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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-08 · Heft 49 (8.12.1893) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 49 (8.12.1893)
Date
1893-12-08
Page
Seite 580 (sequence 6)
Language
German
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580 Neugeburten von einer massenhaften Auswanderung her, dann müßte doch folgerichtig auch die Todesstatitik einen so gewaltigen Sturz erfahren. Was zeigt diese aber? Ein ganz iniiiimales Zurückgehen, oder ein beinahe stationäres Bild. Wenn man den Zahlen tiefer auf den Grund geht, ergiebt sich ohne langes Studium, daß die Geburtenstatistik überhaupt nicht leicht von der Auswanderung beeinflußt werden kann. Angenommen, es wandert in einem Jahre 1 Prozent der Gesammtbevölkerung aus, was schon ganz ungeheuerlich wäre, dann darf die Geburtenziffer normaler Weise doch nur erst um 1 Prozent geringer sein als im vergangenen Jahre. Das zeigen die verschiedenen europäischen Länder. Deutschland, ja Preußen gehört zu den answandcrungslustigsten Staaten Europas. Deutschland exportirte in einzelnen Jahren zwischen 1880—1890 an 200,000 Menschen. Ueberhaupt ist es sehr zweifelhaft, ob die Juden auch nur ein Geringes mehr, als auf ihr Berhältniß kommt, a»sncwandert sind. Dem ungeheuren Drange nach Amerika, dem beinahe 2,000,000 Deutsche in diesem Jahrzehnt folgten, gaben natürlich auch viele Juden nach. Aber wenn man ihn für den Zahlenfall der Geburten verantwortlich machen will, müßte das größere Auswanderungsverhältniß der Juden nachgewiesen werden. Daß man eine an sich hohe Ziffer findet, hat doch gar nichts zu bedeuten, so lange nichts zu bedeuten, als nicht durch Bergleich der konfessionellen Elemente eine so viel größere Theilnahme der Juden an der Europaflucht sich herausstcllt. Die ungeheure Auswanderung, die Preußen und Deutschland stellen, hat keineswegs eine rückwärtsschraubende Wirkung auf die Geburten gehabt, die letzteren haben im Gegentheil eine sehr beträchtliche, ja prozentuelle Zunahme erfahren. Bei den Juden ist aber auf den ersten Blick nicht nur eine relative, sondern sogar eine absolute Abnahme der Geburten zu konstatiren. Um eine richtige Vorstellung von dem großen Rückgang der Geburten, der sich noch immer weiter vollzieht, zu haben, genügt es nicht, die zehn Jahrgänge einfach zu addire». Man '.nutz sich die einzelnen Jahre ansehen, denn die ersten Jahre des Jahrzehnts stehen für die Inden außerordentlich günstig da. Um so ungünstiger stellen sich die letzteren. Wenn man die letzten fünf Jahre addirt, so ist der Ausfall schon ein größerer, das Zurückweichen schon ein rapideres. Ich rejumirc vorläufig, die Inden haben 2000 Geburten in den letzte» Jahren weniger als 1881, bei derselben Bevölkerung, obwohl die Todesfälle ziemlich auf derselbe» Höhe geblieben sind. — Kann das von der Auswanderung Herkommen? 1. Warum hat sich daun der Prozentsatz — der unter gleichen Verhältnissen derselbe sein müßte — so sehr verschlechtert? 2. Warum sind dann die Todesfälle nicht ebenso heruntergegangen? Ist der Ueberschuß infolge der von Jahr zu Jahr verminderten Geburten schon an sich ein stets geringerer, so stellt er sich noch uw günstiger, wenn man ihn dem allgemeinen Ueberschuß gegenüberstellt. Die allgemeinen Ueberschnssc sind eher gewachsen, die jüdischen fortwährend heruntergegangen, Die Auswanderung kan» als Erklärung nur an de» Haaren herbeigezogen werden. Rehmen lvir an, alle ausgewanderten Juden wären allcsamnit in Deutschland geblieben, so iväre immer »och ein relatives Manko vorhanden, und nur dieses Zurückweichcn des jüdischen Prozentsatzes infolge des Mangels der natürlichen Vermehrung durch Geburten »alle ich in meinem statistischen Artikel znm Gegenstand der Behandlung gemacht. Was ich versäumt hatte, die zahlenmäßige Uebersicht zu geben, ist dantenswerther Weise von anderer Seite nachgeholt worden. Nichts Anderes, als das Zurücktreten der natürlichen Vermehrung wollte ich Nachweise», und Niemand dürfte es anders verstanden haben. In dem Artikel, der meinem folgte, war dagegen behauptet worden, die Juden hätten eine stärkere natürliche Vermehrung, i wenn auch die Auswanderung das nicht sofort zeige, ebenso waren j die folgenden Zuschriften erbötig, die stärkere Vermehrung der Jude»! durch Zahlen zu beweisen. In dem Aufsatz vom 17. November wird aber gar kein Versuch zum Antritt dieses Beweises gemacht, sondern, wie nicht anders inöglich, in Bestätigung meiner Ausführungen der Rückgang der natürlichen Vermehrung um einige Prozente zugegeben. Ausgegangen war ich von den gleichen Anschauungen des Herrn! H. Wichman», der gleichfalls keine Verminderung der Juden zugeben! wollte. Diese Ansicht habe ich bestritten und bestreite sie noch. Ebenso hat der berühmte Völkerphysiologe Ammon in einer I neulich erschienenen wissenschaftlichen Abhandlung die enorme Vermehrung der Juden, die die allgeineine weit hinter sich; lasse, aus völkerphysiologischen Grundsätzen abzuleiten gesucht, l eine Annahme, die Angesichts der Daten in Nichts zerfließt.! Man denke nur, eine solche Autorität baut mit Aufwendung von l vielem Scharfsinn eine Theorie für Thatsachen auf, die gar nicht! existire». Ebenso spricht Geheimrath Firks von der größeren Zunahme der Juden infolge des großen Ueberschuffes der Geburten, während ein flüchtiger Blick auf die selbst heransgegebene Statistik klar und deutlich das Gegentheil darthut. Dem gegenüber wies ich in meinem Artikel vom 13. Oktober nach, daß alle diese als wissenschaftlich erhärtete Thatsachen ausgegebenen Vermuthungen unbegründet sind. Freilich bin ich nicht nach polemischer Methode verfahren, sondern habe lediglich die Sache als solche behandelt. Da wurden im Einklang mit jenen Autoritäten meine das relative Zurückgehen betreffenden Angaben zu wiederholten Maleil als „falsch" und „haltlos" hingestellt und steif und fest die größere Vermehrung der Juden „infolge der geringeren Sterbefälle" behauptet. In dem letzten Artikel wird nun freilich auch der Rückgang der ' iialürlichen Vermehrung einfach zligegeben, wozu aber dann die gaiize Fehde. In meiner Arbeit war nur und immer nur von der relativen natürlichen Abnahme der Juden die Rede und ferner, daß die Erscheinung fortdauere und zunehme, wie die jährlichen Abstufungen auf der Tabelle veranschaulichen. Jii de» letzten Jahren betrug die durchschnittliche Vermehrung; durch Ueberschüsse über die Todesfälle überhaupt 1^0 Prozent, bei j den Juden dagegen nur »och 0,90 Prozent, was also einen Rückgang j von 0,(30 Prozent für das Jahr alismacht. Daß diese Erscheinung j z» einer dauernden wird, zeigt auch die Statistik von 1891: Geburten bei knapp 30 Mill. 1,177,209 --- 4 pCt. Sterbefälle „ „ 728,463 2,50 „ Ueberschuß überhaupt . . . 448,746 1,50 pCt. Jüdische Geburten bei 372,000 ----- 9190 -- 2,45 „ Jüdische Sterbefälle „ ---- 5715 ----- 1,55 „ Ueberschuß bei Juden .... 3475 0,90 pCt. Geburtenüberschuß überhaupt.1,50 „ Geburtenüberschuß bei Juden.0,90 „ Manko bei Juden 1891 0,(30 pCt. Manche Statistiker führen die in der Thai geringere Sterblichkeit : ins Feld, »in die ans den Geburten nicht erweisliche größere Veri niehrung der Juden z» behaupten.

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