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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-01 · Heft 48 (1.12.1893) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 48 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
Seite 574 (sequence 12)
Language
German
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574 „Und das wäre, Olmütz?" „Wenn man nach einem solchen Schaletessen eine gute Cigarre rauchen könnte, Jacobsohn, das wäre der Gipfel des Hochgenusses; aber das." fügte er mit einem Seufzer hinzu, „ist ja eine Unmöglichkeit." „Was ist unmöglich?" fragte eine breite, heisere Stimme. „Ach, sind Sie es, Dreschmann?" erwiederte Olmütz, „ich habe Sie noch gar nicht bemerkt." „Kein Wunder, lieber Freund, wenn Sie in Ihren Schalet vertieft sind; aber sie wissen ja, daß ich die Gewohnheit habe, '.»ich im Schabbes an die Zelte Jacobs anzuschließeu." Drcschmann war ein Christ, der in einer uns befreundeten jüdischen Familie eine Hauslehrerstelle bekleidete. „Was also ist unmöglich?" fuhr er fort, „denn ich bin eben dabei, den Herren zu beweisen, daß es bald keine Unmöglichkeit mehr geben wird." „Unmöglich ist," sagte Olmütz lächelnd, „am Sabbath nach Tisch eine Cigarre zu rauchen." „Na, da werde ich Ihnen gleich das Gegentheil beweisen." „Gewiß, Sie dürfen es thnn," erwiederte Olmütz, „aber Sie haben ja auch nicht den wahren Genuß am Schalet, weil Ihnen die Sabbathseele fehlt." „Eine Sabbathseele, was ist das?" „Jeder fromme Israelit, sagen unsere Weisen, bekommt zu seiner Seele am Freitag Abend noch eine andere, die Sabbathseele genannt, damit er de» heiligen Tag doppelt genießen und so für die nächste Woche doppelt gekräftigt werde." „Nein, so ein Ding habe ich nicht gekriegt, weiß auch nicht, ab das bei uns im Hause aufzutreiben ist, die Leute halten ja gar nicht einmal ihren Sabbath. Uebrigens, weiß ich den», ob ich überhaupt eine Seele habe? z „Ja, das ist Ihre Sache, lieber Dreschmann," sagte Olmütz. „Bär, i Apfelkompot! Sie haben das Ding vielleicht wirklich verloren; wenn man das zarte Wesen nicht in Acht nimmt, so soll es leicht zu Schaden kommen. Aber was für Zeug haben Sie dem kleinen | Heumann weis machen wollen?" „Mir?" sagte das Männchen, das blasse, von einem rothen Bart eingerahmte Gesichtchen zu dem riesenhaften Dreschmaun erhebend und ihn mit seinen wasserblanen, von zwei ausfallend kurzen Lider» gehaltenen Aeuglein spöttisch anblickend, „mir weis machen? Ich halte es mit Heine, der schon die Thatsache hervorhebt, daß unsere Leute sich nur mit der Regel de tri befassen. Die regula de tri, lieber Dreschmann, ist mein Bekenntniß, aber nicht die regula de quatro." „Wie? seid Ihr schon wieder bei der vierten Dimension angelangt, Dreschmann?" rief Olniütz. „Ich brauche nicht dabei anzulangen, weil ich schon dabei bin," entgegnete dieser. „Ihr minderen tappt kläglich im Dunkeln, denn Ihr seid zu denkfaul."! „Wir haben nicht Ihre Gelehrsamkeit, Dreschmann, wir sind! keine Mathematiker." , „Dazu genügt die Wissenschaft eines Schulknaben. Erinnern! Sie sich nicht, daß die Summe der drei Winkel in einem Dreieck! zwei Rechte beträgt?"! „Ja," sagte Olmütz, „so wird es wohl sein, obgleich ich den j Beweis schuldig bleiben müßte." i „Nun gut. Das ist aber nur richtig, so lange es sich um ein j Dreieck in der Ebene handelt, in dem Dreieck auf der Kugel ist die! Summe der Winkel schon größer als zwei Rechte." j „Und was beweist das?"! „Dos beweist, daß außer der Geometrie, die Euklid für uns er funden hat, noch andere existiren können, gerade so, wie neben dem dreidimensionalen Raum, in dem wir uns einbilden zu leben, noch ein vierter denkbar ist, der sich zu dem unsrigen verhält, wie die Kugel zur Ebene." „Und wenn er sich denken läßt, existirt er darum auch?" „Aste Wahrheiten sind Denkoperationen," sagte Dreschmann, die Decke anstierend, „das unendlich Große, das unendlich Kleine, die Wirkung von Kräften in die Ferne, sind Erzeugnisse des Denkens und doch real — die Thiere fassen die Welt als zweidimensional aus, die Menschen als dreidimensional; für höhere Wesen muß es noch eine vierte Ausdehnung geben, die sich ja leicht als eine Gleichung zwischen vier variablen definiren läßt. Uebrigens, um nicht zu weit zu schweifen, berufe ich mich auf Kant, der schon sagt, daß, wenn es möglich ist, daß es Ausdehnungen von anderen Abmessungen gäbe, es auch wahrscheinlich sei, daß Gott sie irgendwo angebracht habe, und das muß Euch frommen Hebräern doch genügen." Damit griff er nach seinem Seidel, leerte es auf einen Zug und blickte sich triumphirend um. Aber was war aus seinen Zuhörern geworden? Der kleine Heumann hatte lächelnd das Weite gesucht. Olmütz schlummerte süß den Schlaf des Gerechten, ich selbst musterte behaglich das Bild in der letzten Reform. „Nun, Jacobsoh», Sie sagen ja gar nichts," rief Dreschmann ungeduldig. „Lieber Himmel," entgegnete ich ängstlich, denn ich kannte des braven Dreschmann Zornausbrüche, überdies hatte er soeben das dritte Glas echten Münchener Bieres vertilgt, „die Sache ist ja über allen Zweifel erhaben, werden doch schon im Buche Hiob die vier Dimensionen sonnenklar anfgeführt; aber ich halte es mit König David, der sagt: Ich wandele nicht in Dingen, die zu groß lind zu wunderbar für mich sind." „Ha, ha, ha, Sie schlauer Kunde, Sie flüchten sich von der analytischen Fiktion in die historische." Vor dem lauten Gelächter war Olniütz aufgewacht — er rieb sich die Aiigen, schob den Hut in den Nacken und fing an, das Tischgebet vor sich hin zu niiirmeln. Das dauerte etwa eine Minute. Als er fertig war, fing Dreschmann wieder an. „Daß ein Mensch wie Sie, Olmütz, der sich mit solcher Leichtigkeit aus dieser in die andere Welt versetzen kann, eine so handgreifliche Idee nicht fassen kann, ist mir geradezu unerklärlich." „Was heißt, sich aus einer in die andere Welt versetzen?" und Olmütz zuckte die Achseln, „ich kenne gar keine andere, aber alle Eure modernen Erfindungen sind eine abgeschmackter als die andere." „Na, davon seien Sie nur still, lieber Olmütz, denn das werden Sie doch zugeben, daß Juden im Kapitel der Ersindungeil nicht mitznsprechen haben." „Gewiß," sagte Olmütz, „wir haben uns bisher in diesen Dingen nicht ausgezeichnet, haben wenig erfunden, aber dafür haben wir zweierlei gefunden, darauf die Welt beruht." „Und das wäre?" „Asiens haben ivir Gott gefunden, den Ihr iind die Heiden tausendfältig erfunden habt, und zweitens haben wir die Buchstaben oder Silbenschrift gefunden, die Grundlage und den Hebel aller Civilisation, »ach der sich alle erleuchteten Nationen des Alterthums abniühten, aber die wir Juden entdeckt haben." „Die Sache ist ja gar nicht so wesentlich, und übrigens verdankt die Welt diese Entdeckung bekanntlich den Phöniziern." „Ja, so heißt es bei den Schriftstellern. Aber ist es wahrscheinlich, daß diese Handelsleute eine so welterschütternde Idee gefunden haben? Und was ist denn über ihr Schriftthum bekannt? i

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