Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Ar. 48. Allgemeine Berlin, 1. Mezembrr 1893. eitung öes Audmthuins. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von derExpedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedcreteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Expedition: Kerstin, Ferufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung deS Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Fünfzig Jahre. — Juda der Makkabäer. Von Dr. Ludwig Pick. — Die Woche — Der Verein zur Unterstützung jüdischer Lehrer in Preußen 1853—1893. Von Dr. S. Adler. — Chorvereine und Gemeindegesang. Von Julius Strauß. — Reise um den Antisemitismus. II. Von Josef Veßi. — Feuilleton: Mein Freund Olmütz. Von W. Herzberg. —;]n Cbanukah. Von Henriette Hirschberg. — Litter arische Mittheilungen. — Lprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Posen, Lissa. Aus Schlesien. Breslau. Dortmund, Karlsruhe. Wien, Budapest. Mitau. — Don Nah und Fern. — Miscellen. Fünfzig Jahre. Berlin, 29. November. Man sollte glauben, daß in einer von den verschiedensten Kulturmitteln bewegten und veredelten Zeit fünfzig Jahre nicht blos in politischer, industrieller und merkantilischer Hinsicht, sondern auch ans hnmanreligiösem Gebiete einen beträchtlichen Fortschritt znm Guten erzeugt Huben müßten, und Anschauungen und Urtheile der früheren Zeit da, wo ihnen noch das mittelalterliche Gepräge angehaftet, nunmehr von demselben befreit, einer andern Denkungsart Raum gegeben haben. Allein wir werden — wenigstens was uns Juden betrifft — eines Andern belehrt, wenn wir eine diesbezügliche Aeußerung des seligen Dr. Philippson, des Begründers dieser Zeitung, lese», welche wir zufällig dieser Tage von ihm in der 1. Nummer des Jahrganges 1844 vorsiuden. Dort heißt es: „Verbergen wir es uns nicht, wir Juden haben durchaus nicht die Wichtigkeit, die man uns beilegt, die man uns aufnöthigt und die wir am meisten zu verwünschen haben. In der großen Völkerfamilie. in der zahlreichen Sektenversammlung Europas sind wir nur ein kleines Häuslein, das emanzipirt oder nicht emanzipirt ohne Weiteres mitläuft und mitzieht. Jedesmal daher, wenn eine große welthistorische Bewegung auf dem Theater Europas stattfindet, wenn cs der Entscheidung großer Frage,: der Gesellschaft gilt, wenn die Sozietät mit ihrer gründlichen Umwandlung und Verbesserung beschäftigt ist und deshalb in wahrhafte Kümpfe und Diskussionen geräth, dann vergißt man den Juden, thut das dringende Bedürfniß in Betreff ihrer kurz und bündig ab (man denke an 1812) und ist mit ihnen fertig. Wem: aber die Zustände faul und kraftlos geworden, wenn die Nerven abgespannt, der Geist müde geworden, die Welt aber umsomehr einen Popanz und eine Puppe haben will, »in im Ennni nicht ganz unterzugehen — dann holt man die Juden hervor, haut, sticht und fahrt auf sie los, hantirt mit ihnen nach allen Seiten herum: daß sie dabei am schlechtesten fahren (eben wie eine Puppe in Kinberhänben), dafür kann nian Bürge sein." Es muß in der That die Aehnlichkeit frappire», die in dein hier geschilderten Verfahren gegen die Juden und dein heutigen vorhanden ist. Also fünfzig Jahre koimten dahin gehen, ohne daß der Sinn für humane Duldung uns gegenüber eine Förderung erfahren hat, fünfzig Jahre, in welchen auf allen Gebieten des sozialen Lebens und in allen Klassen der Gesellschaft, vom Arbeitcrstande an bis hinauf in die Nobleffenkreise, ein so reges Strebeil für Veredlung der Sitten und Verbreitung der Hrnnanität sich kundgegeven, um uns heute als gewonnenes Resultat den Antiseuiitismus zu bieten. In dieser Beziehung befinden wir uns also auf dem Standpunkte, den man vor einem halben Jahrhundert inne hatte. Auch was vor 50 Jahren mit den Juden in Rußland geschehen, deckt sich vollständig mit dein, was wir heute von dort hören. Damals schrieb man von der preußischen Grenze: „Alle Berichte von unsereir Nachbargrenzen können die Verzweiflung der dortigen Juden, veranlaßt durch den Ukas, der sie demnächst mit Austreibung ans den. innerhalb 50 Werst von der Grenze gelegenen Distrikten bedroht, nicht genug schildern. Eine Anzahl von über 30,000 Familien sollen in rauher Jahreszeit von ihren bisherigen Wohn- und Geburtsorten sich entfernen. Sie sollen sich in das Innere des Reichs begeben, aber nicht etiva mit freier Wahl, sondern nur nach Orten, wohin cs ihnen erlaubt ist. Und gerade von den bessergestellten, blühenden Gouvernements sind sie ausgeschlossen, dagegen nach Städten verwiesen, wo die Nahrungslosigkeit und das Elend unter ihren Glaubensgenossen schon so groß ist, daß die Hälfte der Geineinde aus Almosenempfäugeru und zerlumpten Bettlern besteht. Denjenigen, welche Häuser besitzen, hat man znm Verkaufe derselben zwei Jahre vergönnt, doch haben diejenigen, welche vorsichtiger Weise jetzt schon verkauft, für ihr Besitzthum kaum die Hälfte des Werthes erzielt." Fast buchstäblich, wie wir heute die Berichte aus Rußland lesen. Allein, es kann solches nicht Wunder nehmen, wenn man in Betracht zieht, welch hermetische:: Verschluß das Zarenreich jedem Eingang kulturfreundlicher Bestrebungen entgegen setzte und noch setzt. Nun hat man aber weiter vor 50 Jahren ans Berlin berichtet: „Gestern Abend wurde die Stiftungsfeier des hiesigen von Baruch Auerbach gestifteten jüdischen Waisenhauses von zahlreichen Anwesenden begangen. Bei derselben bemerkte man zur großen Freude auch den wirklichen Oberkonsistorialrath, Hof- und Domprediger Dr.Strauß, der sich lebhaft für die Anstalt inieressirte. Er bewies sich sehr freundlich gegen de» Stifter, ließ sich die Ehrenmütter vorstellen, nahm nachher auch an der Abendmahlzeit der Kinder Theil und folgte auch den hebräischen Gesängen bei der Todtenfeier. Ein solcher eines hochgestellten Geistlichen würdiger Vorgang kann nur günstig und fördernd wirken."