die ihnen zur beständigen Niederlassung angewiesenen Oertlichkeiten ans denjenigen Oertlichkeiten, in denen sie sich in ungesetzlicher Weise aufhielten. — In London ist der verdienstvolle Direktor des jüdischen Hospitals, Dr. Henry Behrens, im 65. Lebensjahr gestorben In ihm verliert die jüdische Gemeinde zu London eines ihrer besten Mitglieder. Der Verstorbene war auch ein feiner Kenner der jüdischen Geschichte und Litteratur und hat in Vorträgen und Aufsätzen sein Wissen gern weiteren Kreisen zugänglich gemacht. Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin. Aerantwortlrch ftii du Redaktion - Mar Bauchwitz in Berlin.