Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 November 1890 von zumeist christlichen Männern ins Leben gerufen. Wir hielten es für unsere Pflicht, unsere jüdischen Mitbürger vor den Verfolgungen der Antisemiten zu schützen. Leider hat diese wüste Hetze, die lediglich den Neid zur Grundlage hat, seit dieser Zeit an Ausdehnung immer mehr gewonnen, die schlechten Zeiten tragen dazu bei, daß dieser Neid, der mit einer furchtbaren Hetze verbunden ist, immer weiter um sich greift. Gin Trost ist es, daß unsere Arbeiterbevölkerung dieser wüsten Hetze kein Gehör giebt. Mit wenigen Ausnahmen steht unsere Arbeiterbevölkerung der antisemitischen Bewegung feindlich gegenüber. Boden findet sie dagegen im sogenannten Mittelstände und im Beamtenstande. Ich bin früher Optimist gewesen, ich glaubte, diese Krankheit, denn das ist sie, würde von selbst wieder verschwinden. Allein die schlechten Zeiten geben der Bewegung immer mehr Nahrung, und der Umstand, daß sie unter dem Deckmantel des Patriotismus kämpft, leistet ihr inuner mehr Vorschub. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß diese Seuche wieder verschwinden wird, wenn auch die antisemitische Partei einige parlamentarische Erfolge zu verzeichnen hat. Wir zählen in 963 Orten ca. 13,000 Mitglieder, und zwar in Norddeutschland in 397 Orten -1400, in Süd- und Westdeutschland in 520 Orten H500 Mitglieder. Wir haben im Jahre 1892 93,773 und in diesem Jahre eine Viertelmillion Flugblätter verbreitet. Der Autisemitenspiegel ist in 20,000 Exemplaren verbreitet worden. Geradezu beschämend ist es, daß, während der Antisernitenkatechismus 25 Auslagen erlebt hat, der Antisemitenspiegel nur in einer einzigen Auslage bisher erschiene): ist. Die große Mehrzahl der Leser des Antisemitenspiegels waren Arbeiter Gerade von sozialdemokratischer Seite wurden Hunderte von Exemplaren gefordert, damit die Arbeiter in der Lage sind, den 'Antisemiten entgegenzutreten. Die Arbeiter legen zweifellos an der Bekämpfung des Antisemitismus ein größeres Interesse an den Tag, als die besitzenden und gebildeten Klassen. Der Antisemitenspiegel hat deshalb einen so großen Werth, weil er an der Geschichte und der Statistik den Antisemitismus widerlegte. Leider haben wir von der politischen Presse nicht diejenige Unterstützung erhalten, die wir erwartet haben. Die Wochenkorrespondenz, die wir an etwa 100 Zeitungen senden, wird allerdings ziemlich zahlreich benutzt. Dagegen haben die von uns herausgegebenen „Miltheilungen", obwohl dieselben nur50Pfg. monatlich kosten, nur 5000 Abonnenten, so daß wir genöthigt sind, jährlich 10,000 Mk zuzuschießen. Im Weiteren sind wir durch sogenannte Wanderredner bemüht, den Antisemitisnms zu bekämpfen. Bekanntlich haben die Antisemiten mit den Konservativen in der Tivoliversannnlung ein Bündniß geschlossen. Sehr bald werden Anträge auf Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden im Reichstage gestellt werden. Die vereinigten Konservativen und Antisemiten hoffen dabei auf die Unterstützung des Centrums. Wenn ich auch nicht der Meinung bin, daß diese Anträge praktischen Erfolg haben werden, so ist jedenfalls eine kräftige Abwehr unsererseits dringend geboten. Wir dürfen das deutsche Volk nicht ferner in dieser Weise verhetzen lassen, die Ehre unseres Vaterlandes erfordert es, mit allen Mitteln gegen Bestrebungen zu kämpfen, deren Endzweck ez ist, einem Theile unserer Mitbürger ihres Glaubens wegen ihre staatsbürgerlichen Rechte zu beschränken. (Bravo.« An der Erörterung, die sich an den Vortrag des Herrn Rickert schloß, betheiligten sich Rechtsanwalt Dr. Heinrich Meyer Cohn, Dr. Rosenthal, Prof. Dr. v. Gneist, Kaufmann Wiener, Kaufmann Simon iDanzig». Es wurden hierauf wieder oder neu in den Vorstand gewählt: Wirkt. Geh. Oberjnstizrath Prof. Dr. v. Gneist, Abg. Rickert, Rentier Jonas (Berlin), Reichsrath Dr. Buhl (Bayern), "Abg. Frhr. v. Stauffenberg (Bayern), Sanitütsrath Dr. Endemann lKassel), Fabrikdirektor Isidor Löwe und Kommerzienrath Rösicke (Berlin), 'Archivar Dr. Winter (Magdeburg», Professor Dr. Stengel (Marburg), Rentier Charles L. Hallgarten (Frankfurt a. M.), Rechtsanwalt Dr. Fester (Frankfurt a. M), Gymnasialdirektor Dr. Reinhardt (Frankfurt a. M.), Direktor Dr. Wulckow (Darmstadt), Stadtrath Weber »Eharlottenburg) und Geh. Sanitätsrath Dr. Boas (Berlin). L2 Berlin, 5. Dezember. Eine der verdienstvollsten, populärsten Institutionen innerhalb unserer Gemeinde, die „Beth-Hamidrasch- Gesellschaft", begeht am 16 d. Mts. das Fest ihres 150jährigen Bestehens durch eine Reihe von Veranstaltungen, welche einen glänzenden Verlauf versprechen. Ein Komitee, bestehend aus den Herren: I. Boden - stein (Vorsitzender), A. Breslauer, S. Brilles, Dr. Caro, Gideon | Heymann und L M. Seckelsohn, ist seit einer Reihe von Wochen! mit umfassenden Vorbereitungen beschäftigt. Die Feier, welche Abends 714 Uhr in den Räumen der „Gesellschaft der Freunde" (Potsdamerstraße 9) ihren Anfang nimmt, wird durch Chorgesang eingeleitet, : worauf der Rabbiner der „Beth-Hamidrasch-Gesellschaft", Herr Dr. I. Hildesheimer, eine Ansprache hält, der die Festrede des Rabbiners Herrn Dr. S. Cohn und dann ein Schlußwort des „Beth - Hamidrasch" - Rabbiners Herrn A. Biberfeld folgt. An diesen religiösen Theil der Feier, welche mit abermaligem Chorgesang ihren Abschluß findet, reiht sich eine Festtafel. Wie wir vernehmen, wird auf eine Theilnahme von 200 Personen gehofft, darunter alle jüdischen Notabilitäten, Rabbinat, Vorstand und Repräsentanten der Gemeinde, hervorragende Gelehrte re :c. So wird denn die bedeutsame Feier würdig des wackeren Instituts sich gestalten, dessen verdienstvoller Antheil an der Pflege jüdischer Wissenschaft innerhalb unserer Stadt j bekannt ist. i. Rogasen, 2. Dezember. Der im vorigen Jahre bier gegründete „Jüdische Litteratur-Verein" feierte am Sonntag den 5. November sein Stlftungsfest. Der Verein verfolgt den Zweck, die Kenntniß jüdischer Religion und religiösen Lebens durch Betrachtung des jüdischen Schriftthums und der Geschichte zu verbreiten; Dank der Thätigkeit, die Herr Dr. Rosenthal im Interesse des Vereins entwickelte, wurde dieser seiner Aufgabe im vollsten Maße gerecht. Dies beweisen mehrere Vorträge, welche während der Feier von Mitgliedern gehalten wurden. Besondern Beifall erntete der Festvortrag des Herrn Dr. Rosenthal, sowie der Gesang des Herrn Kantor Cohn, Letzterer wurde in Anerkennung der Verdienste, die er seit dem Bestehen des Vereins durch seine gesanglichen Vorträge um den Verein sich erwarb, znm Ehrenmilgliede ernannt.!'. M Hamburg, 4. Dezember. Einem seit Jahren in hiesigen jüdischen Kreisen sich fühlbar machenden Bedürfniß nach einer Töchterschule, in welcher eine wahrhaft religiöse Erziehung und eine einiger- * maßen ausreichende Kenntniß vom Wesen des Judenthums gepflegt werden soll, hat ein Kuratorium, an dessen Spitze der hiesige Oberrabbiner Hirsch steht, durch Errichtung einer „Israelitischen höheren Töchterschule" unter Leitung des Direktors der Realschule „Talmud Thora", Dr. Goldschmidt, abzuhelfen gesucht. Die Bedürfnißfrage nach einer solchen Schule ist besonders akut geworden, seit der Antisemi- , tismus auch unsere Stadt verseucht und den Sinn unserer Atit- 1 bürget' angegriffen hat. Den nichtjüdische Schulanstalten besuchenden Kindern jüdischer Eltern wurde nicht mehr gestattet, die Sabbathfeier zu beobachten und dem Religionsunterrichte ihrer andersgläubigen Mitschülerinnen fern zu bleiben. Sind dies schon triftige Gründe für Errichtung einer konfessionellen Schule, so kommt noch hinzu, daß in einem weiten Kreise die Erkenntniß Platz greift, daß die Belebung der religiösen Innigkeit und der echten jüdischen Gesinnung nur durch religiöse Durchbildung unserer Jugend, auch des weiblichen Theils, zu erzielen sei. Die neu errichtete Schule will den religiösen und sittlichen Inhalt zunr geistigen Eigenthum ihrer Schülerinnen machen, will sie mit der Geschichte unseres Volkes, mit der Glaubens- und Sittenlehre und mit den Gebeten in der Ursprache bekannt machen und sie dadurch für die Hoheit und Reinheit des jüdischen Lebens begeistern. Seit kurzer Zeit ist die Schule ins Leben getreten und erfreut sich auch der Sympathien aller Kreise, so daß ihr eine große Zukunft vorhergesagt werden kann. Vielleicht wird sie das Band, das die „alt- und neumodischen" Juden Hamburgs zu einem Ganzen vereinigt, und der Antisemitismus zeigt sich auch hier als ein Theil jener Kraft, die das Böse will, und das , Gute schafft. * Bernburg a. S., 2. Dezember. Der hier erscheinende und vom Buchdruckereibesitzer Karl Burghardt redigirte „General-Anzeiger" hatte einen Artikel über den Antheil der Juden am Verbrechen gebracht und am Schluffe desselben gesagt: .... „Daraus ergiebt sich die Nothwendigkeit, uns der Juden zu entledigen und wäre es durch einen Kaiserschnitt." Die Strafkammer beim Amtsgericht Bernburg erblickte hierin eine Anreizung der Bevölkerungsklaffe der Arier zu Gewaltthätigkeiten gegen die Bevölkerungsklasse der Semiten, insofern der Kaiserschnitt als gewaltsamer und blutiger Eingriff anzusehen sei. Sie verurtheilte deshalb am 24 August Herrn Burghardt wegen Vergehens gegen 8 130 des Str.-G.--B. zu einer Geldstrafe. Die Revision des Angeklagten rügte j unrichtige Anwendung des 8 130 und bestritt den Dolus. Insbesondere