Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- Seite 555 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Es liegt uns fern, diesen anregenden Bortrag und die gemachten Vorschläge hier einer Kritik zu unterziehen; auch können wir die Beantwortung der Frage „ob in Wirklichkeit die Mitglieder des Vorstandes die Arbeit nur noch äußerlich, nicht aber sachlich und Dem großen Gesichtspunkten aus bewältigen" getrost der Beurtheilung aller Derjenigen überlassen, welche den Angelegenheiten unserer Gemeinde ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Aber gerade, weil die Aeußernngen des Vortragenden vermöge seiner Kenntniß der Verhältnisse besondere Beachtung beanspruchen können, halteil wir uns verpflichtet, thatsächliche Jrrthümer in dem Vortrage zu berichtigen, weil unser Schweigen als Zustimmung aufgefaßt werden könnte. Mit Recht hat Herr Justizrath Makower hervorgehoben, daß, wer ein Deutscher sein und als ein solcher angesehen werden will, wie ein Deutscher aussehen (?), denken, fühlen, sprechen und handeln müsse. Ties könne durch die Erziehung in der Schule und namentlich in den Internaten beträchtlich gefördert werden. Er rühmt auch die Pflichttreue der Beamten unserer Erziehungs- Anstalten (Waisenhäuser, Schulen undReligionsschnlen, fügt aber hinzu: „Hier wie anderswo ordnet ein solcher Leiter die ihm unterstellte Anstalt nach bestem Ermessen; dann aber tritt — namentlich schon in Folge des zunehmenden Lebensalters — ein Veharrungszustand ein, welcher gegen alle Neuerungen nnb die mit solchen nothwendig verbuildenen Unbequemlichkeiten sich mehr oder weniger verschließt. Draußen geht die Welt weiter, drinnen bleibt die Schule stehen." Wir stellen in Abrede, daß bei einer unserer Anstalten eine solche Stagnation eingetreten ist, daß die Leiter derselben durch das Alter oder aus anderen Gründen zu bequem geworden finb, um Neuerungen, welche sie oder die ihnen Vorgesetzten Kuratorien als zweckmäßig erkannt haben, einznführen. Die Aufgabe unserer Anstalten ist es seit Jahrzehnten gewesen, ihre Zöglinge mit der anderweitigen Bevölkerung zu assimiliren. Die Leistungen der Institute haben vielfach die Anerkennung der Vorgesetzten Behörden gefunden; die Zöglinge haben sich im Leben größtentheils als tüchtige Deutsche bewährt, die Leiter der Schulen und des Waisenhauses sind viele Jahre hindurch Lehrer an höheren öffentlichen Schulen gewesen und haben in reichem Maße kennen gelernt, auf welchen! Wege die Assimilirung am besten zu erzielen ist. Der Herr Vortragende hat wohl auch den Einfluß der Kuratorien der Anstalten unterschätzt. Nicht aus Voreingenommenheit (weil es unsere Anstalten sind), treten wir für dieselben, deren Leiter und Lehrer ein; wir glauben vielmehr, es den Männern, welche in voller Rüstigkeit und Schaffensfreudigkeit bestrebt sind, unsere Zöglinge zu guten Deutschen zu erziehen, und nicht nur der geistigen und sittlichen Ausbildung, sondern auch der körperlichen Entwickelung, sowie der Beobachtung von Sitte und Anstand vollste Fürsorge widmen — schuldig zu sein, sie gegen Verkennung zu schützen. Es ist richtig, daß die Ansichten über die Existenzberechtigung und Nothwendigkeit der konfessionellen Mädchenschule gewechselt haben, allein darüber sind beide Gemeinde-Behörden einig, daß die Schule unserer Gemeinde keine Armenschule sein soll. Seit Jahrzehnten sind die Ziele dieser Schule festgehalten worden; sie soll weder eine gewöhnliche Kommunalschnle noch eine höhere Töchterschule sein; sie soll vielmehr die Ziele der Mittelschule verfolgen und als solche ist sie von der Vorgesetzten Schulbehörde anerkannt. Berlin, 15. November 1893. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde. Reber das neue Gebetbuch des westfälischen Gemeindeverbandes. Von Felix E ob lenz. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" veröffentlicht in ihrer Nunnner 43 vom 27. Oktober d. I. einen sehr beachtenswerthen Vortrag des Herrn Justizrath Makower über „unsere Gemeinde", in welchen! es unter Anderen! wörtlich heißt: „Niemand wird bezweifeln, daß, nachdem einmal das Verständniß der hebräischen Sprache bei den Juden abgenonunen hat, die alten, rein hebräischen Gebetbücher unfähig geworden sind, als eine ausreichende und erhebende Grundlage für den Gottesdienst allgemein zu dienen; es würde daher ein neues Gebetbuch, das allgemeine Geltung hätte, ein wichtiges Einigungsband unter den Juden bilden." Jeder Unbefangene wird zweifellos diesen Ausführungen zustimmen müssen und die Verwirklichung derselben mit Herrn Justizrath Makower dringend wünschen. Freilich verschließt Letzterer selbst sich nicht der Erkenntniß, daß der Durchführung seines Planes gerade in der Gegenwart noch mannigfache Hindernisse und Schwierigkeiten entgegenstehen, deren Bedeutung auch von mir keineswegs unterschätzt wird. Trotzdem halte ich den Vorschlag für durchführbar. Ich stütze mich dabei auf die Thatsache, daß bereits eine größere Vereinigung, nämlich d e r w e st f ä l i s ch e G e in e i n d e v e r b a n d, dem 35 Gemeinden, darunter die größten und bedeutendsten der Provinz, angehören, von dem in Fach- und Laienkreisen rühmlichst bekannten Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin ein neues Gebetbuch im Sinne des Herrn Justizrath Makower ansarbeiten ließ, welches im Manuskripte bereits fertiggestellt ist und an dem kommenden Passahfeste in Westfalen allgemein zur Einführung gelangen soll. Ich bemerke von vornherein, daß dem Buche, welches von der Kultuskonnnission und dem Ausschüsse des Verbandes in zahlreichen Sitzungen einer eingehenden Prüfung unterzogen und schließlich einstimmig angenommen wurde, schon jetzt eine große Verbreitung gesichert ist, da bereits annähernd 2000 Exemplare desselben definitiv bestellt sind. Dazu kommt aber noch die gewiß beachtenswerthe Erscheinung, daß auch außerwestfüli sch e recht ansehnliche Provinzial - Gemeinden sich mit dem Ausschüsse bez. mit Herrn Dr. Vogelstein wegen der eventuellen Einführung des Buches in Verbindung gesetzt haben. Durch das Vorgehen des westfälischen Gemeindeverbandes ist somit der Beweis erbracht, daß die Verwirklichung des Makower'schen Planes nicht allein möglich ist, sondern sogar von weiteren Kreisen dringend gewünscht und mit Freuden begrüßt wird. Ich zweifle nicht daran, daß das Vogelstein'sche Gebetbuch, das den berechtigten Forderungen unserer Zeit in jeder Beziehung Rechnung trügt, auch über Westfalen hinaus sich viele Freunde erwerben wird, und glaube daher in Anbetracht der Wichtigkeit der ganzen Frage den Wünschen Vieler entgegenzukonunen, wenn ich in Folgenden! die Anlage des Buches und die Grundsätze, nach denen es bearbeitet wurde, kurz skizzire. Das Buch umfaßt einen hebräischen Theil und die demselben entsprechenden deutschen Gebete, welche den! hebräischen Texte seitenweise gegenüberstehen. In letzterem sind alle diejenigen Stellen, welche sich ihrem ganzen Inhalte nach mit unserer Denk- und Anschauungsweise in Widerspruch befinden, entfernt, bezw. abgeündert worden. Es gilt das insbesondere von den Gebetstücken, welche die Sehnsucht nach Jerusalem zum Ausdruck bringen und den altjüdischen Opferkultus zun! Gegenstände haben. Gebetabschnitte von der Tendenz des sind gleichfalls einer entsprechenden Abänderung unterzogen worden. Ausgemerzt wurden endlich alle jene bis zun! Ueber-