Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- Seite 582 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228036--50411-3272023- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
582 schüft ihre Aufmerksamkeit von den Aschkenasim abgewendet und ihre ganze Sorgfalt den Sephardim zugekehrt hat. Was diese Abwendung von den deutschen, respektive russischen, rumänischen und österreichischen Juden ans dem Balkan verursacht hat, läßt sich schwer ermitteln. Es mag sein die verschwindende Anzahl derselben vor zwei Dezennien. Jetzt aber hat sich dieses Element etwas gestärkt. In Sosia giebt es mehrere hundert europäische Inden und ebenso viel in Rustschuk. Hundert Kinder gehe» ohne Unterricht umher, weil die Eltern, meist Handwerker, außer Stande sind, denselben aus eigenen Mitteln zu beschaffen; noch trauriger aber steht es mit dem Hebräischen. Hier also giebt es ein weites Feld für die Thätigkeit der Alliance. Gleich wie andere Nationalitäten ihre eigenen Schulen erhalten, in welchen Bulgaren ihre Ausbildung erlangen, so sollte die Alliance ebenfalls eine solche errichten mit den Unterrichtsgegenständen der Volksschule und mit hebräischer, deutscher, französischer und bulgarischer Sprache. Ich halte mich überzeugt, daß bei der gegenwärtige» Strömung nicht blos die Aschkenasim, sondern auch die Sephardim um die Aufnahme ihrer Kinder flehentlich bitten ivürden. Längst schon reifte in ihnen die Erkenntniß, daß mit dein Bulgarischen und Spagnolischen allein die neue Generation nicht auskommen wird. Längst schon schicken die Bemittelten ihre Kinder ins Ausland, in Serbien sowohl als in Bulgarien. Die Alliance Jsraelite Universelle, welche den Spagnolen Geld mit volleil Händen gab, möge von nun auch ihrer vertriebenen, bedrängten und armen europäischen Brüder auf dem Balkan sich erinnern. Sie kann ans großen >md allseitigen Erfolg in humanitärer Weise honen. Die deutschen Inden iverden die Spagnolen ungleich besser und zuvorkommender behandeln, als es bis zur Stunde von spagnolischer Seite geschah. Mögen meine Worte i» Paris und in London Erhörnng finden. Es ist bereits die höchste Zeit. — Der Bau der Synagoge für die europäischen Juden dauert fort. Die Hoffnung, die man hegie, daß die sephardische Gemeinde auch ihre Beisteuer zu dieser allgemeinen Sache leisten wird, erfüllte sich iiicht. Ter bei der Grundsteinlegung anwesende Gemeindevorsteher sand es nicht der Mühe werth, als des Reichste in der jüdischen Gemeinde, zu spenden! Mit der Uebersiedelung des Lehrers der hebräischen Sprache, Eliah Morena, des Korrespondenten an der Hazefira und Redakteurs des „Amigo de penpolo“ wird die genannte spagnolische Zeitschrist hier z» erscheinen beginnen. Die Abhängigkeit des Redakteurs von der Genieinderepräsentanz wird auch nicht verfehlen, auf dieses Organ zurückzuwirken und den Nutzen abzuschwächen, welchen ein unabhängiges Organ der gute» Sache zu bringen Pflegt. Allein bei der depressiven Gcmüthsstiinmung der Spagnolen haben publizistische Anregungen einen sehr problematischen Werth. Es sei denn, daß irgend ein Haiidelsmaim in seinem Rufe durch die jüdischen ausländischen Journale geschmälert wird. — Endlich soll die letzte alte Aschkenasim-Synagoge abgetragen werden, weil diese nicht mehr für die neue Stadt paßt, ob aber dieselbe wieder aufgebaut werden wird, bleibt fraglich, da die Spagnolen des Ritus Aschkanas müde geworden — und nur den sephardischen als den anserkorenen ansehe». Unserer Ansicht nach sind die beiden Ritus für europäische Ohre» eine Oual, und der kostbarste Neubau eines Tempels kann die Monotonie nicht beseitigen, welche j der türkische Singsang auf die so herrlichen Gebete gelagert. Es plant wohl hier ein Fortschrittsniann, einen großartigen Tempel zu erbauen i,mittelst eines Anlehens), allein die Seele desselben! > wird stets ein weihevolles harmonisches Vorbeten bleiben, ivelches dein j Mitbeter Muße gewährt, in Andacht dem Gebete zu lauschen und sich i zu sauiineln, nicht aber in ermüdender Weise stundenlang dahin zu j simpel». Allein der Zahn des Fortschritts benagt auch diesen Theil des Judenthums. Mit dem neuen Schnlarrangenient fällt die Nothj Wendigkeit neuer Tempel fort, da dieselben, tvie anderivärts, leer j stehen werden, alle Tage des Jahres, mit Ausnahme des Rosch; haschanah und Jom-kipur und bei sonstigem Gepränge, wie Hochzeiten u. s. w. Es pflegt in Europa stets ein gleicher Vorgang stattzufinden, daß die Schule in einem umgekehrten Verhältnisse zur Synagoge steht. Je voller die Schulen, desto leerer die Tempel. Wer löst das Räthsel, ivie man diese beiden so wichtigen Faktoren zu einander in ein gleiches Berhältniß bringt? 9 Indische Kolonien in Argentinien. Bon Benas Levy. Als Anfang Juni dieses Jahres Oberstlieutenant Albert Goldsnüd aus Argentinien nach London zurückkehrte, überließ er die Leitung der jüdischen Kolonien dem Ingenieur Maximo Kogan. Derselbe hatte sich in gemeinsamer Wirksamkeit mit Oberstlieutenant Albert Goldsmid als sehr befähigt und thatkräftig bewährt, und da er in Moskau gelebt hatte und die traurige Lage der russischen Juden ans eigener Erfahrung aufs Genaueste kannte, hegte man die berechtigte Hoffnung, daß unter seiner Leitung die Kolonisation in Argentinien sich blühend entwickeln und weiter fortschreiten werde. Abraham Berkenheim, Professor an der Moskauer Universität, stand ihm zur Seite, und Beide waren eifrig bemüht, die Ansiedelungen der russischen Juden zu fördern und die Kolonien so einzurichten, daß die Vertriebenen eine gesicherte Existenz daselbst begründen konnten. Ende Oktober er. sind sowohl Maximo Kogan als Professor Berkenheim nach Europa zurückgekehrt, und die Direktion der Kolonisations-Gesellschaft ist in die Häudc des Herrn A. Alsiua übergegaiigen. Im Laufe eines Jahres ist zum dritten Mal ein Wechsel an leitender Stelle eingetreten, und es ist nicht zweifelhaft, daß ei» solcher nur ungünstig auf die Entwickelung der jüdischen Kolonien cimvirken kann. Die Gründe dafür bestehen in Meinungsverschiedenheiten ztvische» den leitenden europäischen Komitees und den ausführenden Organen, welche in Argentinien thätig waren. Während die Komitees strikte vorschreiben, daß den Kolonisten nur die Mittel gewährt werden solle», um nach den für sie ausgewählten Ländereien zu gelangen, und jede weitere Organisation ihnen überlassen tverden soll, sind die bisherigen Direktoren, sowohl Oberstlieutenant Goldsmid tvie Maximo Kogan, entgegengesetzter Meinung. Dieselben verlangen vielmehr, daß in Argentinien Lokal - Komitees errichtet werden solle», welche alle Vorbereitungen für die ankommenden Kolonisten an Ort und Stelle treffen und vorher die Anzahl derjenigen bestimmen, welche in den einzelne» Kolonien sich niederlassen dürfe». In Argentinien ist das Ansiedeln in „Chacras", d. h. in kleinen abgesonderten Besitzungen beliebt. Die europäischen Komitees verlangen dagegen, daß die Kolonisten gruppenweise sich niederlassen und größere Ansanimlungen bilden, welche sich unabhängig selbst verwalten. Das sind die streitigen Punkte, über welche eine Einigung bis jetzt nicht herbeigeführt worden ist, und welche Maximo Kogan veranlaßt haben, die Leitung der Kolonien niederzulegen.