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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-08 · Heft 49 (8.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 49 (8.12.1893)
Date
1893-12-08
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Mrsoetten Das kabbalistische Geheimniß der Bibel ist die neueste Entdeckung des Herrn Rudolf Falb, des vielbewunderten und viel geschmähten modernen Wetterpropheten. Mit der Verkündigung seiner! neuen Lehre, die an vier aufeinander folgenden kritischen Freitagen er- : folgen wird, hat er im „Architektenhaus" den Anfang gemacht. Der; berühmte Name des Redners und der mystische Titel des Vortrages hatte J etwa 200 Personen herbeigelockt, die mit erstaunten Mienen auf den aufgehnngten Tafeln die chaldäischen und chinesischen Schriftzeichen betrachteten und, je länger der Bortrag wurde, um so längere Gesichter machten. Herr Falb hat etwas viel in das Gotteswort „hineingeheimnißt" und führt den ganzen Mythus mit Hilfe der chinesischen Schriftzeichen auf astronomische Beobachtungen, vornehmlich die Mond- und Sonnenfinsternisse zurück. Dabei spielt noch eine große Rolle der von ihm so benannte „harmonische Vers", d. h. die wörtliche oder sinngemäße Uebereinstimmung von Bibelstellen, deren Verszahl mit der Kapitelzahl übereinstimmt, so Hesekiel 0,3 und Apokalypse 10,10, oder Jeremias 31,31 und Hebräer 8,8. Ein paar Beispiele mögen diese haarspaltenden Untersuchungen erläutern. Die Fünfzahl entspricht den fünf Fingern der Hand. Nun findet man im Buche Daniel Kapitel 5, Vers 5 die Stelle, wo bei Belsazar s Königsmahl die Hand an der Wand erscheint, und im Vers 20 idas ist 0 mal 5> desselben Kapitels die Worte, welche die Hand schrieb: Mene mene tekel upharsin. Das ist Kabbala. Das eigentliche kabbalistische Geheimniß der Bibel aber ist die Zahl 600. Das rechnet man so heraus: Tie Zeit zwischen je zwei Finsternissen beträgt genau 18 Jahre 10 Tage 14 Stunden. Diese Zahlen sind im Ehinesischen und in andern Eulten in die wunderbarsten Formeln kaum erkenntlich verflochten, weil ihre Kenntnis; ihrem Besitzer die Möglichkeit gewährte, das Entstehen und Vergehen der Finsternisse vorherzusagen und eine unumschränkte Macht über das abergläubische Volk gab. Symbolisch finden sich z. B. diese Fahlen in dem griechischen Mythus des Minotaurus, des Thieres, das mit seinen Hörnern die Mondhörner * versinnbildlichte, dem die Athener alle neun Jahre <2 mal 0 18)! 7 Jungfrauen und 7 Jünglinge (zusammen 14) opfern mußten. Im! Buche Daniel 12,12 findet sich ein Hinweis auf eine mystische Zahl. Permutirt man diese Zahl 12 und schlägt nun Apokalypse 21,12 und 21,21 nach, so findet sich dort die Beschreibung der 12 Thore im himmlischen Jerusalem. Stellt man diese 4 mal je 2 zwölfen in ihren Quersummen nebeneinander, so erhält man 060. Die Quersumme dieser Zahl ist 18, das ist die Zeit znstschen 2 Finsternissen, und der Quotient 210», das sind die Monate von 18 Jahren. Da nun das Wort „Saros", welches Finsterniß bedeutet, ebenfalls — 006 ist und Christus oft mit mit der Sonne verglichen wird, so ist damit bewiesen, daß — Herr Falb ein kluger Mann ist. Das größte Kunststück ist aber entschieden das folgende. Zwischen dem 7. und 8. Tage wechselt der Mond seine Sichel. Dieses Umwenden bezeichneten die Chaldäer mit zwei umgekehrten Dreiecken, welche den Zahlen 7 und 8 entsprachen. Die abnehmende und zunehmende Mondsichel davor und dahinter gezeichnet, bedeuten dann natürlich die Fahlen o und 0. Die beiden Dreiecke ersetzte man später durch drei Striche, so daß das Bild ) i ( oder die Zahl 01,110 herauskam. Theilt man diese Zahl in 0,1 und 11,6 ab, und schlägt diese Stellen in einem alten Propheten — welcher, ist uns entfallen - und in der Apokalypse nach, so findet man dort den Hinweis auf die Macht über Hölle und Himmel, das heißt über Entstehen und Vergehen. Das ist wieder die Finsterniß uub Falb'sche Kabbala. Diese Proben genügen wohl. Man muß über die Unsumme von Wissen staunen, die Herr Falb zu seinen Beweisen aufwendet, aber ebenso auch darüber, wie er mit krankhafter Sucht in tausend Zufälligkeiten ein uraltes Gesetz sucht. Gewiß mag vieles aus dem Cult der Gestirne in veränderter Form in die neue Religion übergegangen sein, aber man muß auch nicht in Zufälligkeiten mit aller Gewalt ein Gesetz finden wollen. Herr Falb sagt zum Schluß: „Meine Enthüllungen scheinenden Altar zu erschüttern, aber Dogma und äußerer Cultus sind ja nicht das Wesen der Kirche. Wenn auch diese Stützen, die alt und morsch geworden sind, Zusammenstürzen, so wird das Schifflein einer idealen Kirche, der Religion der allgemeinen Menschenliebe, aus den Fluthen der Feit emporsteigen." — Für Abwehr des von den Antisemiten den jüdischen Soldaten gemachten Vorwurfs des Mangels an der im Kriege erforderlichen todes-! mnthigen Tapferkeit und Treue theilt der Volks-Ztg■, anschließend an | die vor einiger Zeit von uns aus Gnesen gebrachte Mittheitung, ein Bruder des damals erwähnten Gefallenen noch Folgendes mit: „Als im Juni 1866 der erste Nachschub nach den; Kriegsschauplatz erforderlich wurde, richtete der betreffende Offizier an die Mannschaft die Frage, wer sich dazu freiwillig melde. Mein Bruder, der erst am 1. April 1866 als Einjährig-Freiwilliger beim 2. Garde-Regiment eingetreten war, war einer der Ersten, die sich dazu meldetet:. Er machte die Gefechte von Burkersdorf und Königinhof tapfer mit und fand am 8. Juli 1866 bei Königgrätz, beim Sturm auf das Dorf Rosberitz, den Tod. Nach! langem Warten auf eine Nachricht von ihrem in den Kampf gezogene:: Sohn erhielten die bekünnnerten Eltern am 8. Juli vom Kriegsschauplätze * von dem .Kompagnieführer der 10. Kompagnie, Grafen Ranzau, folgenden I Brief: „Herrn Heymann Hirschberg, Gnesen. Leider habe ich die schmerz-! liche Pflicht, Ihnen anzuzeigen, daß Ihr Sohn Leopold Hirschberg der I 10 Kompagnie 2. Garde-Regiments in der großen Schlacht am 3 Juli j beim Sturm auf das Dorf Rosberitz als Held gefallen ist, wie er seinen j verwundeten Major — v. Erckert — aus dem heftigen Kugelregen fort-! tragen wollte Eine Flintenkugel in den Kopf tödtete ihn sofort. Er! siel als braver Soldat; treu seinem König. Gott stütze Sie in Ihrem.! Kummer! Ihr Graf Ranzau, Premier-Lieutenant im 2. Garde-Regiment, | Führer der 10. Kompagnie. Rosberitz, den 5. Juli 1866." — In Ber- ' anlassung dieses Vorfalls ließ die jüdische Gemeinde in Gnesen in der dortigen Synagoge eine Gedenktafel mit folgender Inschrift anbringen r „Aus Lieb' zum Vaterland gabst Du Dein Leben hin. Ehr' und Ruhm solch' biederem Sinn!" — Ein älterer Bruder des Gefallenen machte die Kriege von 1866 und 1870 als Stabsarzt mit und wurde beide Mal für Tapferkeit dekorirt, das eine Mal mit dem rothen Adlerorden mit Schwertern und das andere Mal mit dem eisetnen Kreuz. — Ein neues Werk von Richard Voß, das jüngst in München aufgeführt wurde, behandelt einen jüdischen Stoff aus dem römischen Leben. Das neue Stück heißt „Daniel Danieli" und ist ein Schauspiel in vier Akten mit dem bei Voß obligaten traurigen Ausgang. Der Titel- - Held ist ein armer Trödeljude aus dem römischen Ghetto gewesen, heute ist er dank seiner Talente und einer reichen Heirath achlzigsacher Millionär und der Chef eines der vornehmsten christlichen Häuser, denn der Baron Pius Danieli, wie er jetzt heißt, ist vor fünfzehn Jahren Christ geworden und deshalb von seinen Eltern verflucht worden. Obwohl als Antisemit! bekannt, ist er im Herzen immer Jude geblieben, und an diesem Zucke- I spalt geht er zu Grunde. Die Wohlthaten, die er heimlich nach dem! Ghetto sendet, werden ihm vor die Füße geworfen, und die Mutter weist! ihn aus dem Hause, so lange er nicht seinen wahren Glauben bekennt.! Ihn zu bekennen und zu sterben, sei die einzig mögliche Sühne Und j er thut's: er vermacht sein riesiges Vermögen vor Zeugen — jüdischen! Stiftungen, eilt in den Ghetto, den er demoliren läßt (das Stück spielt j Anfang der neunziger Jahre, von der Zerstörung des Ghetto) und läßt sich , in dem verlassenen Elternhause mit der von ihm einst verrathenen jüdischen : Braut von den einstürzenden Mauern erschlagen; bevor er stirbt, wird er von der Mutter gesegnet. U j =■ Die Nr. 40 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: An unsere Leser. — Bericht. — Das Judenthum in der Juristerei. II. — Von der antisemitischen Geschichtskenntniß. — Zur Abwehr. — Aus dem antisemitischen Lager. — Die Juden und der Welthandel. Geschäftliche Notnen. * Pommersche Hypotheken-Aktien-Bank. Wie aus dem Inseratentheile unserer heutigen Zeitung ersichtlich, werden die am 2. Januar 1804 fälligen Pfandbrief-Coupons bereits vom 15. Dezember er. ab eingelöst. * Soeben erschien ein werthvoller „Leitfaden für Schwerhörige", zur Erlernung der Kunst, das Gesprochene vom Munde abzusehen. Dies im Selbstverläge des Verfassers, Julius Müller, Berlin W., Magdeburgerstraße 16 I, erschienene Buch zeichnet sich nicht blos durch seine Originalität, sondern vor Allem durch den praktischen Werth aus. - Der Verfasser hat das Verdienst, die Absehkunst, die bisher eigentlich nur für Taubstumme berechnet war, wesentlich für die Schwerhörigen in Dienst zu stellen, und hat dies durch anerkennenswerthe Vereinfachungen im Unterrichtsverfahren ermöglicht.

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