Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 570 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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570 glieder') (im Betrage von drei Mark an pro Jahr), zum Theil werden sie den Zinsen des Vereinsvermögens entnommen, das gegenwärtig 58,633.33 Mark beträgt. In warmen Worten gedenkt der Bericht besonders zweier Zuwendungen, die der Verein jüngst erhalten hat. Herr Julius Cunow, der in seinen zahlreichen Ehrenämtern — u. a. als Vorstandsmitglied der Berliner jüdischen Gemeinde wie auch unseres Vereins — sich allen humanen Bestrebungen mit voller Hingebung widmete, hatte in Erinnerung, daß seine Wiege dereinst in einem Lehrerhause (gestanden, in seinem letzten Willen des Vereins gedacht und demselben die Summe von zehntausend Mark hinterlassen mit der Bestimmung, daß sie als besonderer Fonds unter der Bezeichnung „Lehrer M. E. Cunow-Stiftung" verwaltet und zur Ausbildung von Söhnen und Töchtern mittelloser Lehrer für ihren Beruf verwendet werde. Den Segen, den dieses Vermächtniß geschaffen, haben schon mehrere Lehrerkinder erfahren. — In sinniger Weise glaubte ferner Herr Bankier Alexander Löwenherz-Berlin seine Pietät für den verstorbenen Vater, der einer der Begründer des Vereins gewesen war, nicht besser bekunden zu können, als indem er am hundertsten Geburtstage desselben zu seinen früheren Zuwendungen die Summe von 1500 Mark fügte. Mit freudiger Genugthuung kann so der Verein auf die vierzig Jahre seiner Wirksamkeit schauen; er kann sich rühmen, zur Hebung der Kultur und zum Fortschritt innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft sein gutes Theil beigetragen zu haben; durch seine Hilfe ist es in der Reihe von Jahren vielen Lehrern ermöglicht worden, ihr mühevolles Werk in kleinen, abgelegenen Orten zu üben. Ueberall, selbst in der kleinsten Gemeinde, zeigt sich bereits der Segen dieses Wirkens, überall findet die unendliche Wohlthat, die von der Thätigkeit eines tüchtigen Lehrers ausstrahlt, die gebührende Anerkennung, die sich auch äußerlich in einer besseren Gestaltung des Lehrereiukommens kundgiebt! Die Lehrer selbst haben, sobald sie nur von dem Druck der täglichen Roth erlöst waren, mit einer Energie, die nicht genug gerühmt werden kann, einen Zusammenschluß zu gegenseitiger Hilfe gesucht und gefunden; zahlreiche Vereine wirken theils innerhalb der Provinzialverbäude, theils im ganzen deutschen Reich für die Wittwen und Waisen: Und dennoch wächst alljährlich die Zahl der Gesuche, die an den Verein zur Unterstützung jüdischer Lehrer in Preußen herantreten! Diese Erscheinung wirkt für den Augenblick befremdlich, doch wird sie bald klar, wenn wir uns vor Augen führen, daß alle anderen Vereine uild Verbände nur in dem Kreise ihrer Mitglieder ihre Thätigkeit suchen, und daß ein Eingreifen des Vereins erst bei Dienstunfähigkeit oder nach dem Tode eines Mitgliedes erfolgt! Unser Verein umfaßt in seinem Wirken die gesammte jüdische Lehrerschaft Preußens und ist bisher die alleinige Stelle geblieben, an die sich der durch Krankheit oder Unglück in Verlegenheit gerathene Lehrer oder derjenige, der seinen Kindern gern die Ausbildung geben lassen möchte, zu der sie ihre Fähigkeiten berechtigen, um Hilfe wenden kann: Er weiß sicher, daß sein Gesuch, sobald es nur irgendwie für begründet erachtet wird, auch baldmöglichst Gewährung findet, ohne daß davon etwas in die Oeffentlichkeit dringt. Der Vorstand des Vereins, an dessen Spitze seit einer Reihe von Jahren der Direktor des Reichenheim'schen Waisenhauses, Dr. Jritrosinski, steht, sieht mit vollem Recht seine erste Pflicht in schneller und diskreter Hilfe und sucht alle verfügbaren Mittel diesem Zwecke zuzuführen. Je 0 Die Aufnahme als Mitglied des Vereins erfolgt auf schriftliche Meldung bei dem derzeitigen Kasienführer, Herrn Julius Grünwald, Friedrichstraße 112a. reicher die Quelle wird, der diese Mittel entströmen, desto nach^ haltiger und vollkommener wird allen Anforderungen, die an den Verein gestellt werden, entsprochen werden können; es ist deshalb Ehrenpflicht eines jeden Lehrers, nicht nur selbst diesem für seine Standesgenossen wirkenden Verein beizutreten, sondern auch die Wohlhabenden und Wohlthätigen seiner Gemeinde zum Eintritt in den Verein zu veranlassen!? Chorvereine und Gemeindegesang. Von Julius Strauß. Mit einem kleinen Aufsatz, die Synagogenchöre betreffend, in diesem Blatte hatte ich gewiß nicht die Absicht, der Frage des Gemeindegcsanges näher zu treten, werde aber jetzt im Interesse der Chorvereine durch einen Aufsatz des Herrn Julius Ruhstadt, Soest, in Nr. 45 der „Allg. Ztg. d. Judenth." dazu gezwungen. So wie in Westfalen, wurde auch seiner Zeit in Baden eine Sammlung israelitischer Gemeindegesänge veranstaltet, und ist selbe, meines Wissens, auch im Druck erschienen. Damit ist aber gewiß nicht Alles gethan, um den Gemeindegesang in der Synagoge einzuführen. Jetzt erst müffen Mittel und Wege gefunden werden, die Melodien der Gemeinde einznprägen. Dazu giebt es zwei Wege. Der eine wäre, neben dem Religionsunterricht diese Gesänge zu pflegen, um so nach und nach mit dem Heranwachsen der jetzigen Jugend die Melodien populär zu machen, und nehme ich an, daß so auch die Kirchengesänge anderer Konfessionen der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurden, wie ja bekanntlich auch heute noch in der Schule die Choralmusik gepflegt wird. Dieser Weg ist sicher, aber lang, und »och viele, viele Jahre würden vergehen, bis das anzustrebende Ziel erreicht wird. Eine andere Sache ist es aber, wenn die Anhänger des Gemeindegesanges gerade die Synagogenchöre unterstützen oder, wo solche nicht vorhanden, derartige Vereine ins Leben rufen, um hier, nehen dem vierstimmigen Chorauch den Gemeindegesang zu hegen und zu pflegen. Damit kann dann das Fundament für den Gemeindegesang geschaffen werden; der Chorverein wird die Melodien in vollendeter Weise zuerst den Andächtigen vortragen, diese Melodien werden sich dem Gehör einprägen und nach kurzer Zeit populär sein. Passirt es doch jetzt schon häufig, daß Gemeindemitglieder die bekannteren vierstimmigen Chöre, manchmal ein Einzelner gleich doppelstimmig, was gerade nicht zur Verherrlichung des Gottesdienstes beiträgt, mitsingen. Durch Unterstützung der Chorvereine werden die Anhänger des Gemeindegesanges zu einem Resultat kommen, ob aber der Gemeindegesang die Feierlichkeit des Gottesdienstes erhöhen wird, kann nur die Zukunft beweisen. Ich wünsche es von Herzen, vorerst aber erlaube ich mir, noch daran zu zweifeln. Sonderbar ist es, daß diese Bewegung gerade in die Zeit fällt, in welcher bei allen christlichen Kirchengemeinden, bei welchen doch der Gemeindegesang gewiß in großer Blüthe steht, vierstimmige Chöre gegründet werden, und diese wirken nicht nur einige Mal im Jahr, wie es Herr Ruhstadt von den Synagogenchören verlangt, sondern längstens aller vierzehn Tage; und gerade hierin beruht deren Stärke. Der Chorverein, der nur an Feiertagen Gelegenheit hat, Proben seines Könnens abzulegen, wird nie lange bestehen, denn mit Einstudiren der Melodien des Gemeindegesanges, die, »m populär zu sein, nicht, oder äußerst selten gewechselt werden dürfen, wird er bald fertig sein, und die Sänger werden wohl nirgends, Jahr aus, Jahr ein in