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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-24 · Heft 47 (24.11.1893) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 47 (24.11.1893)
Date
1893-11-24
Page
Seite 554 (sequence 4)
Language
German
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554 Nie Woche. Berlin, 22. November. Klagelieder über das Ende der „Berliner Bewegung" finden wir in dieser Woche in allen antisemitischen Blättern. Anlaß dazu geben die Stadtverordnetenlvahlen, die den letzten Rest der sog. Bürgerpartei wegfegten, welche es in ihrer Glanzzeit cnif 14 Plätze,! also ein Drittel der in der dritten Abtheilung zu Wühlenden gej bracht hatte. Dieser Umstand giebt auch der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zu Betrachtungen Anlaß. Sie spricht von einem „kläglichen Ende" der „Berliner Bewegung". Man sei allseitig einig darüber, das; das antisemitische Element und nicht das konservative Element diese Niederlage erlitten habe, und nur das Ueberwnchern des antisemitischen Elementes in der ursprünglich konservativen Bewegung sei Schuld daran, das; in der Stadtverordneten- Berjammlung nur noch Freisinnige und Sozialdemokraten süßen. Gegenüber den „haarsträubenden Geschichten" der antisemitischen Blätter über „ungeheuerliche Wahltyrannei" bemerkt die N. A. Z. zutreffend: „Gerade die Antisemiten waren cs doch, welche stets den „Mannesmuth deutscher Männer" hochgepriesen haben, der ihren Anhang beseele. Warum sollte beim dieses stolze Gefühl gerade bei den Stadtverordnetenwahlen, wo es die Probe bestehen sollte, in sein Gegentheil verwandelt worden sein? Mit solchen Beschönigungen wird man also die Wahlschicksale der Bürgerpartei nicht erklären können." Dieser Kennzeichnung des „Mannesmuthes deutscher Männer" an solcher Stelle haben nur nichts hinzuzufügen. * 2st die „Berliner Bewegung" zu Ende, so beginnt nunmehr die konservativ-antisemitische Bewegung ihr Spiel — und diese ist für uns viel gefährlicher! Schon in den ersten Tagen der neuen Reichstagssesston ist alis dem Schoosze der konservativen Partei ein jndenfeindlicher Antrag hervorgegangen. Die Abgg. Frhr. v. Hammerslein, Frhr. v. Manteuffel und v. Potenz haben den Antrag gestellt: Ter Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regierlmgen zu ersuchen, den; Reichstage einen Gcsetzantrag vorzulegen, nach welchem Israeliten, die nicht Reichsangehörige siiid, die Einwanderung über die Grenzen des Reichs untersagt wird. Diesen Aiitrag haben 25 Konservative unterschrieben, Bohl;, Graf Earmer, v. Gerlach, Gascher, v. d. Groeben, Hauff-Dahlen, v. Harder, v. Holleufser, Küpeden, Jacobskörter, Graf Kanitz-Podanzen, v. Kleist- Retzow, v. Leipziger, Graf Limburg-Stirum, Graf Mirbach, Sachße, v. Salisch, Schall, Stroh, v. Viereck, Will u. A. Auf eine unbedingte Annahme dieses Antrags rechnen wohl die Herren von Tivoli selbst nicht. Aber sie wollen ihren Mandanten zeigen, daß sie auch antisemitisch sein können, und sie müssen ja den „reinen" Antisemiten Konkurrenz machen. Das ist der Hauptzweck ihres Antrags. Es j wird übrigens nothwendig sein, das statistische Material nach dieser 1 Richtung hin zu sammeln, um vor Ueberraschungen gesichert zu sein. '' d Gegenüber solchen Aeußerungeu unverblümten Judenhasses thut es wahrhaftig wohl, Stimmen der Humanität und der Sympathie für das Judenthum von hervorragenden auswärtigen Staatsmännern zu vernehmen. An anderer Stelle berichten wir über das Jubiläumsfest des Benai Berith-Ordens in Amerika. Aber hier wollen wir die beiden Schreiben mittheilen, die der Präsident Cleveland und der amerikanische Gesandte aus Rußland, Andrew D. White, an die Behörden des Ordens gerichtet haben. Ter herrliche Brief des Präsidenten der Bereinigten Staaten,; welcher bei dem Festbankett zur Verlesung kam, betont in der diesem Staatsmanne eigenen, kernigen Weise den Nutzen, welcher dem Lande > | aus solchen Bestrebungen erwächst, und die Sympathien, welche alle wahren Patrioten mit diesen Bestrebungen fühlen. Er führt dann fort: „Ich bin mir bewußt, daß die Demonstration mehr bedeutet, denn eine bloße Feier des Fortschrittes, welchen der Orden gemacht. Wenn er zu der Höhe gelangt, zu welcher seine Leiter emporstreben, dann bin ich sicher, daß er eine Botschaft mit sich fuhrt, welche an die ganze Welt gerichtet ist, betreffs Judenthum und Juden. Nicht nur der Fortschritt, welchen der Orden gemacht hat, wird der Welt kund gethan werden, sondern auch die Thalsache, daß dieser Fortschritt das Ergebniß der Weiterentwicklung der Rasse ist. Es lehrt, daß das jüdische Volk, so sehr auch innerhalb desselben die Ansichten über Religionsdoktrin auseinander gehen mögen, in allen anderen Dingen liberal und gemeinstrebend ist. Der Beweis ist erbracht worden, daß der Orden eine Plattform bildet, welche praktisch und geräumig genug ist, eine Basis zu liefern, auf welcher sich Alle bewegen können, die bessere Dinge anstreben. Sie haben bewiesen, daß die Juden, welche die Wohlthaten der amerikanischen Eivilisation genossen, auch die Verpflichtungen, welche diese Privilegien mit sich führen, erfüllt haben; daß sie die Gesetze des Landes aufrecht gehalten und gemäß derselben gelebt; daß sie den Niedrigen emporgehoben und ihm die Sympathien geschenkt; daß sie dem Unwissenden Aufklärung gebracht, mit einem Wort: daß sie durch ihr praktisches Wirken Zeugniß abgelegt haben für die Stammesgenossenschaft der ganzen Menschheit." Andrew D. White schreibt in seinem Briefe an den Redakteur der „Menorah" in New-Uork Folgendes: „Meine Aufmerksamkeit wurde vor einigen Jahren auf den Orden B'nai B'rith gelenkt, da mir als Mitglied des Senats der Stadt New- Uork eine Applikation vorlag, den Freibrief dieser Organisation zu amendiren. Was mir damals von glaubwürdigster Seite über den Orden gesagt wurde, gab mir eine hohe Meinung von seinen Bestrebungen und seiner Gediegenheit. Ich habe einen festen Glauben an die Bedeutung der von den Israeliten geleisteten Beiträge zur amerikanischen Eivilisation: In wissenschaftlichen Forschungen, ungehindert durch Hemmschuhe, welche uns so lange zurückgehalten haben, werden die Juden — meiner Ueberzeugung nach — eine große Kraft bilden In der Wissenschaft, auf die Medizin und Chirurgie angewandt, werden die Juden — wie sie es schon im Mittelalter waren — an der Spitze des Fortschrittes sein. So auch in den Künsten. Ich verspreche mir ungemein viel von ihrem Genie in der Musik, in der Malerei und der Bildhauerkunst; sie werden gewiß Bedeutendes leisten, unser amerikanisches Leben umznbilden, und zwar in eine viel schönere Form. Man hört oft Klagen darüber, daß die Israeliten den Handel rnonopolisiren; wenn dem so wäre, so könnte dies blvs die Folge ihrer besonderen Fähigkeit sein, und wenn dem so ist, so ist die Klage darüber höchst kindisch. Ich habe nie geglaubt, daß die Mission der Raffe auf den Handel beschränkt wäre; Männer wie Spinoza in Holland, Mendelsfohn in Deutschland, Heine in Frankreich, Antokolski in Rußland und tausend Andere liefern den Beweis, was sie in den höchsten Regionen menschlichen Strebens leisten können. In philanthrophischer Beziehung erwarte ich, daß auch die Bemühungen für Erreichung menschlicher Wohlfahrt auf höherer und breiterer Basis, als es unter modernen Nationen gang und gäbe ist, erfolgreich sein werden. Wenn ich recht unterrichtet bin, so ist Ihr Orden der Pflege all' dieser Bestrebungen geweiht. Sie haben dabei meine besten Wünsche, möge er in seiner Kraft erstarken, zum Wohl und Nutzen unseres geliebten Landes!"? Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 21. November. Z» dem Vortrag des Herrn Justizraths Makower, der in Nr. 43 unseres Blattes abgedrnckt war, erhalten wir die nachstehende Erklärung von dem Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde: In der „Allgemeinen Zeitung des Judenthnms" vom 27. Oktober d. Js. — Nr. 43 — ist unter der Ueberschrift „Unsere Gemeinde" ein Vortrag des früheren langjährigen Vorsitzenden der hiesigen Repräsenlaiitcn-Versammlung, Herrn Justizraths Makower, abgedrnckt.!

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