Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- Seite 587 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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587 uns die Zeit rasch verlief. Hätte nicht der alle Freund des Hauses, der Geheime Sauitätsrath F, öfters ungeduldig auf seine Uhr gesehen — schien ihm ja sein Whist heute verloren gehe» zu sotten — wir hätte» nicht gemerkt, das; fast eine Stunde vergangen war, als der Hausherr eiligst in unseren Kreis trat. Wir sahen's ihm an, daß ec ziemlich erregt >var, jedoch ob dies eine freudige oder ärgerliche Erregung, vermochte Niemand von uns zu erkennen. Er lies; »ns nicht lange in> Unklare». „Wißt Ihr auch, was heute ist?" wandte er sich fragend an die Gesellschaft. „Sonntag!" — „der dritte Dezember!" — „drei Wochen vor Weihnachten!" — tönte es im wirren Durcheinander. „Aber was noch? - Bitte Herr Doktor," wandte er sich an mich, „sagen Sie es nicht, Sie werde» es wohl wissen!" Wieder ivurde» die verschiedensten Vermuthungen laut. Aber Niemand traf das Rechte. Endlich sagte er: „Nun. ich will Euch nicht lange rathe» lassen, heute ist — Chanukah!' Enttäuschung und Verwunderung wurde auf allen Gesichtern erkennbar. Hätte er behauptet, die Quadratur des Zirkels oder die Lenkbarkeit des Luftballons erfunden zu haben, die Verwunderung hätte keine größere sein können, als da er sprach: „Heute ist Chanukah". E r kümmerte sich um ein jüdisches Fest, er brachte ein jüdisches Wort ohne Widerstreben über seine Lippen!! Er, der Feind jeder Konfessionalität, soweit es sich nämlich um die jüd ische Konfession handelte! Wohlgefällig betrachtete er die verdutzten Gesichter. „Ja, wundert Euch nur über meine Wissenschaft, Ihr werdet Euch noch mehr wunder», wenn Ihr wüßtet, woher ich diese Wissenschaft habe." „Nun, Du warst wahrscheinlich mit einem jüdischen Kollegen zusammen, der es Dir erzählt hat," sagte sein ältester Sohn, der neugebackene Assessor. „Nein, Sonntags verkehre ich grundsätzlich nicht mit Kollegen, und eine» Glaubensgenosse» (!) habe ich während meiner Abwesenheit von Hause nicht gesprochen, wahrscheinlich auch nicht gesehen!" „Aber, Papa, was ist denn das für ein garstiges Wort, womit Du vorhin den heutigen Tag bezeichnet hast," rief endlich die zwanzigjährige Tochter, die schon lange ihre Ungeduld nicht verbergen konnte. „Chanukah," antwortete lächelnd der Vater. „Wie?" „Nun denn: C—h—a—n—u—k—a—h!" Vergebens versuchte die junge Dame, das Wort uachzusprechen, das gutturale „CH" im Anlaut wollte ihr nicht gelingen. Endlich konnte sie es herausbringen und fragte naiv: „Was ist Chanukah?" O, heilige Einfalt, dachte ich, dieselbe Frage wurde mit denselben Worten vor fast 1500 Jahren in einer der babylonischen Hochschulen aufgeworfen, nnd die Unwissenheit, die sich dort in der Antlvort kund gab, ist keine geringere, als die bei der Tochter des letzten Viertels im neunzehnten Jahrhundert. „Nun, mein Kind," sagte der Vater ernst, „das sollst Du gleich erfahren. Daß Du es nicht weißt, ist ein Bildungsmangel, au dem Du minder schuld bist, als ich." Schnippisch warf Fräulein I. ihren Kopf zurück. Sie, welche die Selekta der höheren Töchterschule mit einer Prämie verlassen hatte, sie, die in den Litteratnren sännntlicher Kulturvölker bewandert war, sollte sich eine» Mangel an Bildung vorwerfen lassen. Jedoch war nicht lange Zeit zu Gegenreden, die Gesellschaft war neugierig gennicht, und diese Neugierde mußte befriedigt werden. Der Herr Rechtsanwalt hatte sich behaglich aus einen Sessel niedergelassen nnd begann: „Zunächst müßt Ihr wissen, woher ich jetzt komme, nämlich aus dem Strafgefängnissc am P.e." „Wie, Papa," warf der Assessor dazwischen, „Du hast Dich jetzt der Kriminalistik zugewendet?" „O nein, ich bleibe meinem Grundsätze, in Strafsachen nicht als Bertheidiger zu fungiren, treu. Aber einer meiner Klienten, dessen Civilprozesse ich führe, und dem ich schon öfter juristischen Rath ertheilt habe, ein reicher Gutsbesitzer aus Q., muß jetzt unfreiwillig hinter jenen Mauern weilen. Er hat nämlich despektirlich vom heiligen Rock zu Trier gesprochen und muß dieses Vergeben mit drei Monaten Gefängnis; büßen. Er ist zwar eiii sehr frommer und kirchlich gesinnter Mann, wird aber jetzt wegen Gotteslästerung bestraft. Nun, dieser neue Klient hatte mich in einer wichtigen Civilsache zu spreche» und erbat sich in voriger Woche meinen Besuch. Da die Anstalt entfernt von der Stadt liegt und die Reise dorthin und zurück wohl einen halben Tag in Anspruch nimmt, verschob ich die Angelegenheit auf heute, Sonntag, Nachmittag. Seit meiner Asfesforzeit hatte ich noch kein Gefängniß wieder betreten. Ich will Euch damit nicht aufhalten, meine Verwunderung zu schildern über den freundlichen Eindruck, den die Anstalt auf den Beschauer macht. Durch einen hohen Thoriveg gelangte ich in einen auch im Winterkleide schöne» Borgarten. Dann stieg ich mehrere Stufen einer breiten Freitreppe hinan und gelangte an eine hohe Glasthür. Der Pförtner öffnete, prüfte meine Legitimation nnd dann konnte ich passiren. Ein Beamter wurde mir als Führer beigegebeu und schritt mir durch mehrere hohe nnd luftige Korridore voran. Da hörte ich von weitem Gesang, wir näherten uns demselben innner mehr. Die Melodie kam mir so bekannt vor, ich >v»ßte nur nicht, wo ich sie Hinthun sollte. Ein Volkslied war es nicht, auch nicht ein Studentenlied; ich Hütte es sonst trotz meiner fünfundsechzig Semester sofort wiedererkannt. Je näher wir dem Orte des Gesanges kamen, desto mächtiger ertönte derselbe, er mochte wohl aus siebzig bis achtzig Männerkehlen erschallen. Die Melodie kam mir innner bekannter vor, sie schien mir aus meiner frühesten Jugendzeit herüberzutönen — lind doch, noch immer wußte ich nicht, woher ich sie kenne, zu welchem Liede sie gehöre. Die erste Strophe schien beendet, denn die Melodie, die mir jetzt vom oberen Stockwerk ganz nahe cntgegenschalltk, begann von vorne. Sie hielt so ungefähr die Mitte zwischen einem Marsch »nd einem Choral. Neben der Verlvunderung, hier an dem Orte, „wo Heulen und Zähneklappen" ist, einen wohlgeschulten Gesang zu hören, beherrschte mich das unbehagliche Gefühl, das Jemand beschleicht, lvenn er in seiner Erinnerung nach etwas Bekanntem sucht und es nicht finden kann. Mein Begleiter merkte, daß ich meine Schritte unwillkürlich verlangsamte »nd gespannt hinhorchte. Indem wir die Treppe Hinanstiegen, sagte er, sich zu mir umwendend: „Jetzt kommen wir ander Anstaltssynagoge vorbei, die Juden halten eben ihre Andacht. Dort, woher Sie den Gesang höre», ist sie." Dabei zeigte er auf eine Thür. Da mit einem Male hatte ich mich in meiner Erinnerung zurechtgefimden. Es war die Melodie, die ich als Kind im Hause meines seligen Großvaters gehört. Ich träumte mich nun fast ein halbes Jahrhundert zurück. Jetzt konnte ich mich des Textanfanges in hebräischer Sprache erinnern: Moaus zur j’schnossi. Ja, so lautete er. Ich konnte auch jetzt Worte eines mir unbekannten deutschen Textes unterscheiden — auch die hinter Kerkerniauern Weilenden sind ja deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. — Ich verstand genau den Versschluß, der sich meinem Gedächtnisse einprägte, er lautete ungefähr: „Doch wenn einst verstummt der Feind. Dem dein Volt ein Spott erscheint. Dann erschall' allüberall Liedessang, der uns vereint."