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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-24 · Heft 47 (24.11.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 47 (24.11.1893)
Date
1893-11-24
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 nicht kleiner geworden, dennoch aber das Flehen der Sektion um Unterstützung unerhört geblieben. Im Jahre 1893 seien 7(> Bewerber mit Stellelr versorgt worden. Frau Julie Leipen erstattete alsdann noch Bericht über die Krankenpflegerinnen-3lbtheilung, dem wir entnehmen wollen, daß im verflossenen Vereinsjahr Krankenpflegerinnen durch 1105 Tage und Nächte beschäftigt waren. * Wvau, 17. November. Ein die heutigen eherechtlichen Zustände in Ungarn charakterisircndes Uriheil ist jüngst beim Grauer Konsistorium erflossen. Ter Thatbestand ist der folgende: Markus Tibor P., israelitischer Konfession, ehelichte vor neunzehn Jahren die gleichfalls zu dieser Religion sich bekennende Rosa F. nach jüdischem Ritus. Später hat die Frau, die einen christlichen Verehrer hatte, den Plan gefaßt, ihren Glauben zu wechseln. Sie trat zum reformirten Glauben über und strengte gegen ihren Gatten einen Scheidungsprozeß an. Hierüber erbost, wechselte auch der Gatte den Glauben: er wurde Unitarier, um die Scheidung zu erschweren. Später trat er aber zum römisch-katholischen Glauben über. Die Frau, die mittlerweile ihren Verehrer eingebüßt hatte, klagte nun ihren Gatten bei dessen neuestem Ehegerichte, beim Grauer Konsistorium, und dieses erklärte mit Zahl 1912, die nach jüdischem Ritus geschlossene Ehe für gelöst, da hierfür vom Gesichtspunkte des kanonischen Rechtes hinreichende Gründe vorliegen. krault reich. Amerika. n. New-Aork, 23. Oktober. Die Betheiligung seitens der Mitglieder des „Ordens B'nai B'rith" sowohl, als die der jüdischen Bevölkerung im Allgemeinen an den Festlichkeiten, wie solche zur Feier des 50 jährigen Bestehens des Ordens stattgefunden, war eine äußerst rege. Sowohl an dem Konzertabend (Donnerstag), als an dem Bankett am folgenden Sonnabend nahmen Tausende von Personen Theil. Die Hauptrede hielt Herr Julius Bien, der Präsident des Ordens, welcher ein Bild der Leistungen des Ordens in der Vergangenheit und der Ziele, welchen er in der Zukunft zustrebt, lieferte. Unter den vielen Gästen, die man ans dem Bankett mit 000 Brüdern vereint sehen konnte, waren hervorragende Staatsbeamte, Richter, Schriftsteller u. s. w. Die „Menorah", welche in des Sinnes wahrer Bedeutung eine Festnunnner ist, enthält als Illustration eine Abbildung der Statue der Religionsfreiheit, welche der Orden im Jahre 1870 den Vereinigten Staaten als Geschenk widmete und die im Philadelphia-Park Aufstellung fand, ferner die Bilder des Gründers des Ordens, Henry Jones, der Mitglieder des Exekutiv-Komitees, des Appellhofes und der Beamten aller neun Großlogen. Auch in literarischer Beziehung liefert die stummer Ausgezeichnetes. Beiträge von Nahida Remy, Anatole Le Roy Beaulieu, Dr. Gustav Karpeles, Ludwig August Fränkl und Dr. Adolf Jellinek, Zuschriften von Kardinal Gibbons, den Gouverneuren Roswell und Flowrr von New-Iork, Wm I. Stone von Missouri und anderen hervorragenden Persönlichkeiten, ferner Artikel von Dr. Berkowitz, Philadelphia, und Dr. B. Felsenthal, Chicago. — Die „Rabbiner-Vereinigung" der Stadt New-Pork hielt ihre Jahreswahl für Beamte ab und wurden die folgenden Herren gewählt: Präsident: Dr. K. Köhler; Vizepräsident: Dr. F. de Lola Mendes, Schatzmeister: Dr. Aron Wise, korrespondirender Sekretär: Dr. M. H. Harris. Ferner wurden Arrangements getroffen, bei Eröffnung des Unterrichts an einem jeden Montag Morgen in der jüdischtechnischen Schule von einem der Rabbiner ein Gebet sprechen zu lassen und eine Gedächtnißfeier zum Andenken an den verstorbenen Rabbiner Dr. Henry S. Jacobs am ersten Sonntag im Monat November zu veranstalten. Von Nah und Fern. o. Paris, 17. November. Die Neuwahlen für die „Alliance Jsraelite Universelle" sind nunmehr beendet. Die folgenden Herren sind in das Centralkomitee neugewählt: Felix Alcan, Verlagsbuchhändler, I. G. Dreyfuß, Grand Rabbin, Jacques Machiels, Rentier, I. Wolfs, Generalinspektor der Brücken und Straßen, sämmtlich in Paris. Ferner Dr. Heinrich Meyer Cohn in Berlin, Daniels Polak in Amsterdam, Salomo Fernandez in Konstantinopel, Charles Hall garten in Frankfurt a. M., Dr. Jastrow in Philadelphia, Dr. I. Löw in Szegedin, Dr. I. S. Moses in Chicago, F. Philippson in Brüssel, Dr. S. Rosenthal in Breslau, Dr. Simonsen in Kopenhagen, E. de Sota in Curaeao, 31. S. Salomon in New- Hork, O. A. S trauß in New-3)ork. — Im Ganzen sind 17 neu- und l8 wiedergewählt. Das gesammte Centralkomitee besteht aus 03 Mitgliedern. — Antisemitische rohe Patrone haben die in der Berliner Stadt- und Ringbahn angebrachten Reklameplakate vielfach zu zerstören ge sucht. Namentlich sind es die Firmenschilder von Geschäften, deren Jn- Haber einen jüdisch klingenden Namen haben, welche in unflätigster Weise besudelt werden. An diesen Plakaten sind sogenannte „Gerichtssiegel" mit der Inschrift: „Karrst bei keinem Juden" angebracht, andere Plakate j sind mit Messerstichen durchlöchert it. s. w. — Als interessanter Nachklang zum Wucherer- und Spielerprozeß bringt der „Hannov. Cour." folgende Mittheilung: „In Albert Seemann ist im Gefängniß ein Sehnen nach dem Christenthum entstanden, er hat die Absicht kundgegeben, sich taufen zu lassen und katholischer Christ zu werden. Da behördlicherseits dem nichts entgegensteht, so wird wohl nach der ent sprechenden Vorbereitung für den neuen Glauben die Taufe im Gefängniß vollzogen." Wir gratuliren herzlich. — In der Monats versannnlung des Neuen Leipziger Thierschutzvereins beantragte der Vorsitzende, dem königlichen Ministerium des Innern den Dank des Vereins und in Verbindung damit die Bitte auszusprechen, das Ministe rium möge seinen Einfluß dahin geltend machen, das auch in den anderen deutschen Staaten das Schächten ohne vorhergehende Betäubung der Thiere verboten werde. Dieser Antrag wurde von der Versammlung einstimmig zum Beschluß erhoben. — Der Kaufmann Scheinpflug und der frühere Malergehilfe Münch „erwarben" den „Deutschen Verlag" (antisemitisch) in Leipzig für 10,000 Mark, ohne einen Pfennig Geld zu besitzen. Im Nu hatten die neuen „Besitzer" ihr Lager geräumt, d. h. dasselbe an einen Antiquar für 50 Mark verkauft. 10 und 7 Monate Gefängniß waren der Lohn für ihre „erfolgreiche" Thätigkeit. — Im Meißner Landtagswahlkreise, wo vor einigen Tagen die Stichwahl zwischen Konservativen und reformerischen Antisemiten erfolgte, hat der antisemitische Kandidat um die Stimmen der Sozialdemokraten in einen: an den Vorsitzenden des sozialdemokratischen Wahlkomitees gerichteten Briese gebeten. Als Wahlhelferin scheint demnach die Sozialdemokratie den Antisemiten trotz „Verjudung" und „Vaterlandslosigkeit" angenehm zu sein. Die Sozialdemokraten haben sich indeß den Antisemiten nicht gefällig erzeigt und diese sind unterlegen. — In der Klagesache des Bankiers Thalmessinger in Rege ns bürg gegen den Redakteur der antisemitischen „Schnellpost" wegen eines Artikels „Jüdische Geschäftskoulanz" wurde von der Strafkammer das erstinstanzliche Urtheil aufgehoben und der Beklagte zu der Geldstrafe von 150 Mark verurtheilt. — Die jüdische Gemeinde in München hat von der städtischen Behörde den nachgesuchten Zuschuß von 10,000 Mark für ihre neue Synagoge bewilligt erhalten. — In Schüttenhofen in Böhmen wurde Dr. Wohlstein einstimmig zum Rabbiner gewählt. — Aus Krakau wird gemeldet: „Das vom Baron Hirsch mit 5000 Gulden monatlich dotirte hiesige Wohlthätigkeits-Komitee hat sich auf Weisung Hirsch's wegen nationaler Streckigkeiten aufgelöst. (?) — Die zwei orthodoxen Gesellschaften „Etüde talmudique“ und „Patriarche Abraham“ in Paris, an deren Spitze die Herren Dr. Klein und Joseph Tedesco stehen, unterhielten bisher zwei ziemlich weit von einander entfernte Betlokale nach althergebrachtem Ritus, deren Leitung Herrn Rabbiner Weißkopf untersteht. Beide Gesellschaften haben sich nunmehr vereinigt und eine große Synagoge errichtet, die in Anwesenheit der hiesigen Rabbiner, eines zahlreichen Publikums und verschiedener hoher Persönlichkeiten in feierlichster Weise eingeweiht worden ist. Herr Rabbiner Weißkopf hielt die Einweihungsrede. ■— Antisemitische Blätter wissen zu berichten: „Die Juden sind es wieder, die den unpatriotischeu Waffenschmuggel in Melilla mit den Kabylen betrieben haben. Es herrscht dieserhalb dort die größte Aufregung unter der Bevölkerung, die wohl eine drohende Haltung gegen die gesammte jüdische Einwohnerschaft angenommen hat, wenigstens wird gemeldet, daß die Juden sehr zahlreich auswandern." Demgegenüber ist zu bemerken, daß in Melilla überhaupt keine Juden wohnen dürfen! — Zu Anfang des nächsten Jahres kommt die von der Spezialkommission ausgearbeitete Vorlage betreffs der Judenfrage im russischen Reichsrat he zur Berathung. Gleichzeitig wird jedoch auch eine vom Departement der Kultusangelegenheiten ausgearbeitete Vorlage demselben zugehen, welche wesentliche Abänderungen der bisherigen Gesetzesbestimmungen für die Nichtorthodoxen und Juden enthält. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Berantwortllch für bte Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin. I

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