Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- Seite 586 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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586 doch, wo? ich von seiner Freundschaft zu halten habe, erfahre ich j daraus, wie er meine Bitte behandelte. — Und nun setzt er seinen! bei Bär unterbrochenen Sabbathschlaf in aller Ruhe fort. Hat er! ein eigens präparirtes Gewisse»? Glaubt er sich mit der göttlichen j Gerechtigkeit abzufinden, wenn er die zweihundertundachtundvierzig j Gebote beobachtet und die dreihundertfünfundsechzig Verboteineidet? z Auf alle Fälle habe ich nicht Lust, in dieser Höhle auf sein Erwachen j zu warten. Ich kann ja später ins Biireau gehen, ich muß es thun, iveil ich der Wirthin versprochen habe, heute Abend Geld zr> bringen, sonst — damit nahm ich meinen Hut, die Frau war zum Glück mit : den Kindern in der Küche: so gewann ich ohne peinlichen Abschieds-' grüß das Freie. V. Wir hatten die Gewohnheit, uns nach Sabbath-Ausgang bei , Olmütz' Schwager zusammen zu finden. Nachdem das Geschäft den Tag über geschlossen war, wurde es zur Nacht geöffnet, und in dem traulichen Stübchen hinter dem Laden, auf leeren Kisten und wacke- : ligcu Stühlen sitzend, pflegten wir unsere Cigarre zu rauchen und gemüthlich zu plaudern. Dahin richtete ich meine Schritte, denn schon war" der kurze Wintertag zu Ende, und als ich die Mühlenstraße einbog, sah ich bereits die Lichter in dem Magazin erglänzen. „Gut Woch, Herr Kalman," sagte ich eintretend. „Gut Woch, Herr Jaeobsohn, kommen Sie doch näher," crwiederte das blasse Männchen hinter dem Ladentisch, das eben damit beschäftigt war, einem jungen Mädchen verschiedene Schürzen vorzulegen, „bitte, gehe» Sie nur hinein, der alte Olmütz ist schon hier." Da stand er richtig im Hintergrund des Ladens, in dem engen Zugang zur Hinterstube, den seine noch immer breite Gestalt fast ausfüllte, und blickte mit gravitätischem Ernst zu mir herüber. „Thunder Herr Jacobsohn uns auch einmal wieder die Ehre?" „Ganz auf meiner Seite, lieber Herr Olmütz." „Sie waren vorige Speissc-Nacht ‘) nicht hier," sagte er, mich hiueinführend, „>a, kommen die Meies, kommen die Deies-j, wie meine selige Mutter zu jagen Pflegte; da, setzen Sie sich hier a» de»; Ofen, — Sie sollen ja ein kolossales Geschäft in koscherem Käse mache». Wie, Kalman?" und er blickte ironisch lächelnd den Kleine» an, der mit heiterem Gesicht herein kam, denn er hatte inzwischen dem drallen Mädel glücklich eine Schürze aufgeschwatzt. „Bekomnit er nicht wöchentlich eine Schiffsladung aus Amsterdam?" Der Alte verzog sein gelbes runzliches Gesicht und zwinkerte so; lustig mit den kleine» blitzenden Augen, daß ich mich des Lachens : nicht erwehren konnte.! „Ihr Mund soll Wahrheit reden, Herr Olmütz," erwiederte ich, „aber wie Biele halten in diesen gottlose» Zeiten noch an der religiösen Vorschrift? Bei meiner Ehre versichere ich Ihnen, den meisten koscheren Käse ans dem Geschäft esse ich selber." „Er setzt sich selbst in Nahrung," sagte Olmütz zu seinem Schwiegersohn, „da hat er wenigstens feste Kundschaft." „Sie haben gut spotten, Herr Olmütz, wer es auch erst zum Rentier gebracht hätte." ,,Ja," sagte der alte Man», nicht ohne einen Anflug von Rührung, „das verdanke ich meinem Sohn, sonst müßte ich noch jetzt meinen Karren mit Maaren schieben, wie ich es an die fünfzig Jahre bei Wind und Wetter gethan habe." *) Sabbath Ende. -) Kommen die Hunderte, kommt der Hochmuth. lSchluß folgt.) Me Melodie. Line Lhanukahgeschichte. 4. Dezember 1893, Morgens 1 Uhr. Wenn diese Erzählung je das Licht der „Allgemeinen Zeitung des Judenthnms" erblicken sollte, so bitte ich den geschätzten Leser im Voraus um gefällige Nachsicht. Sie ist nämlich nicht „gut erfunden", auch nicht schön erdacht, sondern eine wahre Begebenheit, die eben passirt ist. Eine Begebenheit, die jetzt uninittelbar, da sie geschehen und mir erzählt worden ist, gar mächtig auf mich wirkte — wer weiß, ob morgen, wen» ich diese Blätter mir nochmals durchlese, ich diese Geschichte des Erzählens werth halteir werde. Es ist eine Stunde nach Mitternacht; ich komme aus einer Gesellschaft bei einem Glaubensgenossen, einem älteren hochangesehenen Rechtsanwalt. Die Wahrheit gestände», bi-her hielt ich ihn nur für einen Stammes-, nicht auch Glaubensgenossen, für einen „Auchjuden", der an die Gemeinde seine Steuern zahlt, sonst aber vorn Jndenthum nicht viel wissen tvill, trotzdem er Mitglied des Vereins „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ist. Heute bin ich eines Anderen belehrt worden. Auch im lauesten Juden schlummert noch ein Funke, der zur Gluth der Begeisterung für den väterlichen Glauben angefacht werden kann. Freilich liegt dieser Funke manchmal Jahre lang unter der Asche, ehe er zur Flamme emporlodert — manchmal auch erlischt er ganz. Welche Wege die Vorsehung hat, um die Lauen und Gleichgiltigen aufzurüttelu, ja sogar um — ich will nicht sagen Feindschaft — Mißwoilen in Wohlwollen umzuwandeln, ist gar merkwürdig. Unser heutiger Wirth, der die Liebenswürdigkeit selber ist, ein angesehener, ob seiner Redlichkeit hochgeachteter Jurist, ein wegen seines Scharfsinns vielgesuchter Rechtsbeistand, ein treuer Bürger und begeisterter Patriot, der seiner politischen Gesinnung manche Opfer gebracht hat, der stets bereit ist, von seinem theils ererbten, theils erworbenen Reichthum mit vollen Händen zu geben und mitzutheilen, hat oder vielmehr hatte nur einen Fehler, nämlich den, daß er an sein Judeuthum nicht gern erinnert sein wollte. Selbst sein Trieb zr>r Wohlthätigkeit inacht vor dieser Schranke halt. „Für konfessionelle Zwecke gebe ich nichts", ist seine Antwort, tvenn sich jüdische Wohlthätigkeitsanstalten an ihn wenden. Mit diesen Worten warf er auch die Aufforderung zum Beitrage für die Chanukahbescheernng nüßmuthig von sich, während er den verschiedensten Komitees für Weihnachtsbeschcerung reichlich spendete. Sein Beitrag für die im orthodox-pietistischen Geiste geleitete und verwaltete Arbeiterkolonie ist einer der namhaftesten, die Armeukonnnission der jüdischen Gemeinde hat sich bis jetzt mit ihren Aufrufen vergebens an ihn getvendet. „Für konfessionelle Zwecke gebe ich nichts!!"- Er hat nun eiinnal die Schwachheit, nur das Jndenthum für konfessionell zu halten und diese Konfessionalität für ei» Unrecht zu betrachten — oder hatte vielmehr diese Schwachheit. Heute ist's anders geworden. Wie dies gekommen, möchte ich hier berichten. Die Gesellschaft war in den Salons versammelt, außer mir nur die nächsten Angehörigen des Gastgebers. Die Frau des Hauses empfing uns in ihrer gewohnten herzlichen Weise und entschuldigte ihren Gatten, der durch unaufschiebbare Geschäfte abgerufen sei, jedoch wohl bald erscheinen würde. Wir Alle waren verwundert, welche Geschäfte der Herr Rechtsaiuvalt wohl am Sonntag Abend haben könne, und ergingen uns in den verschiedenartigsten Vermuthungen. Jedoch wurde die Unterhaltung bald eine so animirte und rege, Dank der anregenden geistvollen Persönlichkeit der Hausfrau, daß