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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-01 · Heft 48 (1.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 48 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Mrsoelten. Theodor Mommsen über die russischen Juden. Im Verlage der Librairie Europieenne E. Marquardt in Brüssel ist soeben ein Werk des Professors an der dortigen Universität, Seo Errera, über die russischen Juden erschienen. Dem Buche ist aus der Feder Theodor Mommsens ein an den Verfasser gerichtetes Vorwort vorangeschickt, das in der Uebertragung aus dem französischen Text folgendermaßen lautet: „Sie haben die Freundlichkeit gehabt, mir Ihr Werk über die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland zu unterbreiten. Das schmerzvolle Bild, daß Sie entwerfen, und das Sie durchwegs mit leider nur zu begründeten Thatsachen beweisen, wird nicht verfehlen, viele Herzen zu er-! regen und ihnen den Abgrund zu zeigen, in den hier Verstand und Gefühl zugleich gerathen zu sollen scheinen. Werden sich aber unter den ■ von Ihnen erregten Herzen solche finden, die die Fähigkeit dazu besitzen, Abhilfe für diese schmachvolle Plage zu schaffen und dieses schwärzeste Unternehmen unseres Jahrhunderts nicht nur zu beklagen, sondern auch aus der Welt zu schaffen? Wird der Verfall unserer so sehr gerühmten (Zivilisation, wird der Selbstmord, den Rußland begeht, aufgehalten werden können? Hoffen wir es! Es ist eine Pflicht, an der armen Menschlichkeit nicht zu verzweifeln, aber diese Aufgabe wird von Tag zu Tag schwerer. Der Fanatismus ist unverbesserlich. Wir können nur wünschen, daß die Staatsmänner jenes großen Landes und sein Alleinherrscher nicht dauernd an der Verblendung eines wiedererstandenen Torquemada leiden mögen." Mit diesen Worten, welche Mommsen unter dem 4. November dieses Jahres mitten aus seinen Arbeiten in dem Instituto archeologico i germanico in Rom an Professor Errera in Brüssel gerichtet, hat der greise Gelehrte einen neuen Beweis seiner edlen Denkungsart geliefertd — Sozialismus und Judenthum lautete das Thema, über j welches Herr Provinzialrabbiner Dr. Munck im vollbesetzten Saale des Schützenhofes im Klub „Freundschaft" zu Homburg v. d. H einen! Vortrag hielt, und in diesem etwa Folgendes ausführte: Die soziale j Frage ist kein Kind der Neuzeit, sie bestand schon im Alterthum; sie bestand in allen Staatengebilden, wo Herrschende und Besitzende einerseits! und Beherrschte und Besitzlose andererseits sich gegenüberstanden. In! fast allen Ländern ward diese Frage zeitweise akut und führte dann zu! Revolutionen, Bürger- und Bauernaufständen. Ein Staat des Alterthums j machte hiervon eine Ausnahme, und dies war der palästinensische Staat.! Die Gründe hierfür erblickte Redner in der vollständig, nicht nur auf j den: Papier durchgeführteu Rechtsgleichheit aller Bewohner des Landes j vom Könige herab bis zum Knechte; nach dem Grundsätze, daß alle j Menschen Kinder eines Vaters, Brüder seien. Neben der Rechtsgleichheit; bestand durch die biblische Gesetzgebung ein Ausgleich der sozialen Klassen.! Der Arme hatte einen gesetzlichen Anspruch auf Unterstützung, der Wankende! einen gesetzlichen Anspruch auf Stütze. Dadurch daß die Juden keinen! Handel trieben, sondern lediglich ein Ackerbau treibendes und Handwerkervolk waren, so hatte bei dem Zinsverbot eine Ansammlung von Kapitalien keinen Werth. Nur produktiv augelegte Kapitalien waren von Nutzen. Durch die biblischen Agrargesetze war der völligen Verarmung der Familien vorgebeugt. Der Handwerker stand in höchsten Ehren. Altersversicherung und Jnvaliditätsversicherung waren vor 3000 Jahren im jüdischen Staate schon gesetzlich eingeführt. Selbst der unfreie Knecht glich in Nichts dem Sklaven der anderen Völker. Er war nie ein Ding in den Händen seiner Besitzer, er war nur ein Arbeiter auf ewig, dessen Behandlungsart jedem freien Dienstboten gleichgestellt sein mußte. Wenn heute nach 3000 Jahren die modernen Staaten mit der sozialen Gesetzgebung allerdings nur langsam vorgehen, so geschieht dies nach biblischem Vorbilde, und je rascher das Ideal der biblischen sozialen Gesetzgebung in einem modernen Staate erreicht wird, desto eher ist er vor den Gefahren, welche die schroffen sozialen Gegensätze in sich bergen, gefeit. — Dieses in sehr gedrängter Form die Ideen des Redners, welcher in fast l^/o ständigem Vorträge die Zuhörer fesselte. Der Redner verfügt über ein sehr anziehendes wohlklingendes Organ und trug in formvollendeter Weise vor. Reicher wohlverdienter Beifall wurde dem Vortragenden zu Theil. * Der „'Alliance Jsraelite" verdanken wir folgende interessante Notizen über das Leben der Juden in Tunis. Sie wohnen gemeinschaftlich mit arabischen Stämmen und haben sich deren Sitten und Gebräuche angeeignet. In Zipuan, Taschru, Bascha und im Umkreis von Gobes betreiben sie Viehzucht, während die Juden, die im Innern des Landes, unter den Stämmen „Chanan Joch" und „Gridis" wohnen, dem Ackerbau leben. Im Jahre 1807 lebten dort 200 Familien zusammen, es sind jedoch später von denselben 150 Familien fortgezogen, welche jetzt weiter südlich leben. Grund und Boden wird nicht getheilt, sondern der Acker gemeinschaftlich von den Bauern bearbeitet und auch gemeinschaftlich geerntet. Der Ertrag wird dann getheilt. Einzelne befassen sich mit Handwerk. Der Araber schätzt, liebt und achtet dort seine jüdischen Mitbürger. Sprache und Tracht ist arabisch, abgesehen von dem Fez, der bei den Juden durch schwarzen Hut ersetzt wird. Osterbrode, sowie eine ganze Reihe anderer wichtiger Ceremonieen, sowie das Schächtgebot halten sie strikte inne, Gebetmantel und Riemen fehlen. Man nimmt — und vielleicht mit Recht an, daß die Vorfahren dieser Juden weder römisches noch babylonisches Exil gesehen, sondern daß diese Juden vielmehr von den ersten Auswanderern, welche Carthago gegründet, abstammen und dann südlich verschlagen worden sind. In Gerbi unterscheiden sich die Juden wesentlich von dem Volke, unter welchem sie leben: sie besitzen fünf Gotteshäuser und einige Lehrstätten. Was man bei ihnen findet, ist in bester Ordnung. In der Nähe der Stadt Bemrab! ist eine jüdische Viehzucht treibende Kolonie da. Auch im Kreise von Scheras treiben Juden Viehzucht. Dieselben sind bewaffnet und jederzeit zum Kriege gerüstet. Es sind dies ca. 100 Familien, die arabische Sprache, Kleidung und Sitte an sich haben, nur der Gesichtsausdruck verräth an ihnen den Juden. Jeder von ihnen hat seine eigene Heerde (Rind- und Kleinvieh, Esel und Kameele). Auch über etwas Acker verfügt Jeder von ihnen. Die Früchte verkaufen sie den Bewohnern der benachbarten Ortschaften. Nicht weit von dieser Kolonie liegt das Städtchen Elkow. Dieses weist auch 100 jüdische Familien auf, welche die religiösen Vorschriften streng einhalten. In jeder Stadt ist ein Mohel, welcher zugleich auch Vorbeter und Schächter ist. F. * Es ist interessant, was neuerdings über die Ansiedelung dev Juden in Kanada berichtet wird. Danach waren die ersten Juden nicht Händler, sondern Soldaten. 1760 kam Aron Hart, 1724 in London geboren, als Infanterie-Offizier nach Kanada. 1807 wurde Herr Ezekiel Hart in den gesetzgebenden Körper gewählt, wobei ihm gestattet wurde, seinem Glauben gemäß den Eid bedeckten Hauptes zu leisten. Die Majorität des Hauses erkannte jedoch die Wahl nicht an, so daß sie für null und nichtig erklärt wurde. Dreimal wurde Hart wiedergewählt und kein Mal anerkannt. Die Intoleranz gegen die Juden ging so weit, daß 1809 ein Gesetz vorgeschlagen wurde, welches die Juden zur Wahl in das Abgeordnetenhaus unberechtigt erklären sollte. Der damalige General-Gouverneur verhinderte es, daß dieses Gesetz durchging, aber erst 1831 erhielten die Juden in aller Form das Recht, in das Abgeordnetenhaus gewählt zu werden. * Ins Antisemiten-Tagebuch. Ein köstlicher Druckfehler ist vor einigen Tagen dem Wiener Antisemitenblatt zugestoßen. Im Laufe einer ganz verzückten Besprechung des Badener Cricket-Matsch, just mitten im Lobe der Ausdauer und Gewandtheit der Spieler, heißt es plötzlich: das Ericket sei entschieden eines der interessantesten und werthvollsten unter den „Judenspielen". Natürlich sollte es „Jugendspiele" heißen; aber das kommt davon, wenn ein Setzer des Antisemitenblattes blos die Silbe „Ju" sieht, seht er schon automatisch „Juden" aus; er kann sich nicht helfen, denn er nennt die Gewohnheit seine Amme. Jedenfalls sind die Juden auf diese Weise einmal zu einem billigen Lobe in diesem Blatte gekommen, was ohnehin nur alle Jubeljahre — der antisemitische Setzer würde gleich wieder Judenjahre daraus machen — Vorkommen kann. d — Die Nr. 48 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: „Kaust nicht bei Juden!" — Das Judenthum in der Juristerei. — Wie antisemische Legenden entstehen. — Zur Abwehr. — Vermischtes. — Ans Rußland. — Sprechsaal. — Büchertisch. — Briefkasten.

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