Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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r>7. Jahrgang. Ar. 49. Berlin, 8. Dezember >893. Der GemeLndebote. vertage zur „Allgemeinen Zeitung öes DuöentHnrns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. b Berlin, 5. Dezember. In der letzten am Sonntag, den 3. d. M., stattgehabten Sitzung der Repräsentanten machte der Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger eingangs der Verhandlungen Mittheilung von einem Legat in Höhe von 5000 Mk., das der in Italien verstorbene Hermann Goldberger zu Gunsten der Nanny Goldberger-Stiftung vermacht hat. Die landesherrliche Genehmigung ist nachgesucht. Des Weiteren wird der Versammlung Kenntniß gegeben von einer Petition, die, vom Vorstand verfaßt, an die Minister des Kultus und des Innern, gestützt auf die Gutachten hervorragender Sachverständiger, das Ersuchen richtet, dem Andrängen auf Abschaffen des Schächtens nicht nach geben zu wollen. Die Petition soll abschriftlich auch dem Reichstage zugehen, und werden jämmtliche jüdische Gemeinden Deutschlands zur Unterstützung der Petition aufgesordert werden Es werden sodann 57 Mk. als Nachtrag bewilligt zu dem zur Speisung inhaftirter oder durchreisender Glaubensgenossen ausgesetzten Fonds. Für 1893 werden 400 Mk. und für 1894 1500 Mk. der Kommission zur Fürsorge entlassener Strafgefangener überwiesen, nachdem Rechtsanwalt Breslauer dies auf Grund des vorgelegten Aktenmaterials namens des Vorstandes sehr warm befürwortet. Aus den: gleichzeitig erstatteten Bericht geht hervor, daß es der Kommission gelungen war, von 74 entlassenen Strafgefangenen 19 unterzubringen. Da von dem bekannten großen Verein die meisten als Landarbeiter untergebracht werden, so regt Herr- Breslauer an, ihm mit einer Liste jüdischer Gutsbesitzer in der Mark an die Hand zu gehen. Mit einer Nachbewiüigung von 513 Mk. für die Anlage von Gasglühlicht in der Vorsynagoge in der Oranienburgerftraße schließt die öffentliche Sitzung. L2 Berlin, 5. Dezember. Am 3. d M. ist hier nach schweren Leiden der Rektor A. Huth, Dirigent der Dina Nauen'schen Erziehungsanstalt, im 58. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene war ein pflichteifriger Lehrer, ein glaubenstreuer Jude, ein guter Mensch. Sein Andenken wird stets in Ehren bleiben! Die Beerdigung fand heute unter zahlreicher Theilnahme auf dem jüdischen Friedhofe in Weißensee statt. Berlin, 5. Dezember. Der „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hat zum Ehanukahfeste den Direktoren sämmtlicher hiesigen Religionsschnlen, Waisenerziehungsanstalten und dem Komitee für Chanukahbescheerung eirca 400 Exemplare des von ihm heraus - gegebenen Divan des Jehuda Halevi, behufs Vertheilung an besonders würdige Schüler zur Verfügung gestellt. Die Vertheilung hat denn auch in diesen Tagen überall stattgefunden unb hat lebhafte Freude unter den Beschenkten erregt Wir begrüßen diesen Beschluß des Vereins mit aufrichtiger Genugthuung. So wird das Interesse für unsere großen Dichter und für das geistige Schaffen Israels in den Herzen unserer Jugend geweckt und gefestigt. — Der nächste öffentliche Vortrag vor Damen und Herren findet am 12. Dezember in der Aula des Friedrich Werderschen Gymnasiums, Dorotheenstraße 13, Abends 8 Uhr statt. Herr Professor Dr. M. Hartmann vom Orientalischen Seminar wird über „Muhammed und die Juden" sprechen. £££ Berlin, 4. Dezember. Am 30 November vollendete der Präsident der deutschen botanischen Gesellschaft, Geheimer Regierungsrath Professor Dr. Nathanael Pringsheim, sein siebzigstes Lebensjahr. Wenigen Forschern ist cs wie ihm beschieden gewesen, in ihrer Disziplin auf so verschiedenen Gebieten bahnbrechend gewirkt zu haben. Wenige sind aber auch mit so jungen Jahren zu den höchsten Ehren, welche die Wissenschaft verleihen kann, gelangt, wie P. Mit 28 Jahren habilitirte er sich als Privatdozent an der hiesigen Universität, und bereits nach fünf Jahren ernannte ihn die kgl. Akademie der Wissenschaften auf Grund seiner beiden Schriften: „Grundlinien einer Theorie der Pflanzenzelle" und „lieber die Befruchtung und Keimung der Algen und das Wesen , des Zeugungsaktes" zu ihrem Mitgliede. Mit einer vierjährigen Unteri brechung in Jena, wo P. das erste pflanzenphysiologische Institut einrichtete, welches das Vorbild für alle späteren wurde, ist er dauernd in Berlin thätig gewesen, seit 1668 allerdings nur noch als Privatmann. Sein Privatlaboratorium war die Stätte, an der sich viele junge Physiologen ihre letzte Feile holten. Die meisten seiner Assistenten sind jetzt Direktoren von b tonischen Gärten So hat P. Schule gemacht, obgleich er seit 25 Jahren nicht mehr im Lehrfache steht. Der Grundzug dieser Schule, die den Ruf der deutschen Pflanzenphysiologen über die ganze Erde verbreitete, ist die peinlichste Genauigkeit der Beobachtung. — Wie aus München telegraphirt wird, wurde Prof. Pringsheim zum Mitgliede des Maximilian-Ordens für Wissenschaft und Kunst ernannt.! Derselbe ist, soviel wir wissen, gegenwärtig der einzige Jude, der ordent- > liches Mitglied der kgl. Akademie der Wissenschaften in Berlin ist. n. Berlin, 3 Dezember. Im Westen wird der Mangel einer Gemeinde-Synagoge immer fühlbarer. In diesem Stadttheile wohnt; eine große, durch starken Zuzug schnell wachsende Zahl von Geineinde- Mitgliedern, welche bisher auf die einzige Andachtsstätte „an der Pots-! damer Brücke" angewiesen sind; diese ist aber nur klein und bei der großen Ausdehnung des Westens für Viele schwer zu erreichen. So herrscht dort ein großer, seit Jahren auch von der Gemeindevertretung > anerkannter Nothstand, welchem endlich durch den Bau einer Gemeinde-! Synagoge abgeholfen werden muß. In besonders ungünstiger Lage befinden sich die vielen Familien, welche in den neuen großen Straßenzügen : am Zoologischen Garten wohnen, da die nächsten Synagogen (an der Potsdamer Brücke oder Charlottenburg) fast eine Stunde Wegs erfordern, j Es ist daher freudig zu begrüßen, daß sich dort die Religions- Vereinigung „Westen" zum Zwecke eines regelmäßigen Gottesdienstes i gebildet hat. Derselbe findet in zwei Räumen Joachimsthaler Straße 3 für Herren und Damen statt und ist bereits sehr besucht. Der würdige! Gottesdienst findet allgemeinen Anklang und immer größeren Interesses ■ erfreut sich die neue Einrichtung, deren Bestehen bei der wachsenden Theilnahme gesichert erscheint. Auch der Nebenzweck einer Chewra dürfte gleichfalls treue Anhänger gewinnen. Die Religionsvereinigung „Westen" hat somit durch Schaffung einer Andachtsstätte einem that-! sächlichen, regen Bedürfnisse entsprochen. Vorläufig ist der Gottesdienst j nur am Freitag Abend und Sonnabend Vormittag, doch soll derselbe j späterhin täglich eingerichtet werden. Die Vorsteher Herren S. Mugdan,! Eislebenerftraße 15, und S. Pagel, Kleiststraße 16, find zur Aufnahme! neuer Mitglieder, sowie zu jeder Auskunft gern bereit. Möge diese junge Vereinigung wachsen und sich entfalten! Berlin, 1. Dezember. Unter dem Vorsitz des Wirklichen Geheimen Ober-Justizraths Dr. v. Gneist fand am 28. v. M. in der Leipziger Straße 134 die Generalversammlung des Vereins zur : Abwehr des Antisemitismus statt. Es hatten sich mehrere Abgeordnete, Stadträthe, Stadtverordnete und eine Reihe Delegirter auswärtiger Vereine eingefunden. Oberbürgermeister Zelle hatte sich, wie Abg. Rickert mittheilte, mit dem ausdrücklichen Wunsche entschuldigen lassen, dies der Versammlung mitzutheilen. Er wäre sehr gern in der Versammlung erschienen, wenn er nicht durch dringende Amtsgeschäfte behindert sein würde. Geh. Rath Prof. Dr. v. Gneist eröffnete die Versammlung mit dem Bemerken, daß dies die erste öffentliche Versammlung sei, die der Verein abhalte. Vor jetzt genau drei Jahren! hielten wir es für nothwendig, einen Verein zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben zu rufen. Damals erhoben sich Stimmen, die sagten: Der Antisemitismus wird von selbst von der Bildfläche wieder 1 verschwinden. Ich bin wohl selbst der Meinung, daß dies geschehen; wird, es will mir aber nicht scheinen, daß diese häßliche Bewegung so! schnell sich wieder verlaufen wird. Wir hielten es deshalb für unsere! Pflicht, etwas zur Abwehr zu unternehmen. Ob wir etwas erreichen? werden, läßt sich heute noch nicht sagen, jedenfalls glaubten wir, unsere ■ Schuldigkeit thun zu müssen. (Lebhaftes Bravo!) Abg^ Rickert theilte i alsdann mit: Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus wurde im