Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- Seite 557 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228034--50368-3271978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
557 antisemitische Problem kein Geheimnis; mehr. Er wenigstens glaubt,! die Sache ergründet zu haben. In Ermangelung einer großen Idee, : welche die Wonnen der Begeisterung erwecken könnte, will die Masse im Gefühl des Hasses schwelgen. Um diesen Haß und um die starken Aufregungen, die er gewährt, handelt es sich beim Antisemitismus. Die verwüsteten Nerven heischen künstliche Reizung. Die Reichen halten sich an Morphium, der Morphinismus der kleinen Leute aber ist der Antiseinitismus. So denkt Hermann Bahr über die Sache. Nun ist all' das ja recht hübsch gedacht; auch ist am Ende etwas Wahrheit darin. Ob auch die ganze? Darüber sollen zunächst die Interviewten des Buches selbst befragt werden. Die Ersten, au die der Verfasier sich wandte, waren die Deutschen. Das Material, das er sich bei ihnen holte, ist interessant, aber zum überwiegenden Theile unerbaulich. Der verlotterte Wicht, der sich Ahlwardt nennt, hat manches Verhehlen sonst gut antisemitischer Gesinnungen auf dem Gewissen. Mit solch infamem Lumpenpack will man denn doch nicht in einer Gesellschaft sich zeigen. Und das bewegt so Manchen in Deutschland dazu, sich lieber den Verdacht der Judenfreundlichkeit gefallen zu lassen,! als das Schicksal, mit Ahlwardt in einen Topf geworfen zu werden. Aber zu Hause, in der geruhsamen Stille des eigenen Heims, da legt man die Maske ab; da läßt man sich gehen, macht kein Hehl aus seinen Empfindungen, plaudert sich den Groll über die Silben so wohlig vom Herzen, den Groll über die jüdische Unmoralitüt, über das jüdische Protzenthum, über die jüdische Aufdringlichkeit, kurz über all' die Dinge, die man dort draußen verbeißen muß — aus Furcht,; von de» Kloakenmäunern ä Irr Ahlwardt brüderlich umarmt und dabei erheblich beschmutzt zu werden. Da ist zum Beispiel Friedrich Spielhagen - jawohl, der große, der berühmte Spielhagen, der Roiuau-Spielhagen. Auch diese deutsche Eiche wurzelt ini Sumpfboden des Antisemitismus. Aber freilich ist dieser Antisemitismus ein gesitteter, ein tvissenschaftlich motivirter, tvie es sich für einen so vornehmen Dichter geziemt, der selbstverständlich mit dem ordinären Wirthshaus-Antisemitismus nichts gemein haben kann. Spielhagen findet, der Judenhaß sei „eine ökonomische Frage, die mithin eine ökonomische Lösung finden müsse". Die Juden seien nämlich schändliche Wucherer, wenigstens zu Hause bei ihm, im Thüringischen. Daß es aber auch außerhalb Thüringens einen Antisemitisus giebt, u. A. in Landern, wo die Juden keinen Wucher treibe», das übersieht Friedrich Spielhagen. Und dann, warum wendet sich der Antisemitismus auch gegen die Armen unter den Juden, die gar nicht in der Lage sind, zu wuchern? Gesetzt, jeder fünfte Jude wäre Wucherer; eine höhere Berhältnißzahl wird wohl selbst Ahlivardt nicht annehmen. Wohlan, was will man dann von jenen vier Juden unter sünfen, die unbefleckt sind von der Sünde des Wuchers? Warum vergilt man an fünf Fünftheilen einer Masse das, was ein Fünftheil derselben verbrochen hat? Ob der Wucher nicht auch von Christen betrieben wird, das »vollen »vir Herrn Spielhagen gar nicht fragen, Hermann Bahr hat es versucht, diese Frage an ihn zu richten, aber es ist nur eine verlegene Ausrede dabei hernusgekommen. Friedrich Spielhagen hat es sich eben in den Kopf gesetzt, daß die wirthschaftlichc Noth die Wurzel des Antisemitismus sei. Ja, aber reicht denn sein Blick nicht von Thüringen bis nach Rußland? Das Zare»»reich ist doch wohl das klassische Land des praktischen Antiseinitismus, Und ist nicht gerade dort das jiidische Eleinent von beständigen Entbehrungen, vom düstersten materiellen Elend heiingesucht, von einen» Elend, mit dem verglichen das Loos der übrigen, wahrlich nur z»i viel darbenden Bevölkerung, als die üppigste Schlvelgerei betrachtet »verden muß? Freilich, auch Spielhagen fühlt, daß es mit seinen Gründen nicht recht klappt, und er »nag speziell die Empfindung haben, daß die wirthschaftliche Noth z. B. den Antiseinitismus der wohlhabenden Bourgeoisie denn doch nicht gut erkläre. Da behilft er sich denn — inan bewundere doch die Findigkeit des Dichters — mit dein Hinweise „auf die höhere Tüchtigkeit und den höheren Fleiß" der jüdischen Studenten; das »vecke die Eifersucht der Christen gegen die besser gerüsteten Konkurrenten. Ob das zutrifft, wollen wir nicht untersuchen; rathsam »vird es uns jedoch am allertvenigsten vorn antisemitischen Standpunkte scheinen, der jüdischen Rasse, die nian ja als eine inferiore behandelt, eine so namhafte geistige und sittliche Ueberlegenheit zuzuerkennen. Indessen, vorausgesetzt, daß diese Superiorität bestehe; »vas folgt daraus? Alles, nur nicht das, was Spielhagen daraus stillschweigend zu folgern scheint. Wenn die Juden eine intellektuell und moralisch »verthvollere Pote»»z darstcllen, so muß diese Potenz in» Interesse der Höherzüchtung der Menschheit eben gehegt und gefördert, nicht aber verfolgt und unterdrückt »verden. Auch Häckel tommt im Bahr'schen Buch zu Worte. Der Jntervietver hat an dem großen deutschen Naturforscher ein bischen gekratzt, und richtig ist dabei der Antisemit zun» Vorschein gekomnicn. Häckel schickt vorsichtigertveise voraus, daß er viele jüdische Freunde habe, die er innig verehre und schätze; auch habe er, tvie jeder anständige Mensch, vor Ahlivardt einen Ekel. Aber cs begreife sich, daß man den Juden ihre fremde Art nehmen, sie zu deutschen Gewohnheiten und Sitten erziehen »volle." Der gelehrte Professor fordert daher „die völlige Verschmelzung der Juden"; »ver national fühle und denke, müsse das von ihnen verlangen. Bei allem Respekt vor dem »vissenschaftlichen Ruhm Häckel's fragen »vir aber nun: »vie in aller Welt sollen es die J»»den anstellen, sich mit den Deutschen zu verschmelzen, wenn sie von den Letzteren in der denkbar unsanftesten Weise znrückgesloßen »verden? Der Herr Professor ist einer der aufgeklärtesten Geister in Deutschland und er bekennt sich gleichwohl ganz offen zu dem, »vas er „den berechtigten Sinn des Antisemitismus" nenirt. Dieser „berechtigte Sinn" hat aber den absurden Inhalt, daß er den Silben eine Aufgabe znmuthet, die sie nicht lösen können, »veil ihnen der Antisemitismus im Wege steht. Wenn man einen Mensche», dessen Füße gefesselt sind, den Auftrag giebt, sich vorwärts zu bewegen, so muß man doch »vohl damit anfangcn, ihn seiner Ketten zu entledigen. Aber seine Ketten nicht lösen und ihn dann strafen, »veil er nicht von der Stelle gekommen ist, das ist schlimmer als verrückt, das ist barbarisch. Eine solche Barbarei ist es, von jenem „berechtigten Sinne des Antisemitismus" zu sprechen. Der Antisemitisinus hat gar keinen Sinn, keinen berechtigten nnd keinen unberechtigten, ja er hat jenen berechtigten, den Häckel i» ihn hineinlegt, viel »veniger, als irgend einen anderen unberechtigten. Tie Jude»» zu erschlage», blos »veil sie Juden sind, darin ist »venigstens so viel Verstand, »vie in einein rohen und gemeinen Naturtriebe. Aber den Antisemitismus, indem man in ihm einen „berechtigten Sinn" entdeckt, gutheißen und gleichzeitig die Verschmelzung der Juden fordern, also die Juden oxtia limros bannen und sie gleichzeitig verschelten, »veil sie ihre „fremde Art" bewahren: darin ist gar kein Verstand, das ist der helle Wahnsinn. Herr Professor Häckel ist also Antisemit, er ist es trotz seiner jüdischen Freunde, die er verehrt, und trotz Ahlivardt, den er verachtet. Ja, er ist es, gerade weil er sich seiner Freundschaft mit vielen Juden berühmt. Haben diese jüdischen Freunde jene „fremde Art", deren Ausrottung den berechtigten Inhalt des Antisemitismus bilden soll? Sicherlich haben sie dieselbe nicht; »vie hätten sie sonst die Freundschaft Häckel's crlverben können? Wohlan, Professor Häckel ersieht daraus, daß jene „fremde Art" cttvas Abstreifbares, den Inden nicht Wesentliches ist; sie zu verlieren, dazu gehört lediglich die gesellschaftliche Rezeption, »vir möchten sagen; die Routine des sozialen Lebens. Man rezipire also die Juden