Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- Seite 558 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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558 gesellschaftlich, dann verflüchtigt von selbst die Monier, die man an i ihnen so nnspmpathisch findet. Was aber den verzweifelten Versuch Häckel's, den Ahlwardtismns von sich abzuschütteln, betrifft, so bedeutet er in unseren Angen eine ganz vergebliche Anstrengung. Ahlwardt ist das letzte Wort in dem Satze, in welchem das, was nach Höckel den berechtigten Sinn des Antisemitismus bildet, als das erste Wort sigurirt. Nun ist cs allerdings einigermaßen Pein-! lich, wenn eine Phrase, die so sittsam angefangen, wie bei Höckel, so bestialisch-gemein ansklingt wie bei Ahlwardt; aber wir können nicht helfen: was logisch zusannnengehört, ist durch keinerlei Sophistik j von einander zu trennen. Ahlwardt ist der zu Ende gedachte Höckel;! dieser riecht nach Katheder, jener nach Fusel: Antisemiten sind sie i Beide. Und wie heftig sich auch das vornehmgclehrte A gegen die ■ Zusammengehörigkeit mit dem schäbigen und übelriechenden Z aufj bünmt; sie sind doch beide Buchstaben eines Alphabets. Es nützt! nichts, das; die wissenschaftlich berühmten oder in vornehmer Stellung! befindlichen Antisemiten das Band der Gemeinschaft mit dem extremen Flügel ihres Lagers entzweischncide» wollen: der Ahlwardt gehört mit dazu, ja, er ist der durch die Wogeir der Volksthümlichkeit ge-! tragene Führer des ganzen Heeres, und wer dein Antisemitismus einen „berechtigten Sinn" zuerkennt, hat kein Recht, aber auch keine vernünftige Veranlassung, sich dieses Führers zu schämen. Ein anderer deutscher Professor, der Antisemit ist, aber sich schämt, sich offen als solchen zu bekennen, ist der „christlich-soziale" Adolf Wagner. Die Menge — man begreift, daß ein von der Aristokratie begönnerter Professor nicht mit ihr verwechselt werden will — schlägt die Inden, meint aber den Kapitalismus: das ist der Befund Wagner's; und er findet weiter, daß den Juden eigentlich recht geschehe, denn wozu identifiziren sie sich mit dem Kapitalismus? O, wie er das Richtige trifft, der gelehrte christlich-soziale Professor! Lassalle und Marx, haben sie sich nicht identifizirt mit dem Kapitalismus? Indessen, wenn die Inden allenthalben auf dem Erdenrunde für die Freiheit des Individuums streiten, so mögen immerhin Lassalle und Marx als Ausnahmen hingehen, die nur die Regel bestätigen. Aber heißt denn für die Freiheit des Individuums streiten zugleich streiten für den Kapitalismus? Die „christlich-soziale" Gemeinde freilich haßt die individuelle Freiheit und den Kapitalismus; den Haß gegen jene glaubt sie ihrer christlichen Eigenschaft, den Haß gegen diesen ihrem sozialistischen Charakter schuldig zu sein. Aber weil die Jünger des Professors Wagner die Freiheit des Individuums mit dem Kapitalismus verquicke», sollen die Juden sich von dem Kampfplätze znrückziehen, ans den sie gedrängt werden; durch ihre edelste» Gefühle und durch ihr schönstes Pflichtgefühl? Indessen, Professor Wagner kennt neben dem vulgären Inden- Hasse — und vielleicht über diesem — auch noch eine andere Spezies desselben: „den ästhetischen Antisemitismus". Er verabscheut die Aufdringlichkeit der Inden, ihre Protzenhaftigkeit, ihren Mangel an ' guter Lebensart und nervös machen ihn ganz besonders die Jüdinnen mit ihrem überreichen Putz und ihrer überladenen Geschmacklosigkeit.; Das Alles stört sein ästhetisches Behagen, und sein Unmuth hierüber l macht ihn znm Antisemiten. Nun wollen wir uns diesen „ästhetischen! Judenhaß" ein bischen näher besehen. Gesetzt, man fände nur bei i Juden Aufdringlichkeit, Protzenthnm, Mangel an savoir vim>; und j nur bei den Jüdinnen geschmacklos überladenen Putz. Daraus folgt, i daß man die Aufdringlichkeit, das Protzenthnm, die Ungezogenheit, . die Geschmacklosigkeit bekämpfen soll. Will Professor Wagner diese! Unarten befehden, so wird er zweifellos eine große Anzahl jüdischer Streitgenossen finden. Aber wie will er seinem ästhetischen Bedürfnisse dadurch zur Befriedigung verhelfen, daß er statt der Ungezogenheit dieser und jener Juden die Juden überhaupt verfolgt? I Eine wahre Erquickung ist jedem Edelfühlenden und vernünftig Denkenden das zu lesen, was Theodor Mommsen über den Antisemilismus gesagt hat. Es ist dies der schöne, hehre, hell und warm strahlende Geist der Humanität, der die stolzeste Errungenschaft deutschen Denkens und Empfindens bildet. „Was man überhaupt in dieser Sache sagen kann — sprach Mommsen —, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichste!; Instinkte. Alles Andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub. Man kann nicht auf sie wirken. Was soll man auch von Einem sagen, der dem „Rektor aller Deutschen" folgt? Der ist nicht mehr zu retten. Gegen den Pöbel giebt es keinen Schutz — ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unterschied: Kanaille bleibt Kanaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera — man kann ihn weder erklären, noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber anstobt und seine Kraft verliert. Und das kann doch jetzt nicht mehr so fern sein. Endlich muß sich die Pest ja doch eiiunal erschöpfen, und über Ahlwardt hinaus, noch weiter kann sie doch nicht mehr steigen. Vielleicht kommt jetzt langsam die Wendung zur allmäligen Besserung, Befreiung und Gesundung. Vielleicht verschwindet der Wahn, der so viele Gemüther bethört und unsere ganze Kultur u»t hundert Jahre zurückgeworfen hat. Aber alle Gründe und die besten Argumente helfen da nichts. Wer Gründen und Argumenten zugänglich ist, der kani; ja überhaupt gar fein Antisemit sein. Wer aber nur seinem tvilden Haffe gegen Bildung, Freiheit und Menschlichkeit folgt, den werden Beweise nicht bekehren. Der Antisemitismus ist nicht zu widerlegen, wie keine Krankheit zu widerlegen ist. Man muß geduldig warten, bis die im Grunde doch gesunde Natur des Volkes sich von selber aufrafft ui;d dei; faulen Stoff aus sich wirft." Bon gleichem Adel der Gesinnungei; ist auch die Aeußerung des Prinzen Carolath-Schönaich eingegeben. Dagegen blickt Bebel, der Sozialistcnführer, mit unverhehlbarem Behagen auf den Antiseniitisnuts. Ihn; ist es recht, we>;n die Bestandtheile der jetzigen Gesellschaft einander in den Haaren liegen. Je verheerender dieses Ringen, un;so besser für die Sozialrevolution; die letztere wird dann umso weiüger zu demolirei; haben. Auch hat er ja vollkommen Recht. Aber sollte nicht gerade die Auffassung Bebel's all' beiten die Augen öffnen, die bei der drohenden Umwälzung etwas zu verlieren haben? O Kulturstudien über das Indenthum. Von Dr. B. Elsaß. Das Werk einer Frau, einer Christin, die in das Schriftthum der Inden und des Judenthums sich vertieft, in das Leben und Weben derselben sich versenkt, in liebevoller Antheilnahme für die Verfolgten dann zilr Feder greift, um die gewonnene Erkenntnis im Kampfe gegen Wahn und Vorurtheil zu verwerthen, verdient an und für sich schon volle Beachtung. und umso mehr in heutiger Zeit, da die Fluthen der antisemitischen Bewegung immer höher schlagen.i) Und wer das vor etwa zwei Jahren erschienene Werk derselben Verfasserin: „Das jüdische Weib", gelesen, wird mit doppeltem Interesse die neuerdings erschienenen „Kulturstudien über das Judenthum" zur r) Nahida Remy: Kulturstudien über das Judenthum. (Berlin, 1893, Verlag von Carl Duncker.)