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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-17 · Heft 46 (17.11.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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April d I. erschien in der antisemitischen „Hannoverschen Post" ein aus Uelzen datirter Artikel, in dem Folgendes erzählt wurde: Lin Landwirth in C. bei jener Stadt sei in Geldverlegenheit wegen einiger hundert Thaler gewesen und habe die Hilfe eines dortigen Hebräers in Anspruch genommen. Derselbe habe ihm auch das Geld geliehen, aber unter der Bedingung, daß, wenn er es an einem bestimmten Lage nicht zurückzahle, seine sämmtlichen Eichen dem Herleiher gehören ollten. Als nun der Schuldner an dem vereinbarten Tage nicht gezahlt ipbe, sei der Hebräer sofort mit den nöthigen Holzhauern erschienen und habe aus den gefällten Eichen vier Mal so viel erlöst, wie die Schuld betragen, was als wucherische Ausbeute anzusehen sei. Durch diesen Artikel hat sich die Uelzener Judenschaft beleidigt gefühlt und gegen den Verfasser Kaufmann Georg Föbing daselbst, und den Redakteur der „Post", Johann Rethwisch, Strafantrag gestellt. Während der Artikel nun so geschrieben ist. daß die Leser glauben müssen, die Geschichte sei in der Gegenwart passirt, hat die Voruntersuchung ergeben, daß der Mann, den der Verfasser gemeint hat, seit 15 Jahren tobt ist, und der Verfasser stellte auch nicht in Abrede, daß ihm dies bekannt gewesen sei. Beide Angeklagte wurden der Beleidigung schuldig befunden, und veru*t§eilte der Gerichtshof den Verfasser, dessen Handlungsweise als eine perfide bezeichnet wurde, zu einem Monat Gefängniß, den Redakteur zu einer Geldstrafe von 300 Mark. Zugleich wurde den Klägern die Vefugniß ertheilt, das Urtheil in der Hannoverschen Post" und „Uelzener Kreiszeitung" zu veröffentlichen. © Olbernhau (im sächs. Erzgebirge), im November. Hier wurde im vorigen Jahre ein antisemitischer Reformverein, unter Führung eines Kaufmanns R: und eines Uhrmachers M. gegründet, obwohl gar keine Juden in Olbernhau lebten. Nach Vornahme der Zählung der Einwohner durch die Hauslisten stand im hiesigen Tageblatte die Zahl der Christen und ein Israelit. — O, Schreck, wer mag das fein‘2 — Es war der Uhrmachergehilfe bei dem Präsidenten des Antisemiten-Vereins! Z Karlsruhe (Baden), 9. November. Am 1. November sprach Herr Stadtrabbiner Dr. Appel aus Mannheim auf Veranlassung des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" im großen Rathhaussaale dahier über das Thema: „Das jüdische Traditions- und Forschungsprinzip historisch beleuchtet." Der Redner verstand es vortrefflich, sein schwieriges Thema in populärer und doch wissenschaftlicher Form zu behandeln und wurde von dem großen Zuhörerkreis durch wohlverdienten Beifall ausgezeichnet. Oesterreich- Llngarri. □ Wien, 13. November. Am 10. November fand hier die Bürgermeister-Wahl statt. Gewählt wurde Dr. Prix; der Antisemit Dr. Lueger erhielt 45 Stimmen von 137. Die Wiederwahl des Dr. Prix gab den Antisemiten Gelegenheit, wieder einige skandalöse Szenen herdeizuführen. Kaum hatte Dr. Prix die Rednertribüne bestiegen, erhoben die Antisemiten ein ohrenzerreißendes Geschrei, ein chaotischer Tumult entstand im Saale, aus welchem die Worte „Herunter mit ihm!" zu hören waren. Die Vorgänge im Saale spotten jeder Beschreibung. Endlich mußte der Bürgermeister die Tribüne verlassen und der Gewalt weichen, und unter tosendem Geschrei wurde die Sitzung geschlossen. Zu bemerken ist noch, daß Lueger während der ganzen Zeit, in der sich seine Getreuen wie halb Tolle geberdeten, ganz ruhig, mit dem siegesgewissen Lächeln des Mannes verharrte, der dies Alles so vortrefflich in Szene zu setzen verstanden hatte. - Dem neuen Ministerium Windischgräh wird als Minister des Innern der frühere Handelsminister Marquis Baquehem angehören. Marquis Baquehem war, nebenbei bemerkt, das einzige Mitglied des Taaffeschen Kabinets, das den Antisemiten und ihrem Treiben energisch entgegen getreten ist. — Zum Bezirksrichter wurde ernannt der Bezirksgerichts-Adjunkt Dr. Alfred Bloch, zu ordentlichen Professoren an der Wiener Universität die Professoren Dr. Moritz Kaposi und Dr. Isidor Reumann. - Der Kaiser hat gestattet, daß der Inspektor der Oesterreichischen Nordwestbahn Moritz Brüll das Ritterkreuz des sächsischen Albrecht-Ordens tragen dürfe. * Wien, 14. November. Das tzerrenhausmitglied Baron Moritz Königswarter ist heute Nachmittag im Alter von 56 Jahren gestorben. Das bedeutet einen großen, unersetzlichen Verlust für das Judenthum in Oesterreich. In nächster Nummer Ausführlicheres. L. Prag, 8. November. Am 30. v. M. fand hier im jüdischen Rathhause die zahlreich besuchte konstituirende Versammlung eines neuen Vereines statt, der einem von den Rabbinern unseres Landes schon lange gefühlten Bedürfnisse entspricht, des Vereines „Rabbiner-Verband in Böhmen". Die Aufgaben, welche der Verband sich stellt, werden am deutlichsten aus § 2 der behördlich bereits genehmigten Statuten ersichtlich. Dieser Paragraph lautet: „Der Zweck des Vereines ist: a) Hebung des religiösen Sinnes durch Förderung des Religionsunterrichtes, Pflege der jüdischen Wissenschaft und Abhaltung öffentlicher Vorträge, b) Wahrung der Ehre des Judenthums durch Verbreitung richtiger Kenntniß seines Inhalts und durch Abwehr öffentlicher Entstellungen, e) Die Gründung und Förderung solcher Anstalten anzustreben, welche den religiösen und humanitären Bedürfnissen der Judenheit in Böhmen Rechnung tragen, 6) Wahrung der Würde und Interessen des Rabbinerstandes, e) Austausch von Erfahrungen in der Amtsthätigkeit." Geleitet wird der Verband von einem siebengliedrigen Ausschüsse, in welchen diesmal folgende Herren gewählt wurden: Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld-Prag, Präsident, Rabbiner Dr. Kurrein-Teplitz 1. Vieepräsident, Rabbiner Dr. S. Back-Smichov, 2 Vieepräsident, Rabbiner Dr. I. Ziegler-Karlsbad, Schriftführer, Rabbiner Dr Poznansky-Pilsen, Kassirer, Rabbiner Dr. S. Stern-Saaz, Rabbiner Dr. Banet-Gablonz, Beisitzer. Um eine gründliche und gediegene Wirksamkeit zu ermöglichen, wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, für die Bearbeitung des reichhaltigen Materials drei Sektionen zu errichten; diese Sektionen sind: 1. für Religionsunterricht, Obmann Dr. Grün-Prag, 2. für Wissenschaft und Apologetik, Obmann Dr. Back-Smichov, 3. für Wahrung der Standesinteressen, Obmann Rabbiner Dr. M. Stark - Weinberge. Zu lebhaften Debatten gab ein weiterer Programmpunkt Anlaß, und zwar: „Ueber Heranbildung von Religionslehrern." Es wurde schließlich der Beschluß gefaßt, die Errichtung eines eigenen Lehrerbildungsseminars in Böhmen anzustreben und die Gemeinden aufzufordern, durch Beiträge und Sammlungen die Geldmittel zur Gründung einer solchen Anstalt zu beschaffen. Die Sektion „Religionsunterricht" wird beauftragt, schon jetzt einen Lehrplan für die ins Auge gefaßte Lehranstalt vorzubereiten. Dieselbe Sektion schreitet auch zur Ausarbeitung eines einheitlichen Lehrplanes für den Religionsunterricht an Volks-, Bürger¬ und Mittelschulen. Beim letzten Punkte der Tagesordnung: „freie Anträge", giebt Dr. Stern-Saaz die Anregung, daß eine populär-wiffenschastliche Monatsschrift zur Belebung und Hebung des religiösen Sinnes, zugleich als Organ des Verbandes gegründet werde. Nach verschiedenen Erwägungen wurde der Antrag angenommen und zum Redakteur Dr. Hirsch-Karolinenthal gewählt, und ins weitere Redaktionskomitee auch noch Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, Dr. Kurrein, Dr. Stern. Prospekt und Abonnements-Einladung erscheint mit der Probenummer des Blattes, das billig und wohlausgestattet in gefälliger Form mit gediegenem Inhalte berufen sein wird, ein wahres Familienblatt des jüdischen Hauses zu werden. Nachdem die Versammlung ihrem würdigen Vorsitzenden für seinen Beitritt zu dem Verbände, der allein diesen lebensfähig gemacht, durch Erheben von den Sitzen ihren wärmsten Dank ausspricht, schließt der Präsident die konstituirende Versammlung des Rabbiner- Verbandes mit herzlichen Worten des Dankes für die Opferwilligkeit der Mitglieder und deren Begeisterung, die zweifellos schöne und segensreiche Leistungen erhoffen läßt. Frankreich. fr. Paris, 8. November. Laut den neuesten Nachrichten der Gesellschaft zur Gründung von Kolonien in Argentinien wurde beschlossen, neun neue Kolonien (Dörfer) zu gründen. Dieselben sollen neben folgenden Ortschaften liegen: 1. neben Casso Wilbassa, 2. neben Frimero del Mecho, 3. neben St. Gregorio, 4. neben Claro, 5. neben Claro Espagniole, 6. neben Spangenberg, 7. neben San Koje, 8. neben San Vincent, 9. entweder neben St. Vincent oder neben San Antonio. Alle neun Dörfer werden also zu dem Kreise Entre-Rios gehören. Die Verwaltung der Kolonien liegt gemeinschaftlich in den Händen der Herren Cohn, Cafes und Hirsch.

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