Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- Seite 585 (sequence 11)
- Language
- German
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585 Wahl des Themas macht stutzig: Esther war wie Adam und Eva, wie Susanna ein gern bearbeiteter Stoff, Athalie lag austerhalb der allgemeinen Tradition. Der Inhalt des Stückes bestätigt denn auch durchaus, daß der Autor diesen Gegenstand init besonderer unverkennbarer Absicht gewählt hat. Racine, der warmen Antheil uahm a» der Nothlage des französischen Volkes, der in Ungnade starb, weil er gewagt hatte, dem König eine Denkschrift über die Ueberbürdung des Landes mit Steuern zu überreichen, Racine sucht und findet in diesem biblischen Drama Gelegenheit zu den deutlichsten politischen Anspielungen. Er sucht sich einen König aus, der in frühester Jugend aus den Thron gelangt, wie Ludwig XIV., aber von hier gehen die Wege aus einander. Der König seines Dranias wird dazu erzogen, ein christlicher Musterkönig zu sein: tvaruend stellt ihm der Hohepriester die Gefahren seiner Stellung vor Augen: l)t* l’ahsolu pouvoir vous ignorez l’ivresse, Dt des Inches llatteurs ln voix enchanteresse. Bientut ils vous diront que les plus saintes lois, Maitresses du vil peuple, obeissent aux rois; Qu’un roi n’a d’autre frein que sa volonte meine; Qu’il doit immoler tout ä sa grandeur supreme; Qu’aux larmes, au travail, le peuple est condamue, Et d’un sceptre de fer veut etre gouverne; Que, s’il n’est opprime, tot ou tard il opprime. Ainsi de piege en piege, et d’abyme en abymo. Eorrompant de vos moeurs l’aimable purete. 11s vous feront enfin liair la verite, Vous peindront la vertu sous une atfreuse image. Helas! ils ont des rois egare le plus sage. Auch direkt spricht er seine Forderungen aus: Un roi sage, ainsi Dien l’a. prononce lni-meme. Sur la richesse et l’or ne met point son aj»|»ui; Craint le Seigneur son Dieu; sans cesse a devant lui Ses preceptes, ses lois, ses jugements severes. Et d'injustes fardeaux n’accahle point ses 1‘röres. Aber hoffrnmgsarm erhebt sich der Klcigenlf: Beins! Dans une eour ou Ton n’a d'untres lois Que la force et la violence, Ou les honneurs et les emplois Sont le j»rix d'une aveugle et hasse oheissnnce, Ma soeur, pour la triste innocence Oui voudrait elever sa voix? Und drohend klingt die Tragödie in die Warnungsstrophen aus: Dar cette fin terrible, et due n ses forfnits, Apprenez, roi des Juifs et n'oubliez jamais, Que les rois dans le ciel ont un juge severe, 1/innocence un vengeur, et l’orphelin un pere. (Schluß folgt.) 9 FEUILLETON na*- Meln Freund Olmüh. Von W. Herzberg. IV. Wir stiegen die unmittelbar von der Straße nach der Wohnung führende Treppe hinauf. Oben stand eine junge, fast ärmlich gekleidete Frau, mit einem leisen Ausdruck von Ergebung in den plumpe» Zügen, die einen Säugling auf dem Arm trug; zwei kräftige Bube» klammerten sich an Olmütz' Kniee, der sie zärtlich herzte. „Besorge uns Kaffee," sagte dieser, indem er mich in das Zimmer führte. Ich war so überrascht, daß ich kein Wort hervorbringeu konnte. Das also war des Räthsels Lösung. Der fromme Olmütz lebte in wilder Ehe mit einer Christin. Und das schon seit Jahren, und ich Esel hatte nie etwas gemerkt. Die junge Frau brachte zwei große Schalen schwarzen Kaffees und verschwand sogleich wieder. „Das Hütte ich nicht von Ihnen gedacht, Olmütz," sagte ich seufzend. „Ich auch nicht, Jacobsohn," erwiederte er bitter, „ich habe eine Seele mein eigen nennen ivolleii, und so habe ich mir, ohne daß ich es ahnte, diese schwere, unendlich süße Bürde aufgeladen, denn die Kinder sind mein ganzes Leben." „Aber warum heirathen Sie vie Person nicht?" „Sie wiffen doch selbst, daß sie nicht zum Judenthuni übertreten kan», wenn sie ein Kind von mir hat." „Also werden die armen Kinder Ihre Gesetzestreue büßen." „Sie werden nichts büßen. Ich werde ihnen eine gute Erziehung geben, und wenn sie Geld genug haben, werden sie auch angesehen sein. Geld macht Alles gut." Ja, aber von Ihrem Gehalt können Sie doch kein Vermögen zurücklegen?" „Rein, gewiß nicht, das reicht kaum zum Unterhalt der Familie hi» — aber ich spekulire mit Glück auf der Börse. Wie Sie mich hier sehen, Jacobsohn, bin ich ein Mann von 60,000 Mark — wenn ich die 100,000 voll habe, so schneide ich ab, das Alles gehört den Kindern. Aber Sie trinken ja nicht, Jacobsohn." Ich rührte den schwarze» Trank um und sagte, mich besinnend: „Mir fällt ein, Olmütz, daß ich Sie um eine Gefälligkeit ersucht habe — ich schrieb Ihnen vor einige» Tagen —" „Das ist wahr," erwiederte er gleichgiltig, „aber jetzt wisse» Sie, daß ich nichts verleihen darf, das Geld gehört den Kindern — übrigens ist es Sabbath, »vir dürfen also von Geschäfte» nicht sprechen. Begleiten Sie mich nach Sabbath Ansgang ins Büreau, ich »verde sehen, was ich thun kann." Die Wahrheit zu sagen, tväre ich am liebsten gegangen, nachdem ich den schwarzen Trank bewältigt hatte, mir »var sehr unbehaglich zu Muthe. So ei» falscher Haushalt, hu, mir gruselt. Ein arnres Mädchen aus dem Volke zu verführen — ei» rechtes Kunststück. Aber er hat ja eine Seele haben wollen, der fromme Mephisto, und das war seine Strafe: »ver nur sinnliche Liebe kennt, »vird hungrig auf geistige — freilich hat er die Kinder nicht aufgeben können, das rettet ihn. Olmütz, der bis dahin träumerisch vor sich hingeblickt hatte, unterbrach mein Selbstgespräch. „Ich tveiß nicht," sagte er, „»vieso ich heute Dreschmanns alberne Phairtasien nicht los »verden kann. Lachen Sie mich a»>s, Jacobsohn, aber inir ist, als gehe ich am Rande dieses geheimnißvollen Raumes, in den ich nach Belieben eintreten könnte, und vor dein ich doch eine Furcht einpfinde. Das macht der Wein, de» ich Mittags nicht gewohnt bin;" und damit schloß er die Augen und war bald wieder cingeschlafen. Auf dem bräunlichen, von schlvarzem Bart eingefaßten Gesicht, das keinen Blutstropfen zeigte, lagerte der tiefste Seelenfrieden. Es sind jetzt drei Jahre, seit ich diesen Menschen kenne, — peinlich streng in Beobachtung der religiösen Pflichten, ein heiterer Gesellschafter, von stets gleichgestimmtem Temperament, hochgeschätzt als fleißig und gewissenhaft von seinen Chefs und Allen, die ihn kennen. Und nun zeigt er sich plötzlich als Verführer einer Magd, als geinüthlicher Vater von drei Kindern, der an der Börse spielt, um ihnen eine Zukunft zu sichern. Würde er mir sein Vertrauen schenken, »venn er eine Ahnung hätte, daß er ein Verbrecher ist? Schwerlich. Und