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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-24 · Heft 47 (24.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 47 (24.11.1893)
Date
1893-11-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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57. Jahrgang. Ur. 47. Allgemeine Berlin, 24. November 1893. ettung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abomiemems-Breis: Durch Buchhandel, Bost oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedactenr: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHUippson-Bonn. Verlags-Vrpedit'wn: Berlin, Zerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Ällgem. Zeitung deS Jndenthnms", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Ein Rückblick. — Die Wockr. — Aus der Berliner , Gemeinde. — lieber das neue Gebetbuch des westfälischen Gemeindeverbaudes.; Bon Felix Coblenz. — Reise um dm Antisemitismus. Von Joses Veßi.! — Kultnrstudien über das Jndenthum. Von B. Elsaß. — Feuilleton:! Der Schatten. Erzählung von Eduard Kulte. (Schluß.) — Sprechsaal.! Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Hohenstein. Aus der Proviuz Pose», Aus Thüringen. Hannover, Aus Westfalen, Grünstadt. Wien. Prag. Gran, Paris. New-Aork. - Bon Nah und Fern. — Miscellcn. - Geschäftliche Notizen. Gin Rückblick. Berlin, 22. November. Soviel wie in diesem merkwürdigen Jahr ist noch selten gewählt worden. Mir haben über die letzten preußischen, hessischen und sächsischen Landtagswahlen bereits statistische Mittheilungen gebracht. Heute bleibt uns nur noch übrig, die Resultate zusammenznfassen. Uns interessirt vor Allem nur der Erfolg oder Mißerfolg des Antisemitismus, und wir wollen im Voraus bemerken, daß nach dieser Richtung das Wahlresultat nicht unerfreulich ist. Die Landtagswahlen in Hessen brachten den Antisemiten zwar einen kleinen Erfolg, sie gewannen drei Sitze, aber einen darunter nur durch die Hilfe der freisinnigen Bolkspariei, und dieser, Gießen- Land, ging bei der nothwendig gewordenen Nachwahl wieder verloren. Die Antisemiten um Böckel hatten ans weit größere Erfolge, verblendet durch die Reichstagswahlen, gerechnet und trösteten sich mit den Aussichten für die preußischen Landtagswahlen. In Sachsen, dem zweiten Stammsitz der Judenfeinde, wurde die Enttäuschung noch größer; die antisemitische Reformpactei, Die im Juni sechs Reichstagssitze gewonnen, bernrochte iricht ein Mandat zu erringen, und die Deutschsozialcn nur mit Hilfe der Konservativen zwei Mandate. Noch schlimmer ging es bei den preußischen Wahlen. Ganz Hessen hatteir die Antisemiten in Angriff genommen, theils in der radikalen Richtung Böckels, theils in der reaktionären Liebermanns, theils auch im Bunde mit den Konservativen. Aber alte Mühe war umsonst; nicht ein Sitz fiel den Herren zu, sogar, und das ist das Bemerkenswertheste an der Wahl, die Stimmen der Judenfeinde in ihrer Hochburg, den Kreisen Marburg und Kirchhein, gingen sehr namhaft hinter die Zahlen von 1888 zurück. In Marburg erhielt Böckel nur 16 Stimmen gegen 36 im Jahre 1888, in Kirchhein 48 gegen 76 im Jahre 1888. Diese Erscheinung ist nicht vereinzelt; in den anderen hessischen Kreisen ist das Resultat ähnlich, und das ist das wichtigste Moment, schon die Reichstagswahlen zeigten einen merklichen Rückgang der antisemitischen Stimmen hinter der Wahl von 1890. Die preußischen Lnndtagswahten haben dies Bild nur bestätigt und uns Recht gegeben, als wir schon in Juli davor warnten, die antisemitische» Erfolge in Hesse» zu überschätzen. Nicht ans die Zahl der Abgeordneten, die sie mit Hilfe der anderen Parteien, selbst der liberalen, in der Stichwahl durchbrachten, konnnt es an, sondern auf das erfreuliche Symptom, das der Stimmenrückgang in den alten Sitzen unserer Feinde darstellte. Jetzt beweisen die Landtagswahlen, daß unsere optimistische Auffassung von damals berechtigt war, imb sie bestätigen, daß der Antisemitismus in Hessen zum Stillstand gekommen ist. Der Grund hierfür ist leicht zu finden. Gerade Hessen ist, wie das klassische Land der Antisemiten, so auch das Beispiel, was eine energische und vor Allem ausdauernde Abwehr zu leisten vermag. Sv spurlos auch die einzelne Rede, das einzelne Flugblatt re. vorüber gehen mag, immer und immer wiederholt klaren sie doch das Volk über die Lügen der Antisemiten auf, und ist dies erst einmal erreicht, so ist den anderen Parteien der Boden zur Bekämpfung des Antisemitismus auf politischem Gebiet geebnet. Anders liegen die Verhältnisse in Sachsen. Hier fehlt jede zielbewußte Abwehr, die immer nur dann Wicken kann, wenn sie lokal organisirt und geführt wird. Daher gewann hier der Antisemitismus so rasch Boden; aber die Massen, einmal gegen das jüdische Kapital verhetzt, blieben nicht dabei stehen, sondern gehen jetzt gegen alles Kapital vor und wühlen in den Kreisen, in denen sie zum Reichstag Antisemiten gewählt haben, jetzt Sozialdemokraten zum Landtag, jo z. B. in Dresden. Vielleicht sieht die sächsische Regierung doch altmälig ein, wohin ihre Begünstigung der Judenfeinde führt. Aehnlich ist es in Berlin. Auch hier haben sich die gegen das jüdische Kapital geführten Massen vour Antisemitismus abgewandt und sind zur Sozialdemokratie gegangen, und alle Kartelle helfen dagegen nichts. Jede Wahl zeigt einen rapiden Rückgang der Konservativen und Antisemiten; auch diese Landtagswahlen sind so ausgefallen, und bei den Stadtverordnetenwahlen sind die Herren völlig aufgerieben worden. Die sogenannte Bürgerpartei ist verschwunden, obschon sie noch in letzter Stunde durch Verschärfung der antisemitischen Tonart Erfolge zu erzielen hoffte. Nur ein Schatten zeigt sich im Bilde der letzten Wahlen; das ist das Wachsen der Gegner in Posen und Westprenßen. Hier ist es höchste Zeit, mit energischer Thatigkeit zu beginnen, sonst wächst die Bewegung uns über den Kopf. Aber wenn man hier nur zielbewußt und vor Allem mit der nöthige» Ausdauer a» der Abwehr arbeiten wird, werden auch hier die Erfolge nicht nusbleiben. U

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