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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-08 · Heft 49 (8.12.1893) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 49 (8.12.1893)
Date
1893-12-08
Page
Seite 578 (sequence 4)
Language
German
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578 Winter mir erlaubt, der rechten Seite des Hauses die Betrachtung anzuregen, ob nicht die Benutzung, die sie vom Bimetallismus und Anti- > semitisinus machte, bedenklich wäre, und ich glaube, ein nicht unerheblicher > Theil der Herren ist inzwischen zu meiner Ansicht gelangt. Der Anti-! semitismus fängt an. Ihnen (nach rechts) unbequem zu werden, und! Sie erkennen seine Gefährlichkeit. Mit Fug und Recht! Denn! wohin führt dieser Weg? Man hat mit vollem Recht behauptet, der Antisemitismus sei eine Vorfrucht der Sozialdemokratie. (Lachen bei den Antisemiten.) Er erzeugt Unzufriedenheit, und alle Un- 1 Zufriedenheit kommt der Sozialdemokratie zu Gute. Sie hat den breiten : Strom der Unzufriedenheit, und alle die kleinen Bächlein, die von Ihnen (zu den Antisemiten) ausgehen, fließen in diesen breiten Strom. (Sehr richtig! links.) Sie sind nicht die Männer, um die geweckte Bewegung aufzuhalten, sie geht weiter, bis sie in das große Sammelbassin der Un-! Zufriedenheit, in die Sozialdemokratie mündet. Bei der Agitation gegen : die Juden sind Sie nicht stehen geblieben. Sie verfolgen nicht nur die Juden, sondern auch solche, die einen jüdischen Vater oder eine jüdische Frau hatten, bis in das dritte und vierte Glied zurück. Die Bewegung fängt an, sich zu verwischen. Neben den Religionstrat der Rassen- Antisemitisrnus, und was übrig blieb, war der kapitalistische : Antisemitismus, und das ist eben das Gefährliche der Agitation,! daß sie zuletzt nicht mehr unterschieden wird. Denn die Kreise, an die! sie sich wendet, sind nicht geneigt, Unterschiede zu machen, sie laufen j blindlings Sturm gegen den Kapitalismus. Die antisemitische Bewegung wird nicht vor dem jüdischen Kapital Halt machen, sondern gegen das Kapital überhaupt vvrgehen. (Lebhafte Zustimmung links und bei den Sozialdemokraten. Oho! bei den Antisemiten.) Herr Zimmermann fordert , die Reichsregierung auf, mit derselben Schärfe gegen die Juden vorzugehen wie gegen die Landwirthschaft. Wo hat er mich scharf gegen die Landwirthschaft Vorgehen sehen? (Zuruf bei den Antisemiten: Hier!) Er j mag behaupten, daß ich die Landwirthschaft nicht so fördere, wie ich sie! fördern sollte, aber eine Schärfe kann er mir nicht Nachweisen. Er; wird mir auch keine Schärfe gegen die Juden Nachweisen können: ich thue meine Pflicht gegenüber meinen Mitbürgern, einem wie den: anderen, und ich werde in dem amtlichen Verkehr — und der kommt ja nur für mich in Frage — meine jüdischen Mitbürger nicht anders behandeln als andere. (Beifall.) Abg. Dr. Förster (Antisemit), ist auf der Tribüne wegen der Menge Zischlaute und Nasaltönen kaum verständlich. Manche ganz inhaltlose Bemerkungen erregen im Hause schaltendes Gelächter, weil sie mit komischem Pathos vorgetragen werden): Trotz der vorgerückten Stunde möchte ich auf die Ausführungen des Abgeordneten Rickert von gestern und des Abgeordneten Liebknecht von heute erwiedern. iZuruf: Nicht auch auf den Reichskanzler? Heiterkeit links.) Vom weltgeschichtlichen Standpunkt aus (Gelächter) — kann man denn einen allgemeineren Standpunkt noch einnehmen als den weltgeschichtlichen? (Lachen) — also vom weltgeschichtlichen Standpunkt aus weiden Sie finden, daß die Judenfrage uralt ist. Sie taucht in jedem Lande auf, mag eine Regierung sein, wie sie will. Wir Antisemiten werden hier als Pfuscher hingestellt; warten Sie ab, bis wir Gelegenheit bekommen, unsere Ansichten durchzuführen. Herr Rickert hat Veranlassung genonnnen, die antisemische Frage hier hineinzuziehen. Er hat die alten , Gründe hervorgebracht, die wir so oft schon gehört haben, hat von! Christenthum und Religion gesprochen. Wenn wir uns das Fell nicht j über die Ohren ziehen lassen wollen, so hat das nichts mit dem j Christenthum zu thun. Wir überzeugen einander doch nicht. (Lachen! links.) Ich niöchte Herrn Rickert einen Vertrag vorschlagen, unsere! schöne Zeit nicht mit antisemitischen Debatten zu vertrödeln. (Großes Gelächter.) Sie sehen, ich bin der Vernünftigere.! (Lachen links.) Ich möchte aber doch noch ein paar Dinge fallen lassen.! (Stürmische Heiterkeit.) Was wir vertreten, halten wir für sehr deutsch! und für christlich. Herrn Rickert weise ich nur darauf hin, daß die J ganze Aristokratie der Weltgeschichte antisemitisch gedacht hat. (Gelächter ' links) Das Wichtigste aber in der Rede des Herrn Rickert war de . Denunziation der Agrarier als Antisemiten. Wir können im M-; gemeinen nicht finden, daß die Forderungen der Agrarier das rehte ' Maß übersteigen, im Gegentheil, sie haben etwas zu lange gewatet.! Wir gehen allerdings über diese Forderungen hinaus. Wir grefen j rücksichtslos in die Zeit ein, aber unser Standpunkt ist ein höherer.! Ein Alltrag auf Schluß der Debatte wird angenoinmen. ' Persönlich bemerkt Abg. Zimmermann: Mit einem Witz, der iv keinem Verhältniß zum Aufwand von Behagen stand, hat mich der Reichskanzler angegriffen. Er hat mich aber durchaus nicht verstanden, er ist deshalb zu entschuldigen, denn aus seinen Ausführungen konnü ich entnehmen, daß er von der Judenfrage und der antisemitischen Be wegung nicht das Mindeste versteht. Präsident v. Levetzow: Sie brauchen in einer persönlichen Bemerkung den Herrn Reichskanzler nicht zu entschuldigen. (Heiterkeit.) Abg. Zimmer mann (fortfahrend): Der Herr Reichskanzler ha: selber gesagt, er habe im vorigen Jahre mit großer Vorsicht seine Versicherung abgegeben. Damit bestätigt er, daß er damals schon Hintergedanken hatte. (Sehr wahr! bei den Antisemiten.) Der Reichskanzler erhebt sich mib macht den Präsidenten auf die letzte Bemerkung aufmerksam. Präsident v. Levetzow rnst den Abg. Zimmermann zum zweiten Male zur Ordnung. Abg. Bebel: Ter Abg. Zimmermann hat mich wegen meiner freimüthio genlachten MittheilllNg über Verwendung eer mir vom Nationalverein über gebenell 200 Thaler angegriffen lmd bemerkt, ich hätte damals schon du Eigenthumsbegriffe verwechselt. Das ist eine Ausführung, die mick unter Umständen beleidigen könnte, aus denl Munde des Abgeordneter: Zimmermann ist es keine Beleidigllng. Am allerwenigsten hat Hern Zimmermann das Recht, derartige Unterstellungen 51t machen. Wenn einem öffentlich das gesagt wird, was das „Wchsische Vaterland" in der Nummer vom 22. September 1802 über die Veranlagung von Geldern durch den Abgeordneten Zimmer mann sagt - die Notiz ist bis jetzt ohne Widerlegung geblieben - so sollte man fid) vor solchen Bemerkungen am ersten hüteil. Ich würde mich schämen, wenn mir das nachgesagt würde. 9 Nie Woche. Berlin, 5. Dezembern Die Rede des Reichskanzlers, die wir an leitender Stelle inittheilen, hat erfreulicher Weise das einstimmige Mißfallen der rein antisemitischen und konservativ-antisemitische» Presse erregt. Daß sie auch der „Kreuzztg." nicht gefalle» hat, ist selbstverständlich; aber für die Kampsesart dieser Konservativen ist die Beurtheilung der Rede in hohem Grade charakteristisch. Nachdem das Blatt erwähnt hat, daß der Reichskanzler sich gleichmäßig gegen die Sozial demokrateii und gegen die radikalen (!) Antisemiten gewendet habe führt cs fort: „Wie es aber nach Lage der Dinge nicht anders sein konnte, mußte sich die Spitze dieses Vorstoßes vornehmlich gegen die Antisemiten richten, da die Parteigenossen des Abg. Zimmermann durch dessen Mund ertlärt daß sie entschiedene Gegner der Handelsverträge seien, während die Sozialdemokraten bekanntlich neben den Freisinnigen deren entschlossenste Vertheidiger sind." Weiterhin wird dem Grafen Caprivi ein Borwurf gemacht, das er in seiner Beurtheilung des Antisemitismus mit den Sozialdemokraten, „dengrundsätzlichen Gegnern d-o-che che h e irden Staa tcn", im Einklang stehe und „^gleich mit den „Inden", die das Wort von der Vorfrrcht der Sozialdemokratie erfunden haben solle». Natürlich chicht die „Krenzztg." die Caprivische Rede dahin zu interpretirn, daß sie ihre Spitze lediglich gegen den Rassenanti s.e.nitismus gekehrt habe, was aber in keiner Weise zntrifft. * Die „reinen" Antisemiten Haben nun auch ein Fremden Gesetz und ein Schächt verbot beantragt. Wir gestehen gern, daß nns diese Anträge weit lieber sind als die der Konservativen. Die weitgehendsten sind für uns die besten. Da weiß man dock, wohin es zielt. Der Antrag auf Erlaß eines Gesetzentwurfes

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