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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-01 · Heft 48 (1.12.1893) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 48 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
Seite 576 (sequence 14)
Language
German
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576 Fittcrarische Mittheilungen. * „Lessings Werke", gesammelt in ('Bänden. Neu durchgesehen von Franz Muncker. Mit Einleitungen von Karl Goedeke, Stuttgart, G. I. Göschen'sche Verlagshandlung. „Die Verlagshandlung erwirbt sich mit dieser, auf Grund der Lachmannschen Forschungen hergestellten, mit minutiösester Sorgfalt d'en echten Wortlaut des Dichters reproduzirenden, solid ausgestatteten und außerordentlich billigen Ausgabe der Werke des großen Streiters für Wahrheit, Freiheit und Größe deutscher Kunst ein uanchaftes Verdienst um das Geistesleben unseres Volkes. Diese schöne um wenige Groschen käufliche, trefflich gebundene Ausgabe ist ein nachdrücklicher, hoffentlich allseitig beachteter Appell an das deutsche Publikum, unserem Lessing endlich in jedem Hause seinen Platz einzuräumen. Soeben erschien ein werthvoller „Leitfaden für Schwerhörige" zur Erlernung der Kunst, das Gesprochene vom Munde abzusehen. Dies im Selbstverläge des Verfassers, Julius Müller, Hamburg, Hansaplatz 2, erschienene Buch zeichnet sich nicht blos durch seine Originalität, sondern vor Allem durch den praktischen Werth aus. Der Verfasser hat das Verdienst, die Absehkunst, die bisher eigentlich nur für Taubstumme berechnet war, wesentlich für die Schwerhörigen in Dienst zu stellen, und hat dies durch anerkennenswerthe Vereinfachungen im Unterrichtsverfahren ermöglicht. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Vor Kurzem hielt Frau Nahida Remy im hiesigen Vereine für Jüdische Geschichte und Litteratur, einen stark besuchten, enthusiastisch aufgenonnnenen Vortrag über das jüdische Weib in der älteren Litteratur. Wie hätte es auch unseren Glaubensgenossen nicht schmeicheln sollen, tm Zeitalter des Antisemitismus ihr Lob aus dem Munde einer Andersgläubigen zu vernehmen, einer Christin von solcher Bedeutung, von solchem Wissen? Fast dünkte es mich zu viel des Lobes für die Vergangenheit und allzu große Nichtachtung dessen, was die jüdische Frau unserer Zeit durch ihr Streben erreicht. Als nun gar die Nednerin unter Heranziehung eines Talmudsatzes, welcher besagt, die Frau solle nicht Kinderlehrerin sein, am liebsten das Zurückkehren der Jüdin auf einen längst überwundenen Standpunkt als das allein Wünschenswerthe hinstellte, da kam meine Begeisterung ich muß es gestehen, ins Wanken. Tageslitteratur und Umgebung beeinflussen den Menschen im Laufe der Jahre nicht vergebens, und so hielt auch ich das freiwillige Aufgeben erreichter Ziele für unklug. $l\\x allzu bald sollte ich erfahren, daß den jüdischen Mädchen keineswegs freie Hand in diesen Dingen gewährt wird, und zwar erbrachten die Erfahrungen einer Bekannten den Beweis dafür. Die Dame, welche — nach bestandener Staatsprüfung — während einer Reihe von Jahren an einem der ersten Institute Deutschlands mit vorzüglichem Erfolge, wie ihr Zengniß beweist, thätig gewesen, diese Stellung aber aus Familienrücksichten hatte aufgeben müssen, suchte abermals ähnliches Engagement. Die frühere Leiterin der erwähnten höheren Mädchenschule stellte ihr zwar bereitwillig ein Empfehlungsschreiben aus (über die inzwischen geübte Thütigkeit als Privatlehrerin), jedoch unter Beifügung der mündlichen Bemerkung, daß in Deutschland jetzt nichts zu erreichen sei, sie selbst könne Niemand, schon aus Geschäftsrücksichten nicht, zur Anstellung einer Jüdin rathen. Da Jeder gern Erfahrungen auf eigene Faust sammelt, wandte sich das Mädchen an verschiedene auswäriige Vereine und Agenturen. Ein hier bestehender jüdischer Verein nimmt ja auch jüdische Lehrerinnen als Mitglieder auf, aber was die Stellenvermittelung in diesem Punkte anbelangt-nun gleichviel, das kommt hier nicht in Betracht. Doch nun zurück zu den Bewerbungsversuchen und deren Erfolg!! Nachdem die "Anstellung der genannten Lehrerin an einer anderen Privatschnle Sachsens «dessen König einst behauptet, er würde sich schämen, in einem Lande zu regieren, in welchem die Unterthanen erst um Gleichstellung bitten müßten) nicht zu Stande kam, weil die Betreffende Jüdin war, versuchte sie es zunächst in dem Nachbarreich, wo man früher jeden Menschen nach seiner Fa« on selig werden ließ. Daraufhin erhielt sie ans einer großen Stadt (trotzdem Engagement in Familie ausdrücklich ausgeschlossen bezeichnet worden-, die Offerte einer Erzieherinstelle in jüdischer Familie, mit dem Bemerken: „Schulstellen haben wir jetzt gar keine!" Die Vorsteherin eines Wiener Unternehmens bot ähnlichen Posten mit der Randglosse, daß Deutsche an österreichischen Schulen nur sehr schwer Anstellung finden. Eine j Agentur der freien Schweiz deckt sich gleichfalls mit Nationalitätsj rücksichteu, indem sie sagt: äe doi5 vous prevenir cpi’il m’est extreme- | ment difficile de reussir a placer une personne dont le francais n’est i pas la longue maternelle etc. (Wo bleiben die Sprachlehrerinnen?) So-; weit wären die Beweggründe für die refüsirenden Antworten noch verj sch leiert Hingegen kommt aus Brüssel die unzweideutige Replik: Die 1 Schulen stellen nur protestantische Lehrerinnen an; und aus Paris, wo man sich der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit rühmt, die Erwiederung, „daß es zu schwer sei, da Bewerberin nicht katholischer K onfession!" „Das sind nach beendigtem Studium und jahrelanger Thätigkeit die! Anstellungschancen einer Jüdin," fügte meine Berichterstatterin hinzu.! „Nur gleiche Pflichterfüllung fordert man von uns, ohne gleiche Rechte! zu gewähren Die Leiterinnen der Frauenbewegung veranlassen die j Jüdin, höhere Ausbildung zu erstreben und versagen ihr doch; nach beendigter Studienzeit selbst die Anstellung. Diejenigen, welche j das Recht der Frau auf Arbeit dem Manne gegenüber betonen, sollten! doch wahrlich zunächst im eigenen Lager die Gleichheit proklamiren i und üben!" — Soweit der Bericht einer Lehrerin, der einen tiefen Einblick in den Kampf um's Dasein gewährt, welchen gar manche jüdische Frau der gebildeten Stände gegenwärtig zu bestehen hat. Es ist sehr bequem zu sagen, die Frau gehöre nicht hinaus ins Leben, sondern an den häuslichen Herd. Wenn alle Mädchen zur Gründung einer Familie kämen, wäre dieser Anschauung wohl zuzustimmen, allein dem ist nicht so, und deshalb ist I die Frage: „Was soll aus den unbemittelten, auf sich angewiesenen! Mädchen werden?" eine brennende Frage. Anlage, Wissen und guter : Wille zur Selbsthilfe ist bei unseren jüdischen Mädchen wohl vorhanden, allein man schneidet ihnen die Möglichkeit dazu ab Oder sollten unsere Gegner in diesem Falle nur einem Ausspruche des sonst vielgeschmähten Talmud beipflichten, der besagt: „Die Frau soll nicht Kinderlehrerin sein?" — Leipzig, 1!). November. R. B. O Sehr geehrter Herr Doktor! In meinen! Aufsatz: „Kulturstndien über das Judenthum" sind eimge Druckfehler enthalten. Von diesen möchte ich nur berichtigen: ad 1. Bei dem Eitat aus.dem Or. Ehaj. ist statt „S." zu stellen Absehn. 14, da ja der Ritualcodex nicht nach Seitenzahl angeführt wird. ad 2. ist der Passus: „Das Gebetbuch der Neuen Synagoge, welches nicht immer gelungen ist" dahin zu ändern: „welchem zwar nicht immer; gelangen ist, das „Ewig-Gute des Alten mit der Geifleshelle des dienen zu vereinen". Zu dem Artikel „Ueber das neue Gebetbuch tus Westfälischen Gemeindeverbandes" möchte ich bemerken, daß es doch tief bedauerlich ist, daß jede größere Gemeinde oder jeder Verband für sich zur Edition eines neuen Gebetbuches schreitet, und daß man nicht daran geht, für alle Gemeinden Deutschlands, die gesunden Reformbestrebungen huldigen, ein einheitliches Gebetbuch festzustellen. Meiner Meinung nach wäre doch richtiger, daß man, um eine einheitliche Regelung zu ermöglichen, in erster Reihe sich mit der Metropole, mit der größten Gemeinde Deutschlands in Verbindung setzen sollte. Vorläufig dürste ja das Gebetbuch der Neuen Synagoge genügen, welches immerhin noch den! andern neuen Gebetbüchern, die in letzter Zeit entstanden, vorzuziehen i ist, wenn auch dies noch manches zu wünschen übrig läßt. Jedenfalls müßte die Berliner Gemeindeverwaltung cs sich angelegen sein lassen, > um dahin zu wirken, daß das Gebetbuch der Berliner Gemeinde überall eingeführt werde, nicht aber durch immer neu auftauchende Projekte das einheitliche Band, welches im Gottesdienst für uns liegt, noch mehr gelockert werde. Ich glaube. Sie, geehrter Herr Doktor, werden wohl auch meiner Meinung sein, und es dürfte kein geringes Verdienst Ihrer Zeitschrift werden, wenn es ihr gelänge, die einheitliche Regelung der dies-! bezüglichen Fragen durchzusetzen. Ergebenst Dr. B. Elsaß. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.! Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwiü in Berlin.

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