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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-17 · Heft 46 (17.11.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Serbien. ig. Belgrad, 8. 9ioueniber. Auf feiner Reise durch das Innere des Landes berührte unser König Ale ran d er auch das nahegelegene 9Usch. Bürgermeister und Gemeinderath arrangirten in Folge dessen eine Festtafel, an welcher auch der .König theilnahm. Zu derselben waren auch zwei Glaubensgenossen — Herr Oberrabbiner Jsae Cabisoto und der Gemeindevorsteher Salomon Russo — geladen. — Am Geburtstage unseres Königs wurde unser Gemeindevorsteher, hier, mit dem Takuba- Orden dritter Klaffe belehnt. Ter Genannte trügt übrigens noch einen ihm vom .König Milan verliehenen Orden. Amerika. * Cincinnati, 28. Oktober. Es war ein Festtag im wahrsten Sinne des Wortes, der am 21. d. ein zahlreiches distinguirtes Publikum in dem festlich geschmückten, herrlichen Gotteshause der Bene-Jeschurun-Gemeinde in Cincinnati versammelte. Tie Feier galt der sünszigsten Wiederkehr des Tages, an welchem Rev. Tr. I M. Wise, welcher seit nahezu vierzig Jahren geistiger Führer dieser Gemeinde ist, zum erstenmal die Kanzel bestieg. Ein reiches Stück Geschichte liegt zwischen jenem ersten Auftreten Wise's in der Svnagoge des böhmischen Provinzialstädtchens Rednitz und dem heutigen Tage, wo er als der gefeierte Nestor des amerikanischen Rabbinerstandes dasteht Sein Wirken ist nicht nur durch die langjährige Thätigkeit in einer der hervorragendsten Gemeindendes Landes bedeutend, er hat nicht nur als Schriftsteller und als Herausgeber zweier vielgelesener Zeitungen sich einen Namen gemacht, er ist auch durch die Schöpfung des Jfebrew l'nioa Collesjre". der ersten Nabbinerbildungsanstalt in der neuen Welt und der „Central Rabbininil Gonferenz", eines Rabbinerverbandes, der die Rabbiner der bedeutendsten Gemeinden des Landes umfaßt, epochal in der Geschichte des Judenthums geworden. Der Geschichtsschreiber des Judenthums im 19. Jahrhundert wird ihn neben Geiger, Frankel, Zunz, Grätz, S. R. Hirsch und Leopold Löw als einen der führenden Geister in Israel zu nennen haben. Der Festgottesdienst aus diesem Anlasse war schön und eindrucksvoll. Nach passenden Gesängen bestieg Rabbiner Charles Levi die Kanzel, um in einer trefflichen, formvollendeten Rede das Wirken des Jubilars zu schildern. Er wies darauf hin, daß die Anfangsworte des Wochenabschnittes: „Ziehe aus deinem Baterlande, von deinem Geburtsorte, von deinem Vaterhause" für den Jubilar, der über diesen Text seine erste Predigt hielt, prophetisch geworden seien. Tr. Wise ist, dem göttlichen Rufe folgend, hinausgezogeu, um gleich Abraham eine Quelle des Segens zu werden. Die Versammlung lauschte mit athemloscr Andacht den beredten Worten des jungen Predigers, die in den von Allen getheilten Wunsch ausklangen, daß der Jubelgreis noch lange Jahre seiner (Gemeinde und dem Judenthum erhalten bleiben möge. Darauf bestieg Tr. Wise selbst die Kanzel, um im Anschluß an den passend gewählten Text: „Der Herr, der Gott des Himmels, der mich hat gehen heißen aus meinem Vater hause, er wird seinen Engel schicken vor dir", eine höchst interessante von jeder Selbstberäucherung freie Skizze seines Lebens zu geben, in welchem der Engel Gottes ihm stets schützend zur Seite gestanden hatte. Die Rede war ein meisterhaftes Stück Zeitgeschichte. Ein warm empfundenes Gebet des als Gast hier anwesenden Rabbiners Samuel Hirschberg aus Fort Wayne beschloß die erhebende Feier, nach welcher der Jubilar von Glückwünschenden förmlich umringt wurde. Beim Nachmittagsgottesdienste im College nahm Professor Mielziner, der Senior des Lehrerkollegiums, das Wort, um in einer kurzen Rede das Leben des Jubilars als Vorbild für die studircnde Jugend zu schildern, worauf ein gelungenes Gedicht von Frau Louise Mannheimer zur Verherrlichung dieses Tages zur Verlesung kam. Tr. Jsaac M. Wise ist trotz seiner 7-1 Lebens- und fünfzig Dienstjahre körperlich und geistig frisch, er konnte ohne das geringste Zeichen von Ermüdung am selben Albend die Festrede in der B'ne B'rith Loge halten, wie er im August unermüdlich seine schwere Pflichten als Präsident der Rabbinerversammlung und des jüdischen Kongresses mit jener Ausdauer erfüllte, die viele Jüngere beschämen könnte. An ihm erfüllt sich das Wort, das von Moses' Greisenalter gesagt ist: „Sein Auge ist nicht erloschen und seine Frische nicht geschwunden." Möge es für lange, lange Jahre so bleiben.r) *) Wir schließen uns diesem Wunsche von Herzen an. Die Red. Von Nah und Fern. Ter „Reichsauzeiger" theilt mit, daß der Wiener Professor Hofrath Theodor Gomperz zum korrespondirenden Mitgliede der philosophisch-historischen Klasse der hiesigen Akademie der Wissenschaften gewählt wurde. — Das preußische Staatsministerium hat in seiner letzten Sitzung das Diseiplinar-Erkenntniß des brandenburgischen Provinzial-Schulkollegiums, durch das der Rektor Ahlwardt seines Amtes entsetzt wird, bestätigt. — Einem für die antisemitische Reformpartei eifrig eintretenden Lehrer in Radeberg in Sachsen ist durch den Schuldirektor, auf Veranlassung des Schulvorstandes, ein ernster Verweis ertheilt worden. — Am Dienstag ist Karl Paasch aus der Irrenanstalt Herzberge entlassen worden. Paasch war, wie mitgetheilt wurde, für gemeingefährlich geisteskrank erklärt und auf Anlaß des Polizeipräsidiums in Herzberge untergebracht worden. Hieraus folgte aber die Nothwendigkeit der Entmündigung des Herrn Paasch durch das hiesige Amtsgericht. Der dahingehende Antrag des Polizeipräsidiums ist jedoch vom Amtsgericht wegen Unzuständigkeit abgelehnt worden, da Paasch, wie durch die Leipziger Behörden bestätigt worden ist, in Leipzig und nicht in Berlin seinen Wohnsitz hat. Paasch mußte daher aus dem Gewahrsam eines preußischen Irrenhauses entlaffen werden und ist in Begleitung des Dr. Wesendonk, der als Bevollmächtigter der Familie des Herrn Paasch den Antrag auf seine Entlassung gestellt hat, nach Leipzig abgereist. — Der National-Zeitung zufolge erschoß sich in Jaffe der ehemalige Kasseubote Meißner, welcher für Ahlwardt Akten gestohlen hatte. — Der konservative Landtags-Kandidat für den Kreis Ratibor, Herr von Gilgenheimb, sagte in seiner Wahlrede: „Meiner christlichen Lebensanschauung entspricht es nicht. Andersdenkende wegen ihrer politischen oder religiösen Ansichten zu verfolgen. Auswüchse müssen bekämpft werden, wo immer sie sich finden; aber ich^ halte es für unrecht, wegen Uebergriffe Einzelner eine ganze Gemeinschaft zu verurtheilen." — Am 29. v. M. wurde der auch in weiteren Kreisen bekannte Oberlehrer a. D. Lieb mann in Stuttgart, der bereits im 89. Lebensjahre stand, zu Grabe getragen. Der Verstorbene war über 50 Jahre lang Lehrer in Eßlingen und zugleich Religionslehrer am Schullehrerseminar daselbst. — Demnächst werden auch auf den ungarischen Universitäten die in Wien üblichen Promotionen ,,snb auspmiis imperatoris" eingeführt. Interessant ist es, daß bisher nur Einer unter sämmtlichen Hörern der Universität in Budapest das Recht dazu erlangt hat, und zwar Herr Dr. Sigmund Goldberger, ein Hörer der Landesrabbinerschule zu Budapest, der zu Anfang dieses Schuljahres sein philosophisches Doktorexamen „summa cum laude", das heißt mit höchster Auszeichnung, abgelegt hat. — In Budapest starb am 26. v. M, allgemein betrauert, Bernhard Deutsch de Hatvan, einer der ausgezeichnetsten Männer der ungarischen Judenheit, ein hervorragender Industrieller, ein edler Wohlthäter. Sein Leichenbegängniß legte Zeugnis; für die große Beliebtheit des Dahingeschiedenen ab. — Der Papst Leo XIII. hat, wie verläßliche Meldungen aus Rom berichten, die Verwaltung des päpstlichen Vermögens der Firma Rothschild in Paris übertragen. — Unter den Erwählten, welche den Herzog und die Herzogin von Jork in London erwarteten, um ihnen das Hochzeitsgeschenk der Londoner Bürger zu überreichen, befand sich auch unser Oberrabbiner Dr. Adler. — Der Thierschutzverein in Aberdeen beschloß, öffentlich die Erklärung abzugeben, daß es sich in der Anklage gegen den jüdischen Schächter Littmann einzig und allein um den speziellen Fall, nicht aber um die jüdische Schächtmethode im Allgemeinen handle. — Die erste jüdische Gemeinde in Norwegen hat sich unlängst in Christian ia gebildet. Dieselbe umfaßt ungefähr 100 Mitglieder und ist bereits im Besitze eines eigenen Friedhofes. — In CHattanooga wurde der demokratische Kandidat Georg Ochs zum Oberhaupt der Stadt, Mayor, erwählt; der neue Mayor ist der Herausgeber einer Gewerbezeitung, sein Vater war der Gründer der jüdischen Gemeinde und ihr freiwilliger Rabbiner, der aus Fürth in Bayern dahin kam und in Knoxville das Amt eines Friedensrichters bekleidete. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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