Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- Seite 556 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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556 bruß luifbcrfcfjrcnben Hänflinge» inhaltlich gleicher Wörter, wie sic uns beispielsweise in dem des ber seither gebrauchten Gebetbücher entgegcntreten. So sucht bas Bogelsteiu'sche Buch auch im hebräischen Theile den Forberuugen ber neuen Zeit gerecht zu werben, iubem es alle unzeitgemäßen rmb nach Form ober Inhalt unschönen Gebete vermeibet. Im Uebrigen ist ber hebräische Text unverünbert. Besonbere Sorgsalt ist auf bie bei» letzteren entsprechenben beut scheu Gebete verwcnbet worben. Dieselben geben zwar inhaltlich bie hebräischen Gebete wieber, sollen aber trotzbem keine Uebersetzungen, sonbern vielmehr in sich abgeschlossene, selbststänbige, formvollen bete beut sch e Gebete sein, welchen man nicht bei jebcm Satze bie Uebertragung ans einer frembeu Sprache anmerkt. Gerabe in letzterer Beziehung ist von ben Autoren ber meisten mir bekannten übersetzten Gebetbücher gesünbigt worben. Man wollte bem Original zu treu bleiben nnb schuf baher in vielen Fällen ein Deutsch, welches man weit richtiger als Hebräisch-Deutsch bezeichnet hätte. Das; berartige Probukte nicht im Staube waren,! ben beutschen Israeliten, ber in seiner Muttersprache beten ' wollte, zu erbauen, ist einleuchtenb. Herr Dr. Bogclstein hat nach bem übereinstimmenben Urtheil bes Ausschusses nnb ber Konnnissionsmitglieber biesen Fehler bei seinem Gebetbnche glücklich vermieben. Er hat es verstauben, äußere Formvollenbnng mit ber inhaltlichen Wiebergabe bes Hebräischen in bem beutschen Theile zu verbinben nnb letzteren ans biese Weise möglichst unabhängig von bem hebräischen Texte zu gestalten. Diese Unabhängigkeit wirb babnrch noch erhöht, baß bie Grunblehren unserer Religion, wie sie im J-öiT nnb ber nn“ip zrnn Ansbrnck kommen, im Urtexte in ben beutschen Theil ausgenommen ■ werben, so baß letzterer neben ber beutschen Wiebergabe vorstehenber Gcbetstücke auch bie Sätze :c., t’öw D'Ap rr.; ’S w>, in hebräischer Sprache enthält. Durch biese Maßnahine wirb meines Erachtens ber Charakter ber Selbstänbigkeit ber beutschen Gebete wesentlich erhöht nnb freisinnigen Gemeinben gleichzeitig bie Möglichkeit geboten, ganze Gebetabschnitte im Gvtteshanse in beutscher Sprache vortragen zu lassen, ohne babei bas hebräische Element gänzlich vernachlässigen zu müssen. Anbererseits wieberum ist de» orthoboxcn Gemeinben bnrch bie fast ungekürzte Beibehaltung bes hebräischen Textes bie Möglichkeit geboten, auch ihren religiösen Bebürfnisseu in gewohnter Weise Ausbruck zn geben. So soll baS Buch bei völliger Wahrung ber Gewissensfreiheit ben verschiebcnen religiösen Richtungen Rechnung tragen nnb babei durch seine einheitliche Einführung zugleich ein einigendes Band zunächst für bie westfälische Jubenheit, und wenn nicht Alles trügt, auch über Westfalen hinaus für weitere Kreise werben. Schließlich will ich noch erwähnen, baß dem Buche eine besonbere Agende für Rabbiner und Prediger mit den entsprechenben liturgischen und Kasualgebeten, sowie ein kurzes beutsches Erbauungsbüchlein für Frauen mit Gebeten für alle besonderen Lebensverhältnisse beigegcben ist. Ter Bollstänbigkeit halber sei endlich noch hcrvorgehoben, baß, entsprechend ber Bestimmung bes Buches, in möglichst weite Kreise zu bringen, der Preis desselben ein verhältnißmäßig geringer sein wirb. So weit ich unterrichtet bin, wirb er bei dauerhaftem! Einbände keinesfalls mehr als M. 1.50 betragen. Es ist dies zwar ein rein äußerliches Moment, fällt jedoch bei ber Verbreitung bes Buches wesentlich ins Gewicht, so baß seine Erwähnung an dieser ' Stelle jedenfalls gerechtfertigt erscheint. U Meise um den Antisemitismus. Von Josef Veßi. I. Ausgestattet mit einem Rundreisebillet, dann mit einer pteu Tracht von Humor und Wißbegierde — Litteraten ziehen es vor, mit solch portofreiem Gepäck zu reisen — machte sich ein junger Schriftsteller auf den Weg durch Europa, um bei den Gelehrten, Politikern, Künstlern und Dichtern der verschiedensten Völker Erkundigungen einznholen über die garstige Zeitkrankheit, die sich Antisemitismus nennt. Ihn hatten die einander völlig widersprechenden Definitionen dieses Nebels wre gemacht. und ein Sehnen faßte ihn, den Patienten selbst über das Leiden, das ihn quält, auszuhören. Dieser Patient ist aber kein Anderer als die zeitgenössische Kultur. Diese galt es mithin ins Gebet zu nehmen, daß sie offen bekenne, was ihr fehlt: ein strenges, eingehendes Auskundschaften, wie es der Aufstellung der Diagnose vorangehen muß. Und unser Mann machte seine Aufwartungen bei der europäischen Civilisation. Die ist freilich eine große Dame, die nicht Jedem Rede und Antwort steht. Aber der Schriftsteller, von dem wir sprechen, hatte sich mit einem guten Empfehlungsschreiben versehen; das war sein Esprit, ein scharfer und feiner Geist, und diesem öffneten sich alle Pforten. So vochte er denn überall an, wo die europäische Civilisation wohnt: iu den Couloirs der Parlamente, in Gelehrtenstuben, in Redaktionskabineten, in Ateliers, iu Lehrsälen, in Pfarrhäusern. Man empfing ihn, da mürrisch, dort liebenswürdig, da gelangweilt, dort genirt: aber man empfing ihn und er konnte seine Aufgabe lösen, er konnte beobachten. Hermann Bahr — dies der Name des fahrenden Diagnostikers — hat nun seine Wahrnehmungen in einem Buche zusammengefaßt, welches soeben erschienen ist?) Man braucht es mit dem „internationalen Jnterwiew" nicht au pied de la lettre zu nehmen. Der Mann ist kein handwerksmäßiger Reporter, sondern ein Sitterat von Geist und von einer vielleicht nur zu originellen Begabung. Eine dürre Wiedergabe so und so vieler Aeußerungen ist also sein Buch nicht. Er läßt seine Leute nicht nur sprechen, er schildert sie auch wie sie sind, wie sie denken, wie sie sich gehaben. Man macht da manche interessante Bekanntschaft, nnb Mancher, den man bereits sattsam zu kennen wähnte, erscheint in der Darstellung Hermann Bahr's in einem neuen Lichte. In diesen leicht hingeworfenen Skizzen, die durch ihren flotten Plauderton bestechen, erkennt man die schaffende Hand eines begabten Musters, der oft mit einen! übermüthig scheinenden Striche, mit einer wie in der Laune gezogenen Linie treffender als der gediegenste Photograph zu charakterisiren versteht. Mit solchen Vorsätzen und Talenten zog Bahr in die Welt, um den Antisemitismus in seinem innersten Wesen kennen zu lernen. Eine große Entdeckung zu machen, so hoch reichte sein Zweck nicht. Denn erkennt die reiche Litteratur über den Antisemitismus, er kennt sie, ob er auch ihren Werth nicht zu hoch taxirt. In dieser Litteratur fand er viele Bücher, darunter die einen gescheidt, die anderen dumm. Aber seiner Ansicht nach — und wahrhaftig, er hat so Unrecht nicht — trifft keines der Bücher das Richtige. „Sie reden immer an der Sache vorbei." Da war es denn wirklich dankenswerth, einmal auch das zu ermitteln, wie nicht die Bücher, sondern die Gebildeten verschiedener Völker über die Sache dmken. Für Bahr selbst hat das r) Hermann Vahr: Der Antisemitismus. Ein internationales Interview. (Berlin, 1893. Verlag von S. Fischer.) — Wir entnehmen den sehr interessanten Aufsatz über das Buch von Bahr ausnahmsweise dem „Pester Lloyd". Die Red.