Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228036--50406-3272018- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
57. Jahrgang. Nr. 49. Allgemeine Berlin, 8. Dezember 1893. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. : Diese Leitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, ■ Postoder direkt von der Expedition in Berlin | unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M.! Redaetenr: Gustav .N arpeles. Begründet von Uabbiuer Dr. Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Expedition: iöerün, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung deS Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Inhalt. Leitartikelr LAus dem Reichstage. — Tie Woche. — Noch ein l'Jort über die relative Verminderung der Juden in Preußen. Von Bernhard vraubenberg. — Aus Bulgarien. Von Dr. R. Vierer. — Jüdische Kolonien in lrgentinien.^Von Bellas Levv. — Helden des alten Testaments in der neuen Literatur.^ Bon Dr. Richard M. Meyer. — Feuilleton: Mein Freund Amiitz. BonW. Herzberg. (Forts.)-Tie Melodie. EineEhanukahgeschichte. — »itterarische MUtheilungeu. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, togasen, Hamburg. Leipzig, Bernbnrg. Nürnberg. Wien. New-Orleans. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Aus dem Aeichstage. Berlill, 4. Dezeniber. Ter Reigen der Inden-Debatten ist null wieder eröffnet und in ollen Schleußen ergoß sich der Strom antisemitischer Beredtsamkeit 'chon in den ersten Sitzungen. Zu diesen Reden etwas belnerken zu vollen, wäre ein thörichtes Beginnen, eine rechte Sisyphusarbeit. Sie hatten nur beit Vortheil, daß sie den Antisemitismus in seinem nähren Lichte, in seinen letzten Zielen zeigen und daß sie die Regierung;nr Stellungnahme veranlaßt haben. In dieser Beziehung können wir dem Abg. Zinunermanu zu i unrichtigem Dank verpflichtet sein. Er hat die wahrhaft wuchtige!tede des Reichskanzlers provozirt, der die Antisemiten des Dema- ^ogenthums bezichtigte und ihnen bittere Wahrheiten sagte. Die Erklärungendes Reichskanzlers sind für uns ebenso wichtig wie erfreulich. Allen Angriffen gegenüber hob er hervor, daß er es für seine Pflicht 'alte, im amtlichen Verkehr jeden Bürger nach gleichem Recht zu behandeln. Hiermit hat sich der Kanzler einfach auf den Boden des Gesetzes gestellt und dem Gedanken der staatsbürgerlichen Gleicherechtigung, welcher das Fundament des modernen Rechtsstaats ist, 'en selbstverständlichen Ausdruck gegeben. Er that, was er als Hort >es Rechts thun mußte. Gleichwohl hat er sich durch die Festigkeit oer Sprache, durch die Energie der Zurückweisung antisemitischer Angriffe ein Verdienst erworben, das hoch zu veranschlagen ist. Die Absage des höchsten Reichsbeamten an eine die niedrigsten Leidenchaften aufstachelude Agitation wird hoffentlich überall verstanden werden. Emen Theil des Tadels mußte wohl oder übel die konserative Partei, die den Antisemitismus gleichfalls vor ihren Wagen -espannt hat, auf sich beziehen. Sie ist mitschuldig an dem Treiben, as unser öffentliches Leben heut vergiftet. Wir geben nun in Folgendem einen Auszug aus dem Bericht der jene Sitzung: Abg. Zimmermann (Autis.): Abgeordneter Rickert hat gestern — e glaubte wahrscheinlich, noch im Verein zur Abwehr des Antisemitismus u sitzen — wieder sein Sprüchlein gegen uns hergesagt. Er ist nicht avon zu überzeugen, daß der Antisemitismus eine nationale, eine Kulturcwegung ist, die sich über die ganze Erde erstreckt. Was Schopenhauer und Richard Wagner gegen die Juden gesprochen haben, ist durch eine Autorität wie Herr Rickert nicht aus der Welt zu schaffen. (Lachen links. > Der neue Kurs hat kein Verständnis für die Judenfrage, wie die Norddeutsche Allgem. Zeitung beweist. Der neue Kurs hat in vielen Fällen gerade das Gegentheil von dem gethan, was Fürst Bismarck gethan haben würde. Wir Antisemiten sehen in der Judenfrage durchaus nicht die Hauptsache, aber die Judenfrage ist eine der großen Fragen der Zeit. Die Nordd. Allg. Ztg. wirft uns vor, unsere Bewegung gehe nicht in die Tiefe, nnr in die Breite. Im Gegentheil, die Politik des neuen Kurses geht in die Breite statt in die Tiefe; fährt die Regierung so fort, so nähert sie ihre Politik immer mehr derjenigen, die vor der französischen Revolution getrieben worden ist. (Unruhe rechts.) Wenn der neue Kurs so fortfährt, dann wird er eine Stnrmfluth entfesseln, die bis an die Ministersessel emporschwellen wird; das Volk wird entrüstet sagen: Es ist unwürdig, daß der Wortbruch geheiligt wird, es ist unwürdig, das; die Militärvorlage erschlichen wurde. (Beifall bei den Antisemiten > Abg. Liebknecht (soz.): Die Antisemiten wissen selbst nicht, was sie wollen; sie behaupten, daß sie dem kleinen Manne helfen wollen, aber sie sehen nicht, was die Ursache seiner Roth ist, sie kämpfen gegen die Maschinen, gegen den Großbetrieb, statt gegen den dahinter stehenden Kapitalismus. Wir wollen etwas Anderes, wir wollen eine neue höhere Gesellschaftsform, bei der die Fortschritte der Technik für Alle nutzbar gemacht werden. Was die Antisemiten heilen wollen, können sie nicht heilen, denn sie handeln nach Art von Pfuschern; sie können dem Handwerk nicht helfen. Sie sagen, es sei der jüdische Kapitalismus. Das zeigt sich in England und Amerika, wo kein jüdischer Kapitalismus besteht. Die amerikanischen Farmer sind nicht durch jüdische Hypotheken überlastet, sonder;; dort wie in England sind es höchst christliche Leute, die jede Woche zweimal in die Kirche gehen, in deren Geldschränken diese Hypotheken liegen. Wenn Sie nach der Ursache des Elends der deutschen Bauern forschen, dann gehen Sie nur zu den Junkern, zu den Bauernlegern Reichskanzler Graf v. Caprivi: Der Abgeordnete Liebknecht hat an ein Wort von Oxenstierna erinnert, daß es wunderbar sei, mit wie wenig Weisheit die Staaten regiert würden. Wenn wir den Geist des alten Oxenstierna heute heraufbeschwören und in diese Verhandlungen bringen könnten, so würde er bei den Reden der beiden letzten Abgeordneten sich dahin ausgedrückt haben: Es ist wunderbar, mit wie wenig Weisheit Reden im deutschen Reichstag gehalten werden! (Beifall rechts.) Ich komme zu der Rede des Abg. Zimmermann. Er glaubt wohl selber schwerlich, daß aus dieser Rede Jemand Belehrung schöpfen könnte. Ich glaube, es ist noch selten eine Rede gehalten worden, wo der Aufwand physischer Kraft in einem solchen Mißverhältniß zum Aufwand geistiger Kraft stand. Ich habe nur ein paar Punkte gefunden, von denen ich glaube, daß es zweckmäßig sein könnte, darauf einzugehen. Der Abgeordnete scheint nicht zu wissen, daß man dieselben Dinge demagogisch betreiben kann und nicht demagogisch. Es kann Einer sehr wohl ein Republikaner sein, ohne deswegen demagogisch zu werden; aber die Art, wie die Antisemiten ihre Ideen im Lande vertherdigen, ist demagogisch, sie ist gefährlich. Ich habe im vorigen