Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- Seite 564 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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564 Wahrheit war in seinem Munde u. s. w." - diese Inschrift war natürlich nicht von meinem Vater selbst gewählt, wie Ihr Herr Berichterstatter irrthümlich gemeldet hat. Auf Wunsch der Hinterbliebenen sind jene Bibelworte auf das Denkmal gesetzt worden. Mit vorzüglicher Hochachtung Berlin, 15 November. Dr. Max Loewenmeyer. U Misoetten. — Das Iudenviertel z n Amsterdam beschreibt Georg Brandes in einem Aufsatze: „Ein Besuch in Holland" in der „N. Fr. Pr." folgendermaßen: 'Als eine Welt für sich liegt in einem Winkel dieser nordischen Stadt das von mehr als 20,000 Menschen bewohnte Judenviertel, das einen eigenen Charakter dadurch erhalt, daß man hier eine jüdische Bevölkerung in allen möglichen Berufsarteu thätig sieht: die Verkäuferinnen auf der Straße, die Gemüsehändlerinnen auf dem Markte, die Metzgerburschen und Hausknechte so gut wie die Kaufleute und Trödler, "Alle sind Juden. Mit seinem lärmenden Straßenleben zur Sommerszeit erinnert dieser Tbeil der Stadt an das alte Ghetto in Nom, das jedoch im Vergleiche klein und bedeutungslos ist. Hier wurde 18-15 S ara h B e rn h ar dt geboren Es giebt in Amsterdam viele Leute, die sie und ihre Eltern kannten. Ter französische Edelmann mit der langen, bis zu den Kreuzzügen reichenden Ahnenreihe, der ihr Vater sein soll, dürste aller Wahrscheinlichkeit nach in das Gebiet der Sage zu verweisen sein. Hier lebte in seiner frühen Jugend Baruch Spinoza. Hier, am äußersten Rande des Quartiers in der Jodebräestraat wohnte endlich von 1640 bis 1868 der Mann, dessen Name der Niederlande größter in der Kunst, wie der Spinoza's deren größter in der Philosophie — Rembrandt van Rhyin. Hier hatte er täglich die Modelle zu der überraschenden Menge von jüdischenPhnnognomieu und Nadirungen vor'Augen. 2luf diesem engen Raume begegnen sich denn jene zwei gewaltigen Namen Spinoza und Rembrandt, der Mann, der den menschlichen Gedanken befreite, indem er ihn aus der Mittelalterlichkeit erlöste, und der Mann, der die Wiedergeburt der Malerkunst herbeigeführt oder richtiger sie auf nordischem Grunde von Neuem geschaffen. Spinoza — eine gewisse Wärme durchströmt die Brust, so oft mau seiner gedenkt und sich in ihn versenkt. Wer ihn in seiner Jugend gelesen, dessen Geist hat eine entzündende, läuternde Feuertaufe empfangen. Spinoza ist der Heilige des Denkens, wie Shelley jener der Poesie. Holland, das Cartesius Schutz gewährte und im Angesichte des wahnwitzigen Fanatismus seiner Stam'.nesgenossen Spinoza eine Freistätte bot, verdient als das alte, trotzig stolze Vaterland der Freiheit im Norden den Glanz, mit dem dieser Name es umgiebt. Und dennoch kostete es in unseren Tagen einen Kampf, als es galt, Spinoza auf der Pavillongracht in Haag ein Denkmal zu errichten. Mein erster Gang in Haag war zu Hollands größtem lebenden Maler, mein zweiter zu Hollands größtem Todten, zur Bildsäule Spinoza's in der Spinozagasse. Ich suchte die abgelegene Gasse mit ihrem schmalen Kanal und ihren Bäumen in der Morgenfrühe eines trüben Julitages auf und fand daselbst, fern vom Gewoge der Stadt, aus rothem Granitsockel, bescheiden, fast nur in natürlicher Größe, die sitzende Bronzegestalt, ein Werk Hexamer's. Ein Meisterwerk ist dieselbe nicht, doch ein ernstes, bedeutungsvolles Kuustwerk. Ja, so hat er ausgesehen, so gedankenvoll und grübelnd, uüt diesem erhabenen Zuge im 'Antlitz, dieser nachlässigen Haltung, er, der schlichteste Deuker und der tiefste. Und ich dachte an sein Lebenswerk, an die Qriginal-Ausgabe seiner nachgelassenen Schriften in ihrem Pergameutbande, daheim aus meinem Bücherbrette, an den tiefen unauslöschlichen Eindruck, den ich bei der ersten Lektüre dieses Buches empfangen. Ethiea stand vor mir, rmd aus diesem Werke wiederum besonders der dritte Thert, die Erklärung der menschlichen Leidenschaften, die eine so merkwürdige psychologische Einsicht verräth und hie und da auch einen Einblick in das persönliche Leben des Denkers eröffnet. Er muß selbst von Eifersucht in der Liebe gelitten haben, um sie mit so starken, nackten Worten beschreiben zu können. Doch frühe drängte das Gedankenleben das des Gefühls in ihm zurück, und er lebte, mit dem Dasein vollkonnneu ausgesöhnt, getragen von seiner philosophischen Gottesidee, gemeiner Sorge nimmer erliegend, unbeeinflußt von Bannfluch und Haß, unendlich geduldig einfältigen Schülern gegenüber, die ihn nicht verstanden und, statt danach zu streben, in seine Ideen einzudringen, nur bestrebt waren, ihn zu ihrem Mirakelglauben zu bekehren. Wo wenige Schritte von der Statue entfernt jenes Haus, das zwck stückige, schmale, steht, in der Stube oben unter dem Dache, hat er geleln, von hier ist er täglich hinaus gewandelt, am stillen Kanal dieses abgelegenen Stadttheils dahin, von hier auch haben sie ihn, mit den Füßen voran, hinausgetragen, um in frommer Unschuld und Unwissenheit ihn nach cl nieu\\re kerk zu bringen, als ob er ein Gläubiger und ein Christ gewesen! Vielleicht wird die Zeit kommen, in der diejenigen, die in Spinoza ihren geistigen Stammvater sehen, den ersten Entdecker oder Ahner jener Grundanschauungen und Wahrheiten, welche die des modernen Geisteslebens, der modernen Wissenschaft sind, zahlreich sein werden, zahlreich, wie e hellte Jene, denen sein Geist fremd ist. Dann, dereinst in fernen Jahr Hunderten, werden diese Stätten, wo er in Holland lebte, wird die Stätte, wo er starb, das Mekka der freien Geister sein. * Bengasi in Nordafrika auf der Insel Cyrenaika ist, nach Gerhard Rohlfs, das alte Hesperien der Griechen; Bengasi, das unterdes Ptolomäre als Berenike ein Haupthandelsplatz war, wird Bedeutung erst wieder erlangen, wenn es zum Ausgangspunkt einer Eisenbahn ge macht wird, die Alexandria mit dieser Stadt verbindet. Heute hat ee nur ca. 10,000 Einwohner, ungefähr 2000 von diesen sind Europäer die Eingeborenen theilen sich in Mohammedaner arabischen Ursprungs und etwa 8—4000 Juden. Diese wohnen mit den Mohammedanern zusammen nicht in einem eigenen Viertel, wie sonst in Afrika, sie bildeten früEjei eine eigene bürgerliche Körperschaft; durch die Industrie der Juden, somit durch die glückliche Lage der Stadt hob sich diese zu großer Handelsblüthe. Während die mohammedanischen Araber, Männer und Frauen sich durch Häßlichkeit auszeichnen, konnte man im Allgemeinen den Inder, das Prädikat schön nicht vorenthalten, namentlich die Kinder beiderlei Geschlechts sind reizend zu nennen. Die Juden haben ihre Synagoge, die Mohaulmedaner bekennen den malekitischen Ritus. Hierher verlegen auch die Alten die Gärten der Hesperiden. Es ist überraschend, daß in einer so blühenden Stadt wie Berenike so wenig Steine und Denkmäler übrig geblieben sind. Es erklärt sich dies aber aus der großen Anzahl von Juden, welche unter Ptolomäus Soter nach B. kamen. — Wir wissen, daß unter der römischen Herrschaft die Juden allein das Recht hatten, Geld außer Landes zn senden, ihren Tribut nach Jerusalem zu entrichten. - Es ist eigenthümlich, daß dieses so hochberühmte Land, dessen Fruchtbarkeit sprichwörtlich geworden ist, derart aus dem Gedanken kreise der Menschheit schwinden konnte, daß es selbst nicht einmal in der Periode der Kreuzzüge genannt wird. Karl Ritter und andere große Geographen fragen, warum ist hier noch nie der Versuch zu einer neuen für eine Seemacht nicht schweren Ansiedlung gemacht worden, welche zuglei ch den Weg nach dem Inneren Afrikas bahnen würdet Rohlfs fügt hinzu, Cyrenaika, so groß wie die Insel Sardinien, hat höchstens etwa 100,000 Einwohner, die über das ganze Land zerstreut leben, bis zur ägyptischen Grenze. Es kann aber mindestens eine Million ernähren. Rohlfs fragt zum Schlüsse seines interessanten Aufsatzes, was hindert uns, dorthin unseren Auswandererstrom hinzulenkeu? -- Wie uns scheint, so Manches. M. F. 8. Ein jüdisches Parlament. Ein solches fand unter Heinrich 111. von England statt. Der König richtete nämlich Befehle an die Sheriffs jeder Grafschaft, am Sonntag Quinquagesima aus jeder Stadt sechs von den reichstell Juden, oder zlvei, wo nur wenige wären, zu ihm nach Woreester kommen zu lassen, um mit ihm über Angelegenheiten, die sein und ihr Wohl beträfen, zu unterhandeln, indem er die Sheriffs zugleich mit den härtesten Strafen bedrohte, falls sie sich ihres 'Auftrages nicht pünktlich entledigten. Wie groß war das Erstaunen der Juden, sich nach so vielen Jahren der schmählichen Knechtschaft plötzlich zu königlichen Rathen erhoben zil sehen! Die Thronrede jedoch benahm, wie manche andere, ihnen jede Täuschung. Der König brauchte Geld, und zwar nicht weniger als 20,000 Mark. Die Parlamentsmitglieder sollten es nicht blos bewilligell, sondern selbst herbeischaffen. Mau denke sich die Bestürzung der armen Leute. Redefreiheit war diesmal im Parlament verboten, und so hieß man sie wieder nach Hause gehen und die eine Hälfte des Geldes zu Johanni, die andere zu Michaeli herbeischaffen. Druck und Berlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.