Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- Seite 559 (sequence 9)
- Language
- German
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Und in der That werden wir in unseren Erwartungen nicht getäuscht; jenes echte, warme Wohlwollen, die herzliche Antheilnahme, die schon im ersten Werke uns wohlthuend berührte, weht uns auch aus jeder Seite dieser Studien entgegen, was aber die Verfafferin davon nicht zurückhält, auch die scharfe Sonde der Kritik anzulegen, für die wir um so dankbarer sein dürfen, da wieder nur reines Wohlwollen zu den kritischen Bemerkungen Anlaß gegeben und auf die Fehler und bestehenden Mängel uns aufmerksam gemacht. Einzig und allein, wie die Verfasserin im Vorwort bemerkt, — um Aufklärung verbreiten zu helfen, hat sie es unternommen, das Judenthum von seiner eigenartigsten und charakteristischsten Seite darzustellen, ein Bild der religiösen Sitten und Gebräuche und der Andachtsübuugen in volksthümlich anziehender Weise zu entwerfen, welche Aufgabe sie mit einer Sachkenntniß und einem tiefen Verständniß gelöst, die einem kundigen Fachmann alle Ehre machen würden. Das vorliegende Werk ist berufen, eine Lücke anszusüllen, da es bisher kein solches gab, und ein tieferes und klareres Verständuiß für das innere, intime Leben der Juden in weiteren Kreisen, sowohl nach außen als nach innen, anzubahnen. In einer Zeit, wo von allen Seiten betont wird, daß die Judenfrage eine brennende geworden, sollte man sich doch auch die Mühe geben, auf die Eigenart und das Wesen der Juden einzugehen und einen Einblick in das wahre Gedankenleben des Judenthnms sich zu verschaffen. Und wo giebt der Mensch seine geheimste» und tiefsten Gedanken eher kund, als wenn er mit seinem Gotte spricht! Wer daher ein Stück dieses intimsten Lebens des Inden, und zwar des orthodoxen oder konservativen Inden, erlauschen will, der lese diese Knlturstudien, die ein wahres und getreues Bild von den Gebräuchen und Andachtsübuugen entrollen, wenn auch — wie schon bemerkt — eine Nichtjüdin und eine Frau diese Skizzen aufgenommen und die Zeichnungen entworfen. Ja, daß eine Vertreterin des weiblichen Geschlechtes sich dieser Mühe unterzogen und die Arbeit nicht einem Manne überlasten — was als Einwand zu vernehmen die Verfafferin befürchtet, — ward dem Werke gerade zum Vortheil, denn für die Aeußerungen des Gefühlslebens, ist die Frau eine verstündnißinnigere und daher auch kompetentere Richtcrin. Und daß diese Studien aus der Feder einer Christin stammen, läßt sie uns nicht blos aus einem Gesichtspunkte werthvollec erscheinen. Vor Allem fällt jenes Mißtrauen und jeder Zweifel an einer unbefangenen und vorurtheilslosen Darstetlungfort.diewireinemJeden gegenüber hegen, der in eigener Sache das Wort ergreift. Andererseits ist es nur der Christin möglich und ist diese allein berechtigt, einen Vergleich zwischen den jüdischen Andachtsübuugen und den christlichen zu ziehen — und eines der intereffantesten Kapitel des Werkes ist das letzte: „Ein Blick in die christlichen Gebetbücher", in welchem uns erst durch den Vergleich der weitreichende und heiligende Einstuß der siidischcn Liturgie auf die kirchliche Andachtsübung klar wird. Dem Juden ist es nicht möglich, wie objektiv auch seine Darstellung sein möge, ein Urtheil über »ichtjüdische Kultusübungeu abzugeben, ohne daß ihm dies, als einem Mitglied der religiösen Minderheit, von einer oder der anderen kirchlichen Richtung übel vermerkt würde. Wird doch selbst eine berechtigte Abwehr gegen die Angriffe und entstellenden Darstellungen unserer Heiligthümer, unserer! Sitten, Feste und Gebräuche uns schon zu Unrecht gedeutet. So! kommt es, daß die Meisten in schweigsamer Duldung allen Angriffen »nd Entstellungen vonKanzeln, Kathedern, Volksrednern und hetzerischen! Agitatoren gegenüber stumm bleiben und scheu abseits stehen, wo es i gilt, muthig und ohne Zagen selbstbewußt, als freie Bürger eines freien Staates die Angriffe auf unsere Lehre und unsere Heiligthümer abzuwehren. Und auch dafür wiffen wir der Verfafferin Dank, daß sie das Selbstgefühl und Selbstbewußtsein durch ermunternde, aneifernde Worte zu wecken sucht. Das Werk ist aber nicht nur geeignet, nach Außen aufklärend zu wirken; segensreicher noch dürfte es für uns Juden, weil in unseren Kreisen auch mehr gelesen, dadurch werden, indem Vielen erst durch dasselbe ein rechtes Verständuiß für unser Gebetbuch und den tiefen Gehalt unserer Andachtsübungen sich erschließen dürfte, ja selbst der kundige Fachmann wird darin eine Fülle von neuen Anregungen finden. Und nicht zumindest lege ich Gewicht darauf, daß die Ausführungen der Verfasserin, indem sie, wenn auch mit zarter Rücksicht, so doch mit aller Entschiedenheit auf die Schäden und Mängel unserer Andachtsübungen hinweist, mit dazu beitragen dürfte, eine gesunde Reform, die nicht alles spezifisch Jüdische abzustrcifen sucht, und der geschichtlichen Entwickelung Rechnung trügt, zu befördern und die dringend gewordene Umgestaltung und Verkürzung unseres Gottesdienstes und der Gebetordnung zu beschleunigen. Denn hier hören wir ein Urtheil, das unbeeinflußt hoch über der Parteien Gunst und Hader steht, das umsomehr Beachtung verdient, da auch der Tadel, wie schon bemerkt, von reinstem Wohlwollen diktirt worden. Und sowohl den Glaubensbrüdern, die ganz „links" stehen und eine radikale Aenderung unseres Gottesdienstes anstreben, als auch den Brüdern nach „rechts" kann ich die Lektüre des Werkes aufs Angelegentlichste empfehlen. Die Ersteren würden belehrt werden, welch hoher Werth der hebräischen Sprache innewohne und von welcher Bedeutung die Erhaltung derselben für unsere gottesdienstlichen Ucbungen sei. „Sobald es religiöse Erhebung betrifft — bemerkt die feinfühlige Verfafferin —, scheint jede Absonderung von Allem, was irgend profan ist, nicht nur gestattet, sondern geboten. Pflegt man doch schon im Salon oder vor Vornehmen sich einer gewählteren Sprache, bei Hofe oft einer ausländischen zu bedienen, doch nur um Zeit, Ort und Personen vor dem Alltäglichen auszuzeichnen; wenn man sich in Gottes Nähe begiebt, sollte man nicht gern seiner Sprache eine höhere Würde verleihen? Nun besitzt man eine Sprache, die bereits als die „heilige" bezeichnet wird und durch geschichtliche Nothwendigkeit in Wahrheit eine geheiligte geworden ist, da sollte man das nicht als ein Geschenk des Schicksals, als eine hohe Bevorzugung empfinden?" Wie kühl und nüchtern man auch die Sprachenfrage beim Gottesdienste beurtheilen möge, und wenn auch die Forderung, der Muttersprache Raum zu geben, eine berechtigte ist, ja unter den bestehenden Verhältnissen für Jeden, der nicht blind gegenüber den anders gestalteten Bedürfnissen, zur gebieterischen Nothwendigkeit wird, so hieße es andererseits, den Charakter eines jüdischen Gottesdienstes beinahe ausmerzen, und man würde die geschichtliche Entwicklung gänzlich aus den Augen lassen, wenn man die hebräische Sprache aus dem Gotteshause bannen wollte. Die hebräische Sprache ist und bleibt für uns die „heilige" Sprache, und die äußere ehrwürdige Gewandung und Hülle ist sicherlich mit dazu angethan — worauf es doch beim Gottesdienst ankommt —, Erhebung, heilige Stimmung, weihevolle Andacht zu erwecken. Voll und ganz sind die citirten Aussprüche eines christlichen Gelehrten, R. F. Grau, zu unterzeichnen: „Die hebräische Sprache... ist die religiöse Sprache. Wie es nicht gelingen wird, eine neue Religion zu erfinden, die besser im Stande > wäre (als die jüdische), das Bedürfniß des menschlichen Herzens zu befriedigen, so wird man auch keine Sprache zurecht machen können, welche göttliche