Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 17. November 1893. 57. Jahrgang. Nr. 46. (föritt£Ut(*♦ Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten.! Dentschland. L2 Berlin, 14. November. Die Repräsentanten der Jüdischen! Gemeinde waren am letzten Sonntag den 12. November abermals ver- > sammelt. Es galt, in geheimer Sitzung die Ergänzungswahl des Vor-! standes vorzunehmen. Ehe jedoch dies geschah, beschäftigte in öffentlicher! Sitzung sehr lebhaft die Repräsentanten ein Antrag des Herrn G. Löwen-; berg, der als Mitglied der Beerdigungskommissiou Beschwerde erhoben ■ hatte gegen die Art, in welcher das Gebet Hazir tomim gelegentlich - einiger Beerdigungen gesprochen worden sei; er beantragte nun, daß die! Kultusbeamten darauf aufmerksam gemacht werden sollten, daß sie sich; strikte an den Wortlaut und an den Vortrag des hebräischen und deutschen; Textes zu halten hätten. In eindrucksvoller Rede trat diesem Anträge; Herr Justizrath Meyer entgegen. Ganz abgesehen von der prinzipiellen j Seite der Forderung, die sich uiu eine reine Verwaltungssache drehe, bei! welcher die Repräsentanten wohl ein Recht haben, zu kritisiren und den! Vorstand um Abstellung etwaiger Unzuträglichkeiten zu ersuchen, bei; denen die Repräsentanten jedoch niemals selbst ändernd eingreifen können,! abgesehen also von dieser prinzipiellen Frage, habe er — so führt der ' Redner aus—schwer wiegende Bedenken andererArt, wenn dieVersammlung j dem Anträge etwa Folge geben sollte. Er denke hierbei an die Reformj gemeinde, deren Prediger das bekannte Gebet allerdings verkürzt vortrage.! Solle man hier nun diktatorisch eingreifen und einen Zwiespalt mit der-! selben Reformgemeinde Hervorrufen, mit der in Harmonie zu leben man | sich nicht vergebens bemüht habe? Ein Gutachten der Rabbiner, j welches man um dieser Frage willen eingeholt, besage überdies, daß an j einer Todtengruft in jeder Sprache gebetet werden dürfe, und endlich sind j es ja unsere Rabbiner selbst, die, wenn eine kleine Abweichung vorge- : kommen ist, diese sich erlaubt haben. In anderen Fällen habe der Vorstand der Beerdigungskommission nur von seiner diskretionären Gewalt; Gebrauch gemacht, wenn er auf Ansuchen eine Ausnahme gestattete.; Bezeichnend aber sei es für die ganze Angelegenheit, daß kein einziges - Mitglied der Gemeinde Beschwerde erhoben habe. In ähnlicher Weise! bekämpft der zweite Kommissar Herr Direktor Herrmann den Antrag, der damit seine Erledigung findet, daß auf Antrag der Herren R.-A. Tiktin und Louis Sachs die Versammlung mit großer Majorität erklärt, daß sie sich mit den Ausführungen des Herrn Justizrath Meyer in Uebereinstimmung befinde. Laut Referat des Herrn Leonh. Sachs werden hierauf bewilligt: 1000 M. Subvention bis zum 1. April 1804 für die dritte Religionsschule und 900 M. als Nachbewilligung für die neue Klasse in der Mädchenschule. Gemäß dem Anträge Frankel werden 1000 M. für bauliche Veränderungen am jüdischen Krankenhause überwiesen. — In der nun folgenden geheimen Sitzung fanden die Ergänzungswahlen zum Vorstande statt. Wiedergewählt wurden die Herren Justizrath Meyer und Dr. Edmund Lachmann, neugewählt die Herren L. M. Bamberg er und I. E. J sa ac. Zu Stellvertretern wurden gewählt die Herren Julius Jsaac, Regierungsrath Magnus und Professor Dr. L. Geiger. * Posen, 15. November. Die hiesige Amieitia-Loge feierte am 12. d. M. das Stiftungsfest des Ordens B. B. in sehr würdiger Weise. Der eigentliche Festakt begann um 5 Uhr mit einem Prolog; es folgten musikalische, und gesangliche Piecen, eine Ansprache des derzeitigen Präsidenten, Rechtsanwalt Placzek, die Festrede, die Herr Dr. Gustav Karpeles aus Berlin hielt, und als Schlußgesang Ps. 150. Die Feier machte auf das sehr zahlreich versammelte Auditorium einen tiefen Eindruck. An dieselbe schloß sich ein durch geistvolle Toaste gewürztes Festessen und ein Ball. — Am 12. d.M. wurde hier auch ein „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" begründet. Die Versammlung fand im Saale des Hotels Viktoria statt. Sie wurde durch einen einleitenden Vortrag des Herrn Dr. G. Karpeles eröffnet, nach welchem alsbald die Konstituirung des Vereins mit ca. 60 Mitgliedern erfolgte. Das vorbereitende Komitee besteht aus den hervorragendsten Männern unserer Gemeinde, u. A. aus den Herren Rabbiner Dr. Bloch, Rabbiner Dr. Feilchenfeld, S. Friedenthal, Dr. L. Friedländer, Jsr. Friedländer, Stadtrath und Kommerzienrath Herz, Stadtrath Kantorowicz, Sanitütsrath Dr. Pauly, Rechtsanwalt Placzek, Rechtsanwalt Salz. U. Ostrowo, 10. November. Leider gelingt es den Antisemitenhelden auch in unserer Provinz, durch Gründung von Vereinen festen Fuß zu fassen. Um so angenehmer berührt es, wenn wir inmitten dieser von jedem rechtlich Denkenden verabscheuten Bewegung hier und da Züge von Toleranz und humaner Gesinnung erfahren. So lief dieser Tage von einem evangelischen Pfarrer, einem Pastor primarius aus Pitschen (einem Städtchen an der schlesisch-posenschen Grenze) bei dem Vorstande der hiesigen Synagogen-Gemeinde nachstehendes Schreiben ein: „An den Vorstand der Synagogen-Gemeinde zu Ostrowo. Dem Vorstande der Synagogen-Gemeinde erlaube ich mir folgende Bitte ergebenst vorzutragen: Vor zwei Jahren starb hier der Kultusbeamte Isaak Oscher, ein Mann, der trotz seiner nur in Polen genossenen Ausbildung ein nicht unbedeutender Hebräer gewesen ist. Zuletzt bezog er ein Gehalt von monatlich 90 M. und die sehr unbedeutenden Schächtgebühren, weil die Judengemeinde hier sehr klein. Seine Wittwe lebt hier in sehr dürftigen Verhältnissen, weil von ihren neun Kindern keins im Stande ist, die Wittwe ansehnlich zu unterstützen. Da nun die hiesige Judengemeinde so klein ist, erlaube ich mir, für die Wittwe dieses braven Mannes und tüchtigen Hebräers sürbittend einzutreten und wende mich mit der Bitte um eine Unterstützung an die Synagogen-Gemeinde zu Ostrowo, indem ich mit gutem Gewissen die Frau Oscher einer Unterstützung für ebenso würdig als bedürftig erkläre. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst H. Koelling, Pastor primarius." Würden alle christlichen Geistlichen von gleicher Toleranz durchdrungen sein, dann würde jene „Schmach des Jahrhunderts" bald ihr Ende erreichen. * Elbing, 3. November. Heute Vormittag fand in der Synagoge eine Trauerfeier für den heinigegangenen Stadtverordnetenvorfteher Dr. Iacobi statt, an welcher sich außer den Angehörigen und Freunden die Mitglieder des Magistrats und des Stadtverordnetenkollegiums beinahe vollzählig betheiligten. Der Trauerrede legte Herr Rabbiner Dr. Silberstein die Worte zu Grunde: „Ein edler Name ist besser als köstlich duftend Oel." Daß der Name des Verstorbenen einen guten Klang besitze, das beweisen die vielfachen Kundgebungen anläßlich seines Hinscheidens. Er sei nicht von dem Vorurtheile befangen gewesen, daß Wissen, Ansehen und Bildung mit einer wahren Religion unvereinbar sei. Trotz großen Wissens und hohen Ansehens sei Dr. I. auch tief religiös gewesen. Daß die Mitbürger ihn wiederholt an ihre Spitze gestellt haben, beweist, daß in unserer Stadt das Gespenst des Rassenhasses noch keine Wurzel gefaßt habe. — In dem Trauerhause hielt an dem vollständig in Blumen bezw. Kränzen gebetteten Sarge Herr Justizrath Horn, stellvertretender Vorsitzender der Stadtverordneten, eine Gedächtnißrede, in welcher er noch einmal das Wirken des Verewigten im öffentlichen Leben würdigte. Dr. I. sei ein Sohn jener Zeit gewesen, in welcher die Jugend noch nach ibealcn Gütern strebte. Irr dieser Zeit habe er das Wiedererwachen Deutschlands erlebt und selbst auch lebhaften Antheil an den Ereignissen des Jahres 1848 genommen. Dr. I. sei in unsere Stadt gekommen, als die trüben Schatten der politischen Reaktion walteten. Nicht lange habe sich sein Geist mit den privaten Verhältnissen begnügt, er habe sich vielmehr in hohem Grade für das öffentliche Leben interessirt. Im Jahre 1804 sei er in die Stadtverordneten-Versammlung gewählt worden und habe sich hier bald durch seine selbstlose Thätigkeit allgemeine Anerkennung erworben. In seinen einflußreichen Stellungen als Referent der ersten Abtheilung, Mitglied der Schuldeputation, Stadtverordnetenvorfteher re. ist er — eingedenk der Eindrücke ans der Jugendzeit — stets dafür eingetreten, daß die Selbstständigkeit des Bürgerthums nach allen Richtungen hin gewahrt, die Entwickelung der Stadt gefördert und die Steuerkraft der Bürger geschont werde. Was ihm aber besonders die Liebe und Achtung seiner Mitbürger eingetragen, sei sein durch den Hauch des Humanismus verklärtes und durch die Wissenschaft vergeistigtes Wesen. Das sei es gewesen, was uns