Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- Seite 562 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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562 betrachten die frommen Juden die sieben Wochen — mit Ausnahme des hineinfallenden „Lagbomer", d. i. des dreiunddreißigsten Tages, an welchem die Pest nicht wüthete — als eine Zeit der Nationaltrauer. Sie fasten zwar nicht und enthalten sich auch nicht der Fleischspeisen, aber sie baden nicht, scheeren weder Haupthaar noch Bart und vermeiden jede Lustbarkeit; in dieser Zeit findet keine Hochzeit statt. Tie Antwort wurde an den Randar abgesendet; der Grund der Verzögerung leuchtete ihm ein, gegen die „Sfireh" ließ sich nichts einwenden. Der Randar legte beit Brief bei Seite und sagte zll seiner Tochter: „Wir brauchen noch immer nicht ans Brünn zn fahren, Dein gut Kleid kann noch ein bissele warten, worauf die Tochter antwortete: „Vater-Leben, ich kann es auch." Es kam „Schwnoth." Mail erzählte sich im Rädel, das; die Partie zwischen Reb Simche und dem Randar zurückgehen werde. Reb Simche erfuhr es und wurde nachdenklich. „Ein Brunn," sagte er, „schöpft sich aus, die Geduld von unserem Mechuten wird sich auch ansschöpfen, wenn er wieder schreibt, muß man ihm eine bestimmte Antwort geben, entweder hin oder her. Was soll das heißen, daß man immer um die Sach' herumgeht, wie die Katz' um den Brei? entweder er will sie, oder er will sie nicht, ich versteh mich nicht auf ihn." Die Mutter sagte: „Simche, Hab Geduld, die Zeiten haben sich noch nicht erfüllt." Der Randar schrieb. Diesmal lautete die Frage anders. Er fragte, ob er das „Choßenschenk" (das Geschenk, welches der Bräutigam der Braut gegeben hatte) zurückschicken solle. „Da hast Du es!" sagte Simche zu seiner Frau. „Ich Hab es ja voraus gesagt." Die Mutter nahm den Sohn heimlich zu sich und sagte: „Fohl- Leben, willst Du lassen die Partie? „Ferne sei es! Gott soll hüten!" sagte Raphael. „Ich furcht mich aber, der „Mechuteu" wird sie abgehen lassen." „Wenn er sie abgehen läßt, kann ich mir nicht helfen; ich darf es nicht, ich Hab Golden mein Wort gegeben, das; sie meine Braut bleibt, jo lang ich leb." „Und wann willst Du Hochzeit machen?" „Mutter-Leben!" sagte der Sohn wehmüthig, „Tu weißt doch, was Tu weißt. Brauch ich's Dir denn erst noch einmal zu sagen? Soll ich Golde als eine junge Wittwe zurücklassen?" Die Mutter antwortete dem Vater diesmal mit Bestimmtheit, und so konnte dieser auch dem Randar eine bestimmte Antwort ertheilen. Sie lautete dahin, Fohle will kein Geschenk zurücknehmen, er bleibt ein Bräutigam und Golde bleibt seine Braut, wenn sie will. Nach Schwurs kommen bald die drei Wochen, und zwischen „Tischebow" (Zerstörung Jerusalems) und die „Jomtowim" (Festtagen) ist nur noch eine kurze Zeit, daher setzen sie die Hochzeit fest auf die nächste Zeit nach dem Laubhüttenfest. Diese Antwort war wenigstens bündig, und der Randar, nachdem er sie gelesen hatte, sagte zu seiner Tochter: „Golde, weißt Du was Neues ist, wenn Tu willst, kannst Tu Dich den nächsten Simchesthore in der Gasse wieder so gut unterhalten, wie den vorigen. Ich begreif' die heutige Welt nicht." Golde sah ihn fragend an. „Die Hochzeit wird nicht vor dem Lanbhüttenfest sein," erklärte der Randar, „Fohl will nicht früher. Zu meiner Zeit sind die Jungen ganz anders gewesen." „Wir werden es nicht versäumen," sagte Golde, „und wenn Fohl nicht früher will, so weiß er sicher warum. Sein Herz ist voll von Traurigkeit, ich weis; nicht warum; aber das weiß ich, daß er der!! beste Mensch von der Welt ist, und nicht früher Hochzeit macht, all i bis die Traurigkeit von ihm gewichen ist." ' Wer hatte dem Mädchen dies so geoffenbart? daß er voll Trau . rigkeit sei, konnte sie wissen, denn das hat er ihr selbst gesagt; aber das Uebrige — — das sagte ihr das weitsehende Auge der Liebe; denn nicht immer ist sie blind, die Liebe, sie ist auch manchmal sehrscharfsichtig; wenigstens war sie es hier. Die Bauern und Bäuerinnen, welche mit Sensen und Rechen bewaffnet in früher Morgenstunde auf die Heuwiese hinauszogen, sagten, da sie eben bei der Synagoge vorüber gingen: Aha, die Juden blasen schon wieder auf den Winter; es ist Zeit, daß wir das Heu herein kriegen! — und sie hatten Recht. Nicht zwar darin, das; die Juden auf den Winker blasen, denn sie blasen nicht auf den Winter, sondern auf dem Schofar; wohl aber darin, daß es Zeit war zur Heuernte, denn der Herbst war da, die Tage und Nächte hatten an Länge vor einander nichts voraus. In der „Gasse" bedienten sie sich des Ausdrucks: es thut schon „ellelitzen", womit so viel gesagt sein will, als der Monat Ellul ist da. Er war in der Thal da und ging auch rasch vorüber. Ehe man sich recht herumdreht, begannen die „Slichestage", jene Tage, von denen man lange vor Sonnenaufgang geweckt wird, in die Synagoge zu eilen, um sich durch Gebete für die kommende Bußezeit vorzubereiten. Es war der Tag vor „S'chorberis". Die Mutter war von größter Freude, der Sohn war von größter Traurigkeit erfüllt. Der „S'chorberis" ist der Rüstabend vor bem Neuen Jahre, also der letzte Tag des alten Jahres. Die gute Frau gab sich der tröstlichen Hoffnung hin, das; auch dieser Tag vorübergehen werde, wie die übrigen Tage des Jahres, ohne daß ihrem Raphael ein Unglück zustoßen wird. Und ist erst dieser Tag um, dann ist das Jahr zu Ende, dann hat die Zeit sich erfüllt. und der kopflose Schatten hat dann keine Gewalt mehr über ihn. Für Raphael hingegen stellte sich die Sache anders. Da er von allen Tagen des ganzen Jahres bisher noch immer mit heiler Haut davon gekommen ist, so war es für ihn eine zweifellose Sache, daß er morgen sterben werde; denn noch in diesem Jahre muß es sich erfüllen. Mutter und Sohn saßen bei einander. Ich werde heut Nacht zum letzten Mal in meinem Leben zu „S'chorberis" aufstehn, sagte er. „Wirst Du sehen. Kind-Leben," tröstete sie, „Du wirst übers Jahr auch uoch zu S'chorberis aufstehn. Mir sagt es mein Herz und mein Herz betrügt mich nicht." Zn „S'chorberis" steht man auf um Mitternacht. Nach zwölf Uhr geht der Gemeindediener durch die „Gasse" und ruft den Namen eines jeden Gemeindegliedes zweimal an. Darauf begiebt sich Alles in die hell erleuchtete Synagoge, wo schwerwiegende Gebete verrichtet und tief melancholische Lieder gesungen werden. Nach Vollendung dieser initternächtlichen Gottesverehrung, die je nach Umständen bis nach zwei, halb drei Uhr dauert, kehrt man nach Hause zurück, und es wird ein erquickendes Frühstück eingenommen. Dann legt man sich noch ein wenig nieder, harrt dem Morgen entgegen, der die Gläubigen wieder zum Morgengottesdienst in die Synagoge ruft. Als Raphael von „S'chorberis" aus der Synagoge nach Hause kam, weigerte er sich, ein Frühstück zu nehmen. Er legte sich aufs Bett; die Todesangst trieb ihm den Schweiß aus allen Poren, es trat eine solche Erschöpfung seines Körpers ein, daß er einschlief. Schlafe sanft — guter Raphael! Man hat die Zeit oft genug mit einem Strome verglichen, ein altes, abgebrauchtes, in seiner Trefflichkeit aber unverwüstliches Bild. Wie Welle auf Welle zerrinnt, so folgt ein Zeitmoment dem andern, wie die hinfließende Welle nimmer wiederkehrt, ist auch die abgelanfene Sekunde für alle Ewigkeit unwiederbringlich verloren, und wie die