Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 573 (sequence 11)
- Language
- German
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573 Nase stehenden, himmelhohen Ziegelmauer selbst das ruhigste Gemüth auf die Dauer verbittern muß. Dafür war es drinnen um so heimlicher, wenn die Gasflammen brannten und das Gespräch wie an einer großen Familientafel lustig auf und ab wogte. — Ich sage, wenn die Gasflammen brannten. Denn der kühne Leser hüte sich vor dem übereilten Schlüsse, Freund Bär habe ohne Rücksicht auf die unvermeidliche hohe Gasrechnung verschwenderisch für die Erleuchtung seiner Gäste gesorgt; o nein, er war eben so sparsam wie konservativ, und es mußte schon ein respektabler Nebel in der guten Hansastadt herrschen, wenn unser Wirth zu diesem äußersten Mittel greifen sollte. Auch kann nicht geleugnet werden, daß die erfahrenen Gäste wenigstens sich mit wunderbarer Gewandtheit zlvischen den Tischen und Stühlen zu bewegen wußten, und daß nicht Einer da war, der in diesem Schattenreiche nicht seinen gewohnten Platz mit unfehlbarer Sicherheit gefunden und behauptet Hütte. Es war an einem Sonnabend gegen ein Uhr Nachmittags, daß ich, durch den Drang meines Innern getrieben, die alle Beide aufsuchte. An den Tischen, die dem Sabbalh zu Ehren mit frischen, schneeweißen Tüchern bedeckt waren, saß das fröhliche Sabbathvolk, die Hüte fest auf den Köpfen; die Messer und Gabeln klapperten, die Löffel senkten sich andächtig in die dampfende Suppe, 'und über Alles schwebte wie eine Weihrauchswolke ein unnennbarer Duft von Schalet und Pökelfleisch, dem auch das ödeste Herz sich nicht verschließen konnnke. Ich grüßte die Bekannten und richtete meine Schritte nach dem zwischen den Fenster an der Wand stehende» braunen Sopha. „Noch Niemand da?" fragte ich den Kellner. „Nein, Herr Jacobsohn," und er blickte nach der runden Uhr über der Thür, „die Herren kommen am Samstag ja erst um halb zwei — befehlen Sie Brühsuppe oder Schalet?" „Noch nicht, Karl," entgegnet« ich, indem ich einen prüfenden Blick auf den von Fett gleißenden Daumen warf, mit dem er einen leeren Suppenteller hielt, — „ich werde ans die anderen Herren warten." Und damit setzte ich mich auf das leere Sopha und blickte bewundernd auf den kühnen Karl, der schon wieder mit einem halb Dutzend Gerichten gelaufen kam, die geschickt in seinen Armen ruhten, während vorn in der rechten Hand der' dampfende Suppenteller wieder und wieder seine Fluthen über den standhaften Danmen ergoß. „Und warum Karl?" fragte ich mich grübelnd — denn in der That, worauf beruht die wunderbare Thatsache, daß der christliche Kellner in den jüdischen Restaurants durchgehends auf diesen Namen hört? „Wie ich Ihnen sage," rief mein Nachbar zur Rechten, der allein an einem kleinen Tische saß, gegen welchen ein mageres Männchen mit gierigen kleinen Augen sich lehnte, „wie ich ihnen sage, Herr Kandis, ich hätte den Kerl anspeien mögen." Ich blickte zu dem aufgeregten Gesicht hinüber. „Darf man wissen, Herr von Bollen, um was es sich handelt?" Er sah mich mit seinen hellblauen, scharfen Augen prüfend an, wie erwägend, ob er mich einer hochwichtigen Mittheilung würdigen könne. Alles an dem Manne athmete, was man mit dem Worte Pharisäismus zu bezeichnen gewohnt ist. Peinliche Strenge in der Lebensführung und in Beobachtung althergebrachter Formen, Gefühl der eigenen Würde und Zurückweisung des Pöbels. — Aber wer den Mann näher kannte, wußte, daß unter diesem starren Aeußren ein liebewarmes Herz verborgen war, herb und stark, wie feuriger alter Wein. „Wo eine Million ist," rief er, „ich sage, wo eine Million verdient ist, da ist etwas faul, da stinkt cs; haben die Kinder sie geerbt, so dauern sie mich, denn sie werden das Blut büßen, das an diesem Gelde klebt — aber so ein hergelaufener Jung'." Ich blickte fragend auf Kandis. „Die Sache ist," sagte dieser, „der alte Jtzig, Sie kennen ihn ja, der vor zwei Jahren ans Strelitz hergezogen ist, hatte seine Uhrkette verloren; sein armer Bursch' findet sie auf der Treppe und bringt sie seinem Herrn. Der giebt ihm einen schönen Dank, reichlich, sonst aber nichts." „Das war nicht schön von Jtzig," erwiederte ich, „aber wer kann ihn tadeln? Es ist sein Recht, eine Belohnung zu geben oder nicht zu geben. — Uebrigens, wenn die Ehrlichkeit des Lohnes sicher wäre, so hätte sie keinen Werth." Die hageren Züge des Herrn von Bollen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. „Werden Sic satt von schönen Redensarten?" sagte er, „ich nicht, der arme Schneider mit seinem Haus voll Kindern auch nicht, dessen Jüngel für die Kette, die unter Brüdern hundert Mark Banko werth ist, von jedem Andern als von einem Chaseick) ein Geschenk von zehn oder zwanzig Mark bekommen Hütte. Aber die neue Welt finbet das ganz in der Ordnung, diese Chachomim^) passen zu den Mecklenburger Amrazzinüfl — na!" Mit diesem langezogenen Ausruf, aus zusammengepreßten Lippen, die sich wie zu einer Salve plötzlich öffneten, zuckte er verächtlich die Achseln und begann, in seinem Sessel zurückgelehnt, mit halbgcschlossenen Augen und beruhigten, feierlichen Zügen das Tischgebet vor sich hin pi murmeln. II. Indem öffnete sich die Thür und ein langer, festlich gekleideter Herr schob sich durch die Oeffnuug. Er ging langsam, ohne Jemand zu beachten, nach der Ecke, wo der Waschapparat ausgestellt war, ergriff mit der linken Hand das gefüllte Glas, goß das Wasser über die Rechte, sodann über die andere Hand, und nachdein er, ohne eine Miene zu verziehen, die Ccremonie dreimal wiederholt und die Hände sorgsam an dem weißen Tuch, das von oben herabhing, getrocknet hatte, ging er auf einen Tisch zu, brach von dem dort aufgestellten Sabbathbrode, tauchte das Stück in das Salzfaß und schob es nach leise gesprochenem Segen in den Mund. Erst dann nickte er mir aus seinen halbmelancholischen, schwarzbraunen Augen ruhig zu und ließ sich behaglich am Tische nieder. „Schalet, Herr Olmütz?" fragte der Wirth, der wie durch einen Zauber plötzlich aus dem Nebel aufgetaucht war, „und auch für Sie, Herr Jacobsohn?" „Selbstverständlich, lieber Bär." „Und dann," sagte Olmütz, „kalten Braten — was giebt e-s, Bär?" „Kalbsbraten, Herr Olmütz — etwas Ausgezeichnetes!" „Nun gut, Kalbsbraten, aber ein gutes Stück." „Ich kenne ja Ihren Geschmack," sagte Bär, sein breites, mageres Gesicht zu einem freundlichen Grinsen verziehend, und er eilte davon, um uns alsbald auf einem, mit sauberer Serviette belegten Brett die lieblich bufteube Schaletspeise darzuceicheu. Nachdem wir dieselbe mit gebührender Andacht verzehrt hatten, sagte Olmütz, indem er mich ausdrucksvoll anblickte: „Das nenn' ich einen Schalet, Jacobsvhn! Haben Sie je etwas Besseres gegessen? Das ist ohne Zweifel einer der höchsten Genüsse, die dein Menschen beschieden sind, und doch fehlt ihm etwas, um ihn ganz vollkommen zu machen." ') Schweine. Weisen. 3) Dununköpfe.