Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- Seite 588 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Wic gebannt blieb ich an der Thiir stehen, die Worte gaben mir! viel zn denken. Der Beamte bemerkte mir. daß der Eintritt während.! des Gottesdienstes nur mit Erlanbniß des Herrn Anstaltsrabbiners! gestattet sei. „Aber," fügte er hinzu, „man kann hier draußen jedes! Wort der Predigt verstehen. Ich habe mich dabei schon oft fast so j erbaut, als ob ich in der Kirche wäre." Die Predigt hatte begonnen, . ich blieb einige Minuten stehen, um zn lauschen. Meinem Führer : schien die Zögerung nicht unangenehm. Auch er hörte gespannt zu- Tie Worte: „Juda, der Makkabäer" waren die ersten, die ich verstand. Die augenscheinlich mit hoher Begeisterung gehaltene Rede wurde immer deutlicher und lauter. Ich hörte, wie den Elenden und Gefairgenen Trost und Hoffnung gepredigt wurde, den Gefesselten die wahre Freiheit verkündet. „Eure Väter haben in der Treue gegen das Gesetz sich die Freiheit ihres Gewissens erkämpft und errungen, auch ihr seid frei, frei, auch wenn Kerkermauern euch umgeben, wenn; ihr es versteht, treu zu sein dem Gesetze, es in ererem Innern zur! Herrschaft gelangen zn lassen. Nicht die waren frei, welche ihres > Judenthums sich schämend, durch Abfall von ihrem Glauben bei den! Syrern sich Ehrenstellen und Würden erschlichen hatten, sondern die, welche in Gebirgsschluchten und Höhlen versteckt, Noth und Hunger litten und ihr Gewissen frei erhalten hatten, treu ihrem Glauben, treu ihrem Gotte." Das waren die Worte, die ich verstanden hatte — wir gingen weiter. In mir aber hallten die Worte nach. Nachdem ich nüt meinem Klienten wohl über eine Viertelstunde j konferirt hatte und mich auf deni Rückwege wiederum jener Thür : näherte, hörte ich noch das „Amen" der Predigt. Wiederum ertönte der Gesang, und ans dem Schlußverse verstand ich die Worte: „Und dein Tempel ward entweiht. Aber mit des Oeles Rest Du dein Haus erleuchten läßt. Und zum Ruhm dem Heiligthnm Ewig währt das Weihefest." Die alte Melodie, welche so manche Erinnerung in mir wachrief, stiminte mich ernst, machte mein Herz empfänglich für die Textesivorte. Auch in mir ivard der Tempel entweiht; aber auch in mir ist ein Rest des Oeles geblieben, der es plötzlich licht in mir werde» ließ." — — Immer bewegter wurde seine Stimme, je näher er dem Schluffe seiner Erzählung kam. Jetzt tonnte er nicht mehr lveiter sprechen. Dann fuhr er sich mit der Hand über die Augen und , jagte zn seinem Sohne: „Erinnere mich morgen früh, daß ich fünfzig Mark an das Komitee für die Ehanukahbescheerung sende." Wir lvaren Alle tief bewegt, als wir uns zu Tische setzten. Alan merkte es, die Erzählung wirkte in Aller Herzen nach, und so kam es denn, daß wir heute früher als sonst das gastliche Haus verließen. Aber als ich in ineine Wohnung trat, da drängte cs mich, die Erzählung sofort zu Papier zn bringen. Ich glaube aber mit Recht sagen zu können: „Mein Freund hatte die Schwäche, nicht gern an sein Judenthum erinnert zu werden." d Litterarische Mittheilungrn. --- Die Angriffe auf die Juden und die jüdische Religion in Zeitungen und Broschüren mehren sich täglich. Die Widerlegung dieser von christlicher Seite sind selten. Gern schenken wir deshalb den Kämpen, die für uns eine Lanze brechen, Beachtung. Als einen solchen Ritter in unserm ehrlichen Vertheidigungskampfe sehen wir den Realschuloberlehrer Dr. P. Holz Hausen aus M.-Gladbach in seiner Broschüre „Juden - Hatz auf den Nordseebädern" an. Mit dem sittlichen Ernst eines Biedermannes schildert er die Gassenbubenweise, mit welcher unbescholtene, bescheidene und ehrliche Männer jüdischen Glaubens gar oftmals auf den Nordseebädern verhöhnt und beschimpft worden sind, wie er selbst, da er sich bei seinem Aufenthalt in Spikeog einem jüdischen jungen Manne aus Zuneigung angeschlossen habe, in boshafter Weise verfolgt sei und schließlich vor den gemeinen Angriffen auf ihn, den „Judengenossen und Judenknecht", Hütte flüchten müssen. Man lese die kurze Broschüre, und man wird an dem edlen Kämpen in unserer trüben Zeit ein Vorbild finden, an dem wir erstarken können. Gustav Eichen grü n. U Spverhsaal. Hochgeehrter Herr Redakteur! Ueber das von Herrn Dr. Grünwald in Nr. 47 der „Mg. Ztg. d. Judenthums" nur oberflächlich berührte Thema der richtigen Aussprache des He bei den Alten macht bereits Dr. H. Deutsch in seinem Werke über die Sprüche Salomos, Theit II. S. 4 folgende interessante Bemerkung: „Die beiden Kehlkopfspiranten h und ch werden wohl von den Rabbinen (agadistisch) oft mit einander vertauscht (folgen zahlreiche Belegstellen), sprachlich jedoch wird diese Verwechslung, wie die der Kehlduchstaben überhaupt, nicht gebilligt. Von der Aussprache des pj wird ausdrücklich überliefert, daß sie bei ruhiger Lage von Zunge und Lippen durch mäßiges Hervorstoßen des Luftstromes zu geschehen hat (Schocher tob c. 12: m m"pn x-d nrn bnv >6a *p jw“? nx^i» nnKtra'n nx asm nrx’n mmn dyibti? »inn *6 na p jltt^PT Bereschith rabba c. 12), und die Verwechslung der Aussprache desselben mit oft getadelt (Berachoth 80; Megilla 24: Menachoth 87). Ebenso wird die nicht korrekte Unterscheidung des und y an den Galiläern getadelt (Berachoth 40; Bessachini 35; Labbat 18), wie die Verwechslung des J? mit rauhem p| (Bereschith rabba c. 26), was auch als Arabismus (vergl. und arab. chatta) bezeichnet wird (das. e. 63). Die alten Rabbinen kannten und beachteten also noch die richtige Unterscheidung der Kehlbuchstaben. Vergl. dagegen, was Hieronymus zu Zeph. 2. 14 schreibt: Hebraeo ponitur ^ppf, quod secundum lectionis diversitatem vel siccitas top’pf), vel gladius Q^pj) vel corvus accipitur“. Dr. N. Hochgeehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir noch folgende Schlußbemerkungen über die Aussprache des Hebräischen. Schon im Jahre 1808 erschien in Amsterdam die Schrift nanx nnax von bffi’na’na p ntra (auch Moses Lemans genannt und unter diesem Namen bei Benjakob angeführt), die den Nachweis erbringen wollte, daß die Aussprache der Sephardim die einzig richtige ist. Eine ausführliche Abhandlung über die Aussprache des Hebräischen findet sich in meiner bereits im Drucke befindlichen Arbeit, „Sitten und Bräuche der Juden im Orient", deren Anfang bereits in der Cantorenzeitung Nr. 18 de dato 15. Juli 1893 erschienen ist. Diese meine Arbeit wurde von mir vor mehr als 15 Jahren begonnen und habe ich Proben hierüber in A. Brüll's Monatsblättern 1884 (Frankfurt a. M.), in der Spanisch-Deutschen Revue (Madrid), wiederabgedruckt in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums von dem verewigten Dr. Philippson in Bonn, in Edlingers Litteraturblatt (Graz) und in anderen angesehenen Blättern veröffentlicht. Dem Herrn Dr. Dankowitz die Beruhigung, daß ich als ordentlicher Hörer der Wiener Universität 3 Jahre hindurch täglich die Synagoge der Sephardim besucht, im Hause des Herrn Adutt unterrichtet, mit dem bekannten Redakteur Semo intim verkehrt habe und in dieser Weise auch in Wien reichlich Gelegenheit fand, mit Juden des Orients zu verkehren und über die mich sehr interessirende Frage der Aussprache orientiren zu lassen. Aber auch seit meinem Aufenthalte hier habe ich Gelegenheit, Juden aus den verschiedensten Theilen des Orients hebräisch sprechen zu hören. „Nicht viel, sondern gut", gilt auch vom Hören. Sofia, 27. November. Dr. M. Grünwald, Groß-Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.