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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-08 · Heft 49 (8.12.1893) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 49 (8.12.1893)
Date
1893-12-08
Page
Seite 583 (sequence 9)
Language
German
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583 Derselbe Hut sich in einem Interview eingehend über die Ansiedlung i» kleineren abgesonderten Besitzungen, in Chacras, ausgesprochen. Er hegt die Meinung, daß der russische Jude gar nicht in der Lage ist, in Argentinien eigenmächtig zu Werke zu gehen, denn er ist nicht gewohnt, für sich selber zu handeln, da cs ihm nie erlaubt war. Um wie viel weniger ist ihm dies möglich in einem ihm fremden Lande, wo Alles ihm neu ist. Die Ansiedlung in kleinen, abgesonderten Besitzungen bewirkt, daß der Kolonist sich schnell den neuen Verhältnissen anpaßt. Jeder von ihnen ist auf sein eigenes Stück Land aiigewiesen, lind er hat dafür zu sorgen, daß dasselbe gepflegt und fruchtbar erhalten wird, da es ihm und den Seinigen den Unterhalt für das Leben zu gewähren hat. Das Familienleben gestaltet sich in „Chacras" inniger — doch schließen sich die einzelnen Kolonisten weniger fest aneinander au, wodurch Kabalen und Jutriguen vermieden werden, welche bei neuen Ansiedlungen allzu leicht entstehen. Die Kolonisten werden auch weniger verleitet, das Bebauen des Landes zu unterlassen, und in die Städte auszuwandern, um daselbst einen Handel zu beginnen. Sobald die Komitees nach diesem System die Kolonisation leiten und die Einwanderung langsam nach und »ach bewirken, dann werden die jetzt schon als günstig zu bezeichnenden Aussichten immer bessere werden. Gerade jetzt ist in Argentinien die Erntezeit, und dieselbe verspricht sehr gut zu lverden. Das Land ist so billig und der Ertrag in einem fruchtbaren Jahre so reichlich, daß oft mit der Ernte des einen Jahres der ganze Kaufpreis für die Ländereien bezahlt werden kann. Selbst bei schlechteren Ernten, und wenn dieselben durch Heuschrecken zerstört werden, bezahlt sich im Allgemeinen das Land in fünf Jahren, und das ganze Jahr hindurch kann der Ackerbau betrieben werden. Millionen von wildem Vieh treiben herrenlos auf den Feldern, und die Bevölkerung lebt weit zerstreut und so wenig dicht, daß noch unendlich Viele in diesem Laude sich ansiedeln können und eine Existenz finden werden. Folgende Zahlen geben uns ein Bild von dem Gedeihen und der Entwickelung der einzelnen jüdischen Kolonien in Argentinien. Die meisten Seelen hat die Kolonie Clara in der Provinz Entre Rios, und zwar 999 Seele», und es befinden sich daselbst 270 Häuser. Die nächstgrößte Kolonie ist Mauricio in der Provinz Buenos-Ayres mit 789 Seelen, 314 Häuser» und zwei Schulen, dann folgt Mosesstadt in Santa Fä mit 436 Seelen, 91 Häusern, einer Schule und einer Synagoge, hierauf San Antonio im Departement Colon mit 291 Seelen, 111 Häusern, einer Schule, einer Synagoge. Monigotes hat 69, Ballesteros 69, endlich St. Julio 30 Seelen. Im Ganzen zählen wir bis jetzt in den Kolonien 2683 Seelen, 793 Häuser, 3 Schulen und 2 Synagogen. Von dem Lande sind circa 8600 Hektar mit Weizen und 8000 Hektar mit Mais bebaut. Ueber 100,000 Wein- und Fruchtbäume sind in der Kolonie Clara und eine große Anzahl in Mauricio und in den anderen Kolonien. An die Kolonisten sind bis jetzt vertheilt worden 5276 Ochse», 1128 Kühe, 2076 Pferde, 331 Maulesel, und an Maschinen und Geräthschafteu: 8 Dreschmaschine», 8 Dampfmaschinen, 97 Schneidemaschinen, 6 Maschinen für Mais, 24 Säemaschinen, 4 Mähmaschinen, 1345 Pflüge, 843 Eggen und 264 Karren. Diese Zahlen liefern den deutlichsten Betveis dafür, daß in den zwei Jahren, seitdem die Kolonisation in Argentinien in Angriff genommen ist, Viel und Großes geleistet wurde, und die Anstrengungen, welche gemacht worden sind, mir den russisch-jüdischen Kolonisten die Mittel zu ihrem Fortkommen zu gewähren, verdienen die höchste Anerkennung. Wir zweifeln nicht daran, daß es bald gelingen wird, den entstandenen Prinzipieirstreit zum Austrag zu bringen, denn hüben wie drüben ist es nur ein Gedanke, der den Baron von Hirsch, sowie alle Diejenigen, welche seinem hochherzigen Werke ihre Hilfe leihen, beseelt, — den armen Juden, welche ihres Glaubens wegen aus Rußland vertrieben werden, eine neue, glückliche Heimath zu schaffen. d Helden des alten Testaments in der neueren Litteratur. Vortrag, gehalten zum Besten des Stipendienfonds der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums am 13. Februar 1893. Von Dr. Richard M. Meyer. Weun Goethe von der großen Erbschaft spricht, welche unfere Zeit und alle Zeiten von dem Alterthum übernommen haben, so zerlegt er dieselbe in drei große Hauptlnassen: die Bibel, die Schriften des Plato und die des Aristoteles. Aber es kann doch keine Rede davon sein, daß diese drei Gruppen in ihrer Bedeutung für die Nachwelt gleichwerthig wären. Die Werke der beiden griechischen Weltweisen silld den Gelehrten aller Zeiten und Bölker ein unversiegbarer Quell der Anregung und Belehrnmg gewesen und werden das innner bleiben; aber niemals haben sie ganze Völker bestinunt, ganze Zeiten geformt. Dies aber hat die Bibel gethan. Nicht nur mit dem, wonlit sie eigentlich wirken wollte — wenn man so sagen kann — mit ihrem lehrh aften Inhalt hat sie Jahrhunderten ihre eigenthümliche Form gegeben; nein, selbst das, was sie gewissermaßen nur zufällig bringt, ist Millionen zur Richtschnur geworden. Jene kabbalistische Auffassung, die in jedem Schriftzeichen einen geheimen Sinn sucht, ist nur das Extrem derjenigen Anschauung, die im Mittelalter die allgemein herrschende war. Für das Mittelalter giebt es zwei große Lehrbücher Gottes: die Natur und die Bibel. In : beiden steht kein Bilchstabe, der nicht eine direkte Mahuuug an die Menschheit, an jeden einzelnen Meuscheu enthielte. In diesem Sinne E deuten die sogenannten „Physiologie" die Natur aus; der Mensch soll - sich ein Muster nehmen an der Elternliebe des Pelikans, der sein : Kind mit seinem Blute nähre, an der Reinheit des Hermelins, das; lieber sterbe, als einen Fleck auf seiner Weiße dulde. Und ganz ' ebenso wird nun auch die Bibel bis ins Einzelnste herein zum : Muster: wenn einer der größten Männer des Mittelalters, Karl der Große, inmitten des höfischen Gelehrtenkreises, den er um sich! zu versammeln liebte, sich David nannte, so war dies keineswegs! eine bloße Spielerei, sondern es drückte seine ernstliche Absicht aus,; ein Ebenbild des biblischen Musterkönigs zu sein. Besaß er ja doch j auch Eigenschaften genug, die diese Vergleichung nahe legten: ein j großer Eroberer und ein frommer Büßer wie David, in religiösen Dillgen ebenso eng und streng, in ehelichen unb anderen sittlichen Fragen ebenso frei unb seinen Trieben gehorchend wie er. Aber diese Art, hervorragende Gestalteli gu betrachten, ist nicht die aller Zeiten. Zwei Arten giebt es, wie wir bedelltende Persönlichkeiten betrachten können, historisch oder typisch. Oder, richtiger gesagt, wir können in ihnen entweder das Historische oder das Typische stärker hervortreten lassen. Denn Beides muß in ihnen vorhanden sein; eine historische Persönlichkeit würde uns nicht interessirell, wenn wir nicht fühlten, daß sie gewisse typische Züge zur Erscheinung bringt, und eine Gestalt würde nicht typisch werden, I wenn sie solche Züge nicht in einzig dastehender Weise verkörperte. Wir können Napoleon als eine nur einmal dagewesene Erscheinung ansfassen oder als den typischen Welteroberer; wir können Goethe . als ein Weltwunder ansehen — was er denn auch gewesell, oder als

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