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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-01 · Heft 48 (1.12.1893) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 48 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
Seite 566 (sequence 4)
Language
German
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566 Wir meinen, wenn uns solches vor einem halben Jahrhundert aus Berlin mitgetheilt wurde, so muß die Thatsache, daß heute ein gewesener Domprediger die Verhetzung der Konfessionen zur Lebensaufgabe sich gemacht, sicherlich als ein trauriger Rückschritt bezeichnet werden. Nun aber müssen wir doch fragen: was ist seit jener Zeit vor 50 Jahren geschehen, wo ein würdiger, hochgestellter, christlicher Geistlicher die Stiftungsfeier eines jüdischen Waisenhauses besuchte und sich so theilnehmend für dasselbe bewies, was ist geschehen, daß es heute so ganz anders geworden ist? Haben sich die Inden inzwischen verschlechtert, sind sie zurückgeblieben oder gar zurückgegangen bei dem allgemeinen Fortschritt in Sitte und Bildung, der sich unterdeß vollzogen? Nur die Lüge könnte solches behaupten. Die Juden haben vielniehr die ihnen inzwischen gewordene Emanzipation aufs Beste gewürdigt und die Stellung, in tvelche sie dieselbe gebracht, immer und überall in Ehren ausgefüllt. Sie standen dabei mit ihren christlichen Mitbürgern im besten Einvernehnien, bis man es für gut befunden, eine „Kulturbewegung" in diesem Sinne zu schaffen und die Fackel der Zwietracht zwischen die verj schiedenen Glaubensbekenntnisie zu schleudern. j Fünf Dezennien konnten dahin gehen, ohne die Voreingenoiinnen-! heit zu beseitigen, daß die Konfession dem Menschen seine sittlichen Grundsätze bestimme oder doch beeinflusse. Ja, diese Voreingenommenheit, sie hat im Vergleich zu jener Zeit an Jntensivität in dem Maße gewonnen, daß man heute die Juden als ein gesellschaftliches Uebel betrachtet, welches zu bekämpfen mau für die gerechteste Sache hält,! Dabei kann man der Gesammtheit der Juden in ihrem staatsbürgerlichen Leben während des letzten halben Jahrhunderts durchaus nichts Nachtheiliges Nachweisen, muß man zugeben, daß sie mit allen ihnen zu Gebote gestandenen Kräfte» die Wohlfahrt des Landes zu fördern redlich mitgeholfen haben. Bei solcher Erfahrung hat man in der That alle Ursache, den nächstkommenden fünfzig Jahren düstern Blickes entgegen zu schauen. Denn wenn auch zugestanden werden muß, daß es bei den modernen Wühlereien gegen die Juden nicht an christlichen Männern fehlt, an Männern von Bedeutung, die mit der Kraft ihrer Rede und ihres Einflusses auf Seiten der Juden sich befinden, so darf man dabei nicht vergesse», daß es auch in jenen Zeiten an Apologeten nicht gefehlt, die sich ihrer anuahmen. Damals sagte ein berühmter christlicher Pfarrer, Schottin, mit Bezug auf unsere Religion: „Das ist die echte Moral, die zu ihren Satzungen, wie Moses, den einzigen Grund hinzufügt: denn ich bin der Herr, euer Gott. — Ihr sollt Heilige sein, denn ich bin heilig" — wer wird es da dem aufgeklärten Juden verdenken, wenn er seinem aufgeklärten Glaubensbrnder zumuthet, daß er der natürlichen Religion treu bleibe, die anerkanntermaßen eine so echte Moral enthält und lehrt? Kann der billig denkende Christ daran Anstoß nehmen?" — Heute verlangt man von den Jude», daß sie Beweise dafür bringen, daß ihre Religionslehre nichts Gemeingefährliches enthalte. Und das nennt man den Knlturfortschritt der Menschheit! * Iuda der Makkabäer. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick. Helden werden aus der Roth der Zeiten geboren. Der Drang der Verhältnisse ist der Sturm, der den in der Brust schlummernden Funken zur hellen Flamme anfacht. Schwächliche Greise werden zu feurigen Jünglingen, Matte und Gebrechliche fühlen neue, ungeahnte Kräfte in ihren Adern sich ergießen, der friedliche Bürger wird zum gewappneten Kriegsmann, der fleißige Bauer läßt seinen Pflug im Stich und schmiedet seine Sense zum Schwerte um, den Jüngling überkommt die Allmacht eines kriegerischen Muthes, er stellt sich mit Begeisterung in die Reihen der Krieger, voll Ungeduld des Augenblickes harrend, seinen Thatendrang zu befriedigen, Frauen erfaßt ein tiefes Rühren und Bangen, und die Thräne, die im Auge zittert, ist ein stilles und doch beredtes Gebet zu Gott, dem Lenker der Schlachten, uni Segen und Sieg und gesunde Heimkehr der aus der Umarmung sich entringenden Gatten und Söhne; Knaben und Mädchen sehen voll kindlich schmerzlicher Sehnsucht den Enteilenden nach, brennend vor Begierde, mit den Vätern und Brüdern gemeinsam sich dem Feinde entgegen zu werfen. Eine solche Stimmung ging durch die Gemüther in Israel während der Erhebung desselben unter der Führung des greisen Mattathias und seiner fünf Heldensöhne: Simon, Juda. Jochanan, Eleasar und Jonathan. Diese Heldenfamilie entzündete in Palästina, dem heiligen Boden ihres Vaterlandes, die Kriegsfackel gegen einen tückischen, grausamen Feind, den König Antiochus Epiphanes von Syrien, unter deffen Oberhoheit Palästina damals stand. Das judäische Volk war nämlich zu dieser Zeit in zwei feindliche Parteien gespalten. Die eine verfolgte den Zweck, die leichtfertigen griechischen Sitten, die äußerlich viel Bestechliches und Verlockendes hatten, innerlich aber aller Sittlichkeit Hohn sprachen, in Palästina einzuführen, die andere dagegen erblickte in der Einführung der wüsten Gelage, der schamlosen Bacchanalien, der glänzenden, aber doch rohen Wettkämpfe und allen den Ueppigkeiten der griechischen Lebensweise eine Entartung des einfachen jüdischen Wesens, eine Entweihung der heimischen, väterlich reinen Sitte, einen Verrath am Judenthum, eine Verletzung, ja, eine Verläugnung des jüdischen Glaubens. Die fortwährenden Reibungen zwischen den Hellenisten, wie die erstere Partei wegen ihrer Hinneigung zu dem griechisch-hellenischen Wesen genannt wird, und den Glaubenstreuen erzeugten im Lande die unerquicklichsten Verhältnisse. Jason, eins der Häupter der Hellenisten, verdrängte durch schändlichen Verrath und durch Angebot einer hohen Summe an den König Antiochus den frommen, würdigen Hohenpriester Onias III., und Jenen verdrängte wieder ein noch Schändlicherer, der Hellenistenführer Menelaos, durch Zahlung einer noch höheren Geldsumme. Nun trug zum Abscheu aller Glaubenstreuen den Brustschild mit dem Namen und dem Recht der Kinder Israel, den Brustschild mit dem „Licht und Recht", welchen einst ein Aaron auf seiner Brust getragen, jetzt ein Mann auf seinem Herzen, das voll war von Ehrgeiz und Eigennutz, voll von schändlichem Verrath gegen sein Volk, seinen Glauben und sein Vaterland, nun glänzte jetzt zur Schmach Israels das goldene Diadem mit der Inschrift: „Heilig dem Ewigen", welches ehedem die Stirn eines Aaron in seiner Priesterweihe geziert, an dem Haupte eines Mannes mit der frechsten Stirn, eines Mannes, der mit dem Heiligsten einen schändlichen Wucher trieb. Das Maß der Beiden war aber übergefloffen, als der König Antiochus das Bild des olympischen Zeus im Tempel zu Jerusalem aufstellen ließ und die Verehrer des einzigen, unsichtbaren Gottes unter Todesandrohung zwingen wollte, vor dem steinernen Bilde anbetend niederzufallen und demselben zu opfern. Im ganzen Lande zogen Heeresabtheilungen umher, um den Abfall vom väterlichen Glauben mit Gewalt zu erzwingen. Feige Furcht trieb Einen, Ehrgeiz und Aussicht aus schnöde Belohnung mit einträglichen Aemtern und Würden trieb die Anderen zu den überall im Lande errichteten Bildsäulen und Altären des Zeus. Auch nach Modin, einem kleinen Städtchen unweit Jerusalem, kam eine Heeresabtheilung des grausamen Königs unter der Führung des Hauptmanns Apelles. Daselbst wohnte

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