Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 571 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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571 die Probe laufen, um an den wenigen Feiertagen zwei bis drei Chöre vor der Gemeinde zu singen. Findet aber jede Woche eine Probe statt, tritt der Chor einmal in der Woche beim Gottesdienst in Thätigkeit, so kann fortwährend Neues studirt werden, das Interesse ist fortwährend vorhanden und die berufenste Stütze des Gemeindegesanges und mit ihnen letzterer selbst werden blühe» und gedeihen. Ist einmal mit Unterstützung der Chorvereine der Gemeindegesang existenzfähig geworden, dann möge keines dominiren, sondern beide mögen sich in ihre Aufgabe theilen: „die Verherrlichung des Gottesdienstes". U Reise um den Antisemitismus. Von Josef Veßi. II. Unter allen Definitionen des Antisemitismus giebt es unseres Wissens nur eine einzige, die annähernd das Richtige trifft; und die ist bezeichnenderweise eine negative. Sie stammt von dem trefflichen Anatole Leroy - Benulieu, der in seinem Buche „Israel oder los psuptes" ganz zutreffend ausführt, wie der Judenhaß in Wahrheit nichts von all' dem sei, als was er von seinen eigenen Bekennern bezeichnet zu werden Pflegt. Er sei keine ökonomische Frage, denn am ärgsten drangsalirt werden ja gerade die ärmsten Juden, die russischen. Auch eine religiöse Frage sei er nicht, denn leidenschaftliche Antisemiten finden sich auch unter de» Atheisten und Freidenker», die das Glaubensmoment gar keiner Beachtung würdigen. Und endlich sei der Judenhaß auch keine nationale Frage, wie dies aus dem Beispiele der Araber hervorgeht, welche, wiewohl selbst Semiten, die wüthendsten Antisemiten sind. Das trifft nun — wie gesagt — vollkommen zu. Jndeffen, da wirft sich erst recht die Frage auf: Wenn der Antisemitismus keine religiöse, keine ökonomische und keine Rassenfrage ist, was ist er dann sonst? Nicht zufrieden mit den Aufschlüssen, die er in Deutschland empfangen, wandte sich Hermann Bahr in der Folge an die Franzosen. Da klopfte er wieder, wie im Deutschen Reiche, bei allerlei Persönlichkeiten an. Senatoren, Depntirte, Akademiker, Dichter, Revolutionäre und Publizisten, er überfiel sie mit der sonderbaren Frage: „Was halten Sie vom Antisemitismus?" Und sie standen ihm Rede und enthüllten ihm ihr innerstes Denken über dieses heikle Thema, die Meisten ohne viel diplomatische Verhehlungskünste, mit der Wahrheit herausplatzend, in naiver Offenmüthigkeit, wie Ueberrumpelte, die keine Zeit fanden, ihre Worte vorerst durch die Vorsicht censuriren zu lasten. Da kam es denn freilich bisweilen zu ganz interessanten Geständnissen, die unser Problenr in gar merkwürdiger Weise beleuchten. So entpuppte sich Alphonse Daudet — sicherlich einer von Denen, deren Charakter dergleichen auszuschließen schien — gleichfalls als ein halber Antisemit. Ganz ist er es nicht, beileibe. Ja, den Drumont, der die Dinge bekanntlich über die Maßen outrirt, den will er gar nicht verstehe», ganz so, wie der Herr Professor Häckel den Ahlwardt von sich abschütteln möchte. Und überdies hat Daudet auch das mit dem berühmten deutschen Naturforscher gemein, daß er ebenfalls mit zahlreichen Juden befreundet ist und sich dieser Freundschaften zu rühmen liebt. Das Verfahren ist ja äußerst bequem und zudem von einer ganz vortreffliche» schlauen Leutseligkeit. Man hält sich, um denn doch nicht mit der gemeinen Maffe verwechselt zu werden, etliche Schntzjuden, nämlich jüdische Freunde, auf die man sich immer berufen kann, wenn man es angezeigt findet, sich vor der Gemeinschaft mit dem brutalen! und übelriechenden Antisemitismus der Gasse und der Gosse zu! schützen. Daudet verfährt darin genau in derselben Weise wie! Häckel. Als ob die Beiden sich verabredet hätten. Nur ist Daudet ' kein deutscher Professor, sondern ein französischer Dichter. Und folg-! lich hütet er sich wohl, über das Wesen des Antisemitismus zu philoj sophiren, geschweige denn „den berechtigten Sinn" des letzteren zu defi- ' niren. Dazu fehlt ihm einfach der deutsche Denkerernst. Er empfindet ' es lästig, daß „die Jude» zu große Geschäfte machen und die ganze; Politik führen". Und darum wurde er „so baguement Antisemit". Darum und — ja richtig — auch weil auf dem Vogesenvlatze in Paris alle Häuser — bis auf das eine, das er bewohnt — bereits den Juden gehören. Man wird doch zugeben, daß dies mehr ist, als ein gesitteter Mensch vertragen kann. Dem Drumont hat Daudet immer gesagt, „daß es ganz schändlich und abscheulich sei, Einen um seines Glaubens willen zu hassen, zu schmähen und zu verfolgen", i Aber auf einem Platze zu wohnen, wo es — bis auf einen einzigen I — lauter jüdische Hausherren giebt, das stellt die Propaganda des Teufelskerls Drumont gleich in ein anderes Licht. Man wird es sonach plausibel finden, daß Daudet „eine gewiffe leichte, unbestimmte Abneigung gegen die Juden" nicht verhehlen kann, er, der doch versichert, daß er „die Hetze gegen die Juden verdammt und die Gefahren des Antisemitismus für die Ordnung und Freiheit erkennt". O, das ist ein sehr werthvolles Geständniß, an dem man, wofern es Einem ernst ist um das Bemühen, den Kern des antisemitischen | Problems zu erfassen, nicht achtlos vorübergehen soll. Daudet sieht; also das Schmachvolle der Judenhetze, seine Vernunft erkennt deren j Gefährlichkeit; allein ob auch sein Empfinden und sein Denken sich , dawider auflehne, er vermag seine „leichte, unbestimmte Abneigung" j nicht zu überwinden. Er kämpft dagegen, er schämt sich wohl auch dessen, aber er kann nichts dafür: „o'«st plus kort que lui.“ Und das ist Daudet, ein Geistesriese unserer Zeit! Was sollen dann die rohen Maffen thun, die in ihren Trieben durch keine Bildung gezügelt und die der Nachwelt nicht für jede Regung ihrer Seele verantwortlich sind! Jene wilden, wildgährenden Massen, über welche Daudet sich i zu erheben wähnt, indem er seine Vernunft über den Judenhaß ab- ' urtheilen läßt, während er selbst in seinem Herzensgründe diesen Haß als verdünnte Abneigungssubstanz birgt. Ach, wahrlich, es besteht; nur ein quantitativer Unterschied zwischen der Gemeinde jenes vulgus : prokanuin und der Aversion, die dieser Dichter, ohne zu erröthen, i eingesteht . . .; Auch Cluseret, der Kommnnisten-General, ist ein Antisemit, der ' mit seinen jüdischen Freunden großthut. Für ihn ist die antisemitische! Bewegung eine Erscheinungsform der sozialen Revolution. Und als! Sozialrevolutionär applaudirt er selbstverständlich der antisemitischen i Bewegung. Er haßt nicht die Israeliten, Gott bewahre; nur gegen; die Juden richtet sich sein Haß. Denn er hat „gute alte Freunde,! die Israeliten sind, ohne Juden zu sein"; und „er kennt eine Menge Christen, die sehr schlimme Juden sind". Als Jude gilt ihm nämlich nur, wer vom Betrüge lebt. Hier trifft sich Cluseret mit Professor Adolf Wagner, wie zuvor Daudet sich mit Häckel begegnet hatte. Dem Professor Wagner sind jüdisches Protzenthum und jüdische Aufdringlichkeit zuwider, aber er bekämpft nicht das Protzenthum und die Aufdringlichkeit, sondern die Juden überhaupt, also auch die Nichtprotzen und die Unaufdringlichen unter ihnen. Cluseret hinwieder hat gegen die Israeliten nichts einzuwenden, aber Jude ist ihm Jeder, der vom Betrug lebt. Merkt man die feine und wohlwollende Distinktion? Zum Teufel mit diesen blöden Unterscheidungen, die j eigentlich perfide Verwechselungen sind! Man predige den Ver- I nichtungskrieg gegen den Betrug, und wahrlich nicht die wenigsten j und nicht die untüchtigsten Streiter gegen dieses Laster werden aus