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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-24 · Heft 47 (24.11.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 47 (24.11.1893)
Date
1893-11-24
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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GD AuS der Provinz Posen, 17. November. Die von dem Antisemiten Tr. Schn uh aus Hannover und v. Mosch aus Steglitz zum 21. v. Ncks. nach Tt. Ervue einberufene Landtagswühlerversammlung wurde, als Letzterer in heftiger Weise die Inden angriff, von Herrn Bürgermeister Müller auf Grund des § 130 des Strafgesetzbuches aufgelöst. -- Behufs Errichtung eines Grabdenkmals für den im Januar d. I. in Kolmar gestorbener! Lehrer Jacoby Cohn hat sich daselbst ein Komitee gebildet, das au alle früheren Schüler und Freunde des Verstorbenen einen Aufruf erlaßt zur Beisteuerung zu obigem Unternehmen. — Am 2. d. Mts. fand zu No gasen unter dem Vorsitz des Herrn Bürgermeisters Weiße die Wahl des ersten jüdischen Korporatiousvorstehers an Stelle des freiwillig aus dem Chrenamte geschiedenen, bisherigen ersten Vorstehers Herrn Moritz Becher statt; gewählt wurde der Kaufmann Moritz Zerenze. Zugleich wurde Herr Kaufmann S. A. Rawicz als Mitglied des Vorstandes eingeführt und verpflichtet. — Ter in Bromberg seit einigen Wochen bestehende antisemitische Verein zählt nach seinem den Behörden eingereichten Verzeichnisse 100 Mitglieder. Dieselben setzen sich zum allergrößten Theile ans Beamten der hiesigen Behörden zusannnen. Ter 'Ausschuß oder das aus zehn Mitgliedern bestehende Agitationskomitce ist aber unablässig bemiiht, dem Verein neue Mitglieder zuzuführen. Zu dem Zwecke wurden von ihnen in Gastlokalen und Kaufläden Listen ausgelegt und die Kunden und Gäste unter Vorlegung derselben zum Beitritt aufgefordert Cin solches Listenformular trägt an seinem Kopfe die stolzen Worte: „Furchtlos und treu für Kaiser und Reich!" Furchtlos und treu, und dennoch hat der Verein in seinen Statuten eine Bestimmung, nach welcher den Mitgliedern gur Pflicht gen:acht wird, das Mitgliederverzeichniß geheim zu halten, damit die Welt nicht erfährt, was sich zum Verein als Mitglied bekennt. Eine Ausnahme macht nur ein Kaufmann R., der in der Clisabethstraße ein Materialwaaren-Verkaussgesehäft betreibt. Er ist der Schriftführer des Vereins. Nicht nur, daß er durch ein Plakat am Schaufenster seines Geschäftes zum Beitritt in den Verein ausfordert, er hat auch antisemitische Schriften im Schaufenster nebele allen möglichen Materialwaaren ausliegen. ''Aber das nicht allein. Auch große Schmähbilder auf die Juden, wie sie die krasseste Judenhetze nur erzeugen kann, sind zu Jedermanns Ansicht ausgestellt. Jeder feinfühlende Mensch wendet sich selbstverständlich von diesen Bildern mit Ekel ab; aber die Jugend und der Mob finden au ihnen Gefallen. — Von dem neuen R o h r'schen Siechenu nd Str ankenhause i n Poseu, dessen Bau in diesem Jahre auf dem zu diesem Zwecke erworbenen Grundstücke an der Glacisstraße vor dem Königsthore begonnen hat, ist ein Theil noch unter Dach gebracht worden. Es ist dies der nach hinten gelegene Theil, welcher das Krankenhaus und die Wirthschaftsbaulichkeiten umfaßt. Diese Baulichkeiten ruhen auf massivem Unterbau, sind aber wegen der Lage in: ersten Festungsrayon in Fachwerk ausgeführt und enthalten über den Kellern Parterregeschoß und erstes Stockwerk: die Mauern werden mit Cementpntz bekleidet. Von den übrigen Baulichkeiten, welche vor den genannten Räumlichkeiten liegen, ist erst der massive Unterbau ausgeführt, und soll der Weiterbau erst im nächsten Jahre erfolgen. In diesem Vorderbau werden die Verwaltungsrämnlichkeiten, das Siechenhaus und der Betsaal sich befinden. In: Sommer nächsten Jahres wird der gesammte Bau vollendet werden. n. Aus Thüringen, im November. Durch ein Familienfest ver^ anlaßt, kam ich vor einiger Zeit wieder einmal nach Eöln und war erstaunt, wie sich diese altehrwürdige Stadt durch Neubauten verjüngt und nach Niederlegung der Feftungsmauern übrraschend gehoben hatte. In geistiger und numerischer Hinsicht gilt dies auch vornehmlich von der dortigen, jetzt ca. 0000 Seelen zählenden israelitischen Gemeinde. Ich besuchte wiederholt den sabbathlichen Gottesdienst in der Hauptsynagoge (man plant wegen der wachsenden Zahl der Mitglieder, neben den vorhandenen Nebensvnagogen noch eine zweite Hauptsynagoge zu errichten) und wurde ob des zahlreichen Besuches, durch die dort herrschende Andacht und Würde wahrhaft erbaut. Der erste Rabbiner, Herr Tr. Frank, wirkt seit Jahren durch seine hervorragende Rednergabe, seine herz- und geistgewinnende Persönlichkeit, seine hingebende, unermüdliche Pflichttreue überaus segensreich und fruchtbringend. Außerdem wohnte ich auch als Gast einer Versammlung des großen, öoo Mitglieder zählenden, Vereins für Litteratur und Geschichte des Judenthums bei. Ich war freudig überrascht von der regen und anregenden Betheiliguug, namentlich, daß außer vielen Geschäftsleuten auch zahlreiche Männer der Wissenschail durch Wort und That sich dabei betheiligten, so auch den unwiderlegbar n Beweis geben, daß Wissenschaft und wahre Bildung mit echter Religi Htat innig verbunden, davon unzertrennlich ist, mit den Errungenschaft, n der Neuzeit nicht im Widerspruch steht; daß wir stolz sein dürfen, auf die reichen, unvergänglicher Schätze unserer Litteratur und Geschichte. I h habe die Ueberzeugung mit hinweg genommen, dieser herrliche Verein wird immer wachsen, blühen und gedeihen, den ärgsten Feind des Juden thunls, die Unkenntnis^ siegreich mit bekämpfen, die Selbstachtung erhöhen. Herr Tr. Frank leitet als Vorsitender des Vereins, trotz seiner vielen itu vielseitigen Berufsgeschäste, die Versammlungen hingebend und belebend in geist- und humorvoller, versöhnlicher Weise; ist ja das auch ein Gottedienst, gleichsam ein Beth hamidrasch der Neuzeit. An diesem Abei d sprach Herr Tr. med. Apfel, Mitglied des Vorstandes, über die Wertlschätzung der Arbeit im Judenthum und schöpfte dabei belehrein! und überzeugend aus dem unerschöpflichen Quell der Heiligen Schrstl und des Talmud. Reicher, wohlverdienter Beifall wurde dem treffliche i Redner zu Theil, und es reihte sich daran eine längere lebhafte um sachliche Debatte. - Neben den freudigen Erlebnissen war ich auch Zeuge eines tieftraurigen. Herr Moritz Nosenthal, zweiter Vorsitzender der Gemeinde, Präsident der Rheinlands-Loge und vieler wohlthätigen Ve: eine, ein hochverdienter, allgemein geachteter und beliebter Mann, rein an religiösem und profanem Wissen, wurde im besten Mannesalter »ein langem Leiden unter außergewöhnlicher Betheiligung zur lctzten Rul. geleitet. An seinem Grabe sprachen ergreifend außer dem Dr. Frau: der Vizepräsident der Rheinlands-Loge, die Präsidenten der Logen z Mainz, Wiesbaden un) Frankfurt. Das Andenken des Verklärten wir bleibend zum Segen gereichen. K. Hannover, im November. Am 13. d. M starb, fast 87 Jahralt, der Senior der hiesigen Bankiers, Herr Kommerzienrath M. Blumen t hal, ein Mann, der allerdings wenig in die Oessentlichkeit getreten ist 1 aber wegen seiner für gemeinnützige und wohlthätige Zwecke stets hilfs bereiten Hand bekannt und allgemein hochgeschätzt war, und der nab dieser Seite oft sehr vermißt werden wird. Zu hannoverscher Zeit erfreut sich der Verstorbene der Gunst und des Vertrauens des Königs Georg welcher häufig seine Dienste in Anspruch nahm und ihm den Titel er' als Hofagenten und später als Kommerzienrath verlieh, eine damals noc! selten zugestandene, wirkliche Auszeichnung und keine bloße Titulatur * Ta er unverheirathet war, geht sein ansehnliches Vermögen auf seine in Auslande lebenden Verwandten über, zu denen auch Herr Baron Georc von Rosenthal in Amsterdam gehört, der seine Anhänglichkeit an sein Vaterstadt wiederholt durch milde, segensreich wirkende Stiftungen bethätig Yak und auch bei diesem Anlaß ihm ein treues Herz bewahren wird. ~ An demselben Tage starb im hohen Atter Frau Pauline He inemann, geb Benfey, die Wittwe des verstorbenen Daniel Heinemann, des langjährige: Vorstehers der Gemeinde, auch mit ihr schied eine edle Frau aus unsre: Milte. Durch eine, bereits von ihrem sek. Manne festgesetzte reich Schenkung zur Gründung eines Waisenhcruses für Mädchen wird dac Andenken Beider dauernd in der Gemeinde erhalten bleiben. — In de: israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover-Linden befinde: sich augenblicklich 28 Zöglinge, eine für den Anfang immerhin erfreuliche Zahl, die aber gewiß wesentlich zunehmen wird, wenn erst die Anstalt nach innen und außen mehr konsolidirt sein wird. In AuS Westfalen, im November. Auch für weitere Kreise dürft die Mittheilung von Interesse sein, daß der westfälische Gemeinde verband nunmehr die regelmäßige Inspektion des Religions! Unterrichtes definitiv eingeführt hat. Ein diesbezügliches Rund schreiben des Ausschusses hat das hocherfreuliche Ergebniß gehabt, das die große Mehrzahl der Gemeinden und Lehrer sich mit dem baldiger Beginn der Inspektion einverstanden erklärt hat. Eine ablehnend Antwort ist von keiner Gemeinde eiugelaufen. Bon verschiedenen mix ihrem Bescheide noch ausftehenden Gemeinden dürfte demnächst ebenfalls in zustimmendem Sinne geantwortet werden. besonders beachtend werth heben wir die Thatsache hervor, daß Westfalen die erste Proviw ist, welche die Inspektion ausschließlich Fachmännern, älteren im Amte erprobten Lehrern, übertragen hat. Wir begrüßen diese Erscheinung mit besonderer Genugthuung und halten uns überzeugt, das inan auch in Lehrerkreisen diesen Fortschritt freudig begrüßen wird. Um die Inspektion auch für die Statistik auf dem Gebiete des

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