Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- Seite 560 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228034--50371-3271981- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
560 Dinge entsprechender ausdrücken könnte. Wie ein Gedicht nur in der Sprache des Dichters ganz ausdrückt, was die Seele des Dichters wollte, so hat der religiöse Geist nur eine Sprache, die ihm gänzlich entspricht, das ist die hebräische." Nun kommt noch das Moment hinzu, das; die hebräische Sprache das unsichtbare, geistige Band bildet, welches die Glaubensbrüder aus dem weilen Erdenrunde umschlingt, und nur weil in allen Gotteshäusern Israels die alten, heiligen, ehrwürdigen Laute des Psalmisten und Propheten ertönen, können wir auch in fernem fremden Lande an dem Gottesdienste unserer Brüder theilnehmen. Und dieses geistige Band sollten wir nun gänzlich zerstören und die ideale Gemeinschaft lockern und lösen?" Wie sehr ich die Berücksichtigung dieser Momente, welche Verfasserin in dem Kapitel „Tie heilige Sprache" hervorhebt, den Juden von radikaler Färbung empfehle, so will ich die Brüder nach „rechts" auf das Kapitel „Fragliches" Hinweisen, damit sie doch daraus Belehrung schöpfen. Sie, die von keiner irgendwelchen Aenderung hören wollen, die sich jeder dahingehenden Bestrebung eutgegeustenunen, lind die den ersten und natürlichsten Forderungen sich verschließen, weil sie von übertriebener Pietät nicht vom Alten lassen wollen, weil es eben alt ist, würden aufmerksam gemacht werden aus jene Unzuträglichteiten, und auf jene tiefen Widersprüche, welche infolge der veränderten Verhältnisse zwischen den Zeitanschauungen und den Anschauungen die in unserem Gebetbuche medergelegt sind, durch die Beharrung beim Alten entflanben. Widersprüche, welche nur religiöser Jndissereutismus duldet, und welche Viele zur religiösen Entfremdung, zum religiösen Nihilismus veranlaßt. Vielleicht rüttelt unsere Konservativen das wohlwollende Wort der unparteiischen Beobachterin auf, rmd rvie wir von jeher gewohnt sind, inehr darauf zu achten, was Außenstehende über uns und unseren Kult sagen, dürfte vielleicht das Wort der Nichtjüdin eindringlicher und wirksamer werden, als das mahnende und unterrichtende Wort der Lehrer und Rabbiner. Hatte doch selbst Maimnni die Wiederholung der Tefilla beim Ma'ariwgebete untersagt und eine Abkürzung des Abeadgottesdieustes angeordnet, mit Rücksicht auf die abfälligen Aeußerungen der Mohammedaner, die über das andachtslose Gebühren und Plaudern bei der Wiederholung, — welche Unsitte schon zu Maimuni's Zeiten herrschte — spöttische Bemerkungen gemacht. liegt, — daß man in dem Gebete Anschauungen und Vorstellungen Ausdruck giebt, die längst vergangenen Zeiten angehören, die aus dem Glaubensbewußtsein unserer Zeit geschwunden, von denen matt sogar das Gegentheil auf Kanzel und Katheder lehrt, und daß man Wünsche, Hoffnungen, Bitten äußert, die man lange nicht mehr hegt, ja, gegen welche das Innere sich sträubt, so daß mau vor Gott gleichsam mit Lüge und Unwahrheit auf den Lippen hintritt. Was unseren Vätern heilig und ehrwürdig war, was in ihren Vorstellungen gelebt, was sie gewünscht, worum sie gebetet, das wird, soll uns auch heilig sein, imb nichts erscheint mir verwerflicher, und nicht genug scharf ist zu verdammen derjenige, der in frivol-spöttischer Weise sich darüber äußert. Aber es ist eine übertriebene und schlechtverstandene Pietät, dieselben Wünsche, dieselben Bitten zu äußern, die unsere Väter gehegt, dieselben Gebete zu sprechen, die sie bewegt, während doch unser ganzer Vorstellnngskreis ein anderer geworden, uiib auch die Verhältnisse sich anders gestaltet haben. Es ist doch die erste und unbedingte Forderung, daß das Gebet der Ausdruck unserer Gefühle, unserer Wünsche, unserer Anschauungen und unserer Glaubensvorstellungen sei. Und das empfinde ich als den größten Uebelstand, daß unser Gebetbuch — dasjenige wenigstens, welches noch in den meisten Gemeinden gebräuchlich ist —- selbst noch die Ausgabe mit der Sachlichen Ueberschung, nicht den foiigeniaten Ausdruck des Glaubensbewußtseius der betenden Gemeinde enthält; es sind doch eine Reihe von Stellen darin enthalten, die selbst der Konservativste nicht gut mitbeten könnte, wenn er nicht eben gedankenlos die Worte herableiert. Was sollen noch heute die Bitten um Opfer und Herstellung des Opferdienstes bedeuten, die Maimuni schon als heidnischen Ueberrest in der mosaischen Gesetzgebung kennzeichnet, der nur mit Rücksicht auf die herrschenden Gebräuche des Alterthums von Mose geduldet worden und gegen welchen gar oft die Propheten ihre Fiammenworte gerichtet. Was sollen die Chajoth und Ofanim und all die Engelschaaren, die persisch-chaldäischen Ursprungs, und die die reine Gottesanschaurmg und Gottesverehrung unserer Lehre getrübt? Und ich weiß nicht, ob man nicht bis tief in die Reihen unserer konservativen Brüder an dem Gedanken und an der Vorstellung der „leiblichen" Auferstehung Anstoß nimmt? Haben sich denn nicht ferner unsere Vorstellungen Und heute, wo die gähnende Langeweile die Synagoge leert, sobald die Wiederholung der Tefilla beginnt — es ist doch allbekannte Thatsache, daß nach der Keduscha der größte Theil der Betenden sich aus dem Gotteshause entfernt —, ist es nicht eigenthümlich, daß mau au diesen Wiederholungen festhült, welche zu denn andachtstörendeu Gebühren Veranlassung geben, und die auch sonst auf die Andacht nur lähmend wirken! Das Zuviel der Gebete ist wiederum ein anderer Uebelstand, der jenes rasche Ableiern zu Folge hat, wodurch der Gottesdienst zum leeren Lippendienst herabgewürdigt wird. Und doch entschließt man sich so schwer zu Verkürzungen, ja unsere Konservativen wollen von einer Kürzung überhaupt nichts hören, obwohl sie die erwähnten Uebelstände Mitempfinden, und obwohl sie es wissen sollten, daß selbst der Ritualkoder ausdrücklich bemerkt (Orach Chajjim S. 4) „Besser wenig beten mit Andacht, als viel ohne Andacht"; lind Allen dürfte das geflügelte Wort wohl bekannt sein: „Ein Gebet ohne Andacht ist wie ein Körper ohne Seele." Es ist doch eine unzweifelhafte Thatsache, daß das Znviel der Gebete die Andacht ertödtet, die Erhebung erstickt. Wie unsere Weisen des Talmud über Andacht und Andachtsübungen gedacht, das mögen sie im Kapitel „Das Gebet im Talmud" Nachlesen. Doch noch entwürdigender ist — und eigenthümlich, daß man für das Entwürdigende nicht das rechte Empfinden hat, das darin über die messianische Zeit geändert und ist die Vorstellung der Ankunft eines persönlichen Messias nicht halb und halb überwunden? Und jene Wünsche nach Rückkehr nach Jerusalem sind in den Gemüthern der Meisten längst erstorben, wenigstens in den Herzen der deutschen Inden lebt dieser Wunsch kaum mehr. Man entgegne mir nicht, daß die Gebete ans ein ideales Jerusalem Hinweisen. Erstens haben die Verfasser jener Gebete eine wirkliche Rückkehr nach Jerusalem ersehnt, andererseits wird der Laie immer die Worte dem Wortlallte nach nehmen intb verstehen und wird sich daher oft, wie es leider geschieht, pietätslos über diese Wünsche lustig machen, sie spöttisch belächeln, wodurch das, was heilig und ehrfurchterweckend sein soll, das Gebet, nicht nur seiner Weibe und Erhebung beraubt wird, sondern Widersprllch und Absturnpfung des religiösen Gefühles hervorruft. Das silld Unzutrüglichkeiten, die nicht länger geduldet werde;: sollten, auf die uns ailch die Nerfasserin der Kulturstudien in dem .Kapitel „Fragliches" mit äußerster Schonung auflnerksam macht, auf deren Beseitigung jeder Einsichtsvolle und Denkende dränge;: muß, denn wenn auch die große Masse, weil stumpf und gedankenlos, das Störende, Widerspruchsvolle und Unzulässige nicht empfindet, so fühlt sich doch jeder Feinfühlende dadurch verletzt und wird dadurch dem Gotteshause entfremdet. Und Pflicht wäre es jeden religiösen Führers, auf das Unzulässige hinzuweisen; wer nicht