Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 572 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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572 den Reihen der Bekenner des jüdischen Glaubens hervorgehen! Aber den Begriff des Betruges mit dem Judenthum idcntifiziren, heißt das nicht die Instinkte des Pöbels auf eine Fährte leiten, die zu Allem, nur nicht zur Gerechtigkeit, noch zur Wahrheit führt? Ist das Wort „Betrüger" nicht deutlich genug, un> den sittlichen Zorn zu erregen? Muß es, um dem Volke verständlich zu klingen, erst in „Jude" verwandelt werden? Und wie will man es dem Pöbel plausibel machen, das; zwar nicht jeder Jude ein Betrüger, wohl aber jeder Betrüger ein Jude sei? Henri Rochefort freilich ist Einer, der uns mit Cluseret noch versöhnen könnte. Weit revolutiouürrischer als der Kommunisten- General, ist dieser alberne Blageur, der sich so lange gerühmt hat, wann immer durch einen Wink seiner Augen zweimalhunderttausend Menschen in Paris als ein revolutionäres Heer mobilisiren zu können, bis er eines Tages, als es darauf ankam, diese Drohung zn Gunsten Boulanger's zu realisiren, auf und davon ging aus Furcht, von seinen Parisern blau geprügelt zn werden. Der Löwe, dessen Gebrüll einst unheildrohend durch die Gauen des zweiten Empire gehallt, er entpuppte sich, da cs galt, die Republik im Solde des brav' general zu zerfleischen, als „Zettel, der Weber", als ein furchtsamer Geselle, dem vor seiner eigenen Furchtbarkeit bange wird und der, dem Echo seines eigenen Geschreis entrinnend, sich erst beruhigte, als bereits die Fluthen des Meeres ihn von dem Orte seines Schreckens trennten, als er im britischen Lande einen behaglich-sicheren Unterschlupf fand. Dort hüllt er sich wieder in sein schäbiges Löwenfell und brüllt nun in ohrenzerreiszender Weise gegen die Juden, die er als eine furchtsame Raffe kennt und denen er mithin noch Angst einzuflößen hofft. Vergebliche Strapazen der Stimmbänder! Die Juden, man möge über ihre Courage wie immer denken, sind doch mindestens eine gescheidte Raffe. Und wenn auch die Löwenjagd nicht unter ihre Passionen zählt, vor dem kläglichen Webergesellen, der sich mit Boulanger zitternd hinter die Kittel der Madame Bonnemain verkrochen hat, fürchten sie sich nicht. Zur Ehre der Franzosen sei es übrigens gesagt, daß die antisemitische Krankheit in diesem Volke keinen günstigen Boden findet. Jules S i in o n, Francis M a gn a r d, Anatole L eroy - B e au l i e u, gewiß unbefangene und kompetente Beurtheiler des französischen Volksgemüthes, stimmen in der entschiedensten Verurtheilung der Judenhetze und auch in der Ansicht überein, daß der Antisemitismus, wiewohl nur eine Ausdrucksform der Svzialrevolution, gar nicht das Talent habe, sich in der Republik einen Anhang zn machen. Jules Simon nrtheilt hierüber wie folgt: „Ten Antisemitismus machen erstens die Katholiken, welche alten ererbten Instinkten gegen die Juden folgen; zweitens die Revolutionäre, die der Haß gegen jede Ordnung führt; hinter ihnen die große Masse aller Unzufriedenen, die jede neue Phrase bethört. Kein Wunder, daß das großen Lärm auf den Straßen giebt — aber von einer ernstlichen Bewegung kann man doch eigentlich kaum reden. Das wirkliche Volk hört nicht auf sie und kümmert sich um die Hetze nicht. Es hat keine Antipathien gegen die Juden." A. Leroy-Beaulieu spricht »och deutlicher: „Es ist selbstverständlich, daß ich ein Gegner des Antisemitismus bin. Ich bin sein Gegner als Christ und als Franzose. Als Christ kann ich eine Lehre nicht dulden, welche Haß verkündet und Zwietracht unter die Menschen bringt. Als Franzose kann ich unsere alte Tradition der Gerechtigkeit und Freiheit nicht verleugnen, die uns unsere geschichtliche Stellung in Europa giebt. Ter Antisemitismus ist gegen dm Geist unserer Raffe. Er ist uns aus der Fremde gekommen, über den Rhein her, und wird bei uns nicht heimisch werden. Wir werden uns niemals in eine politische Lehre finden, die eine wüste Mischung von reaktionären Instinkten und revolutionären Begierden ist." Magnard's Urtheil endlich gipfelt in diesen Sätzen: „Hier kennen wir den Juden als Wucherer nicht. Und gerade deswegen glaube ich, daß die antisemitische Hetze keine Zukunft hat, sondern nur die Geschäfte der Sozialisten führt. Das scheint mir ihre Gefahr. Und darum würde ich gegen sie immer kämpfen; darum würde ich gegen sie, selbst wenn sie, was ich in allen Punkten leugne, im Recht mit ihren Thesen gegen die Juden wäre, dennoch beharrlich und ohne Rücksicht kämpfen, weil sie mir ganz andere Dinge, als die Juden, zu gefährden scheint; alle Bedingungen des modernen Staates und die ganze Form unserer politischen Entwicklung von heute. Uebrigens ist ihre erste Kraft und Heftigkeit schon wieder erschöpft. Das war vor drei, vier Jahre», daß sie wirklich einige Zeit ernstliche Sorgen erweckte. Jetzt sinkt ihre Macht, ihre Geltung schon beträchtlich, und sie wird wohl bald wie ein wüster häßlicher Traum entschwunden sein." Hermann Bahr hat sich in seiner Enquete auch an einige Engländer, wie Balfour, Dilke und Labouchere, gewendet. Aber diese schrieben oder sprachen ihm sehr verwundert darüber, daß man ihnen mit einer Frage über den Antisemitismus kommen konnte. Aus ihren knrzathmigen, verdutzten Aeußernugen hallt gleichsam die Frage heraus: „Autisemitismus? Was ist das eigentlich? Bei uns in England kennen wir ja das Ding gar nicht!" Zorilla aber, der Chef der republikanischen Partei in Spanien, begreift den Antisemitismus, aber er verabscheut ihn. In Spanien freilich gebe es keinen Antisemitismus, weil dort keine Juden seien — leider! „Daß es heute überhaupt noch möglich ist, daß man sich nicht schämt, antisemitisch zu empfinden, und daß man mit einem Striche die ganze Arbeit der Vergangenheit und alle Errungenschaften des Geistes tilgt — man möchte an der Menschheit verzweifeln. Ich finde es absurd, erst Gründe gegen den Antisemitismus zu suchen. Er richtet sich selbst. Wer überhaupt fähig ist, seiner wüsten Hetze zu folgen, muß krank, muß geistig entartet sein und hat jedes Recht verwirkt, in ernsten Fragen vernommen zu werden." Die Menschheit steht vor schweren Krisen, vor erschütternden Umwälzungen. Die Völker, welche diese große Prüfung siegreich überdauern sollen, müssen von einer strotzenden Fülle an Lebenskraft, von einer zuverlässigen Konstitution ihres Organismus sein. Und das antisemitische Gift scheint uns in der Völkerpathologie eine ähnliche Rolle zu spielen, wie das Koch'sche Tuberkulin: die Rolle eines diagnostischen Mittels. Die Nationen, die den ihnen eiugeflößten Antisemitismus in ihrem Körper bewahren, sind siech; die anderen, die ihn bald abstoßen, sind von einer gesunden Rüstigkeit, die sie wider das drohende Unheil wappnet. N FEUILLETON Mein Freund Mmüh. Von W. Hcrzbcrg. Als ich in Hamburg lebte, pflegte ich auf dem Alten Wall bei Bär zu speisen. Aus der Tiefe des düsteren Hausflurs ging es in ei» paar nach dem Hof gelegene, geräumige, niedrige Zimmer, in denen fast immer ein liebliches Halbdunkel herrschte. Denn die nahe an den Fußboden reichenden Fenster schienen, sei es durch die Farbe des Glases, sei es durch eine systeinatische Ansammlung von Staub und anderen unaussprechlichen Dingen, ihren festen Entschluß kundzugeben, dem unbefugten Eindringen des Tageslichtes energisch zu wehren, was ihnen gar nicht zu verargen war, wenn man bedenkt, daß das unablässige Anstieren einer grauen, dicht vor der