Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- Seite 552 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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552 sachen und die treibenden Kräfte der Verfolgung und Vertreibung erfahren wir aus einem im Münchener Reichsarchiv bewahrten Fascikel des ehemaligen Plassenburger Archivs, „von der Vertreibung der Juden ans Jägerndorf und Leobschütz." In diesem Aktenband fand Dr. Neustadt u. A. auch vier Briefe, welche zwischen den jüdischen Gemeinden zu Oberglogau, Frankenstein, Oels und Kremsier in Diahren in dieser ''Angelegenheit gewechselt worden sind. Diese Briefe hatte bereits 1890 mit Erlaubniß des Verfassers auszugsweise Dr. I. Kraeauer - Frankfurt a. Ai. in der „Revue des etudes juives“ als Nachtrag zu seinem Aufsätze über den kaiserlichen Befehlshaber der Juden „Rabbi Joselmann von Rosheim" veröffentlicht: die vorliegende Abhandlung giebt zuerst den Text der Briefe, alsdann eine ausführliche Würdigung der Stellen und! eine genaue Datirnng, und erweist sich somit als eine dankenswerthe Arbeit zur Geschichte der Juden Schlesiens im 10. Jahrhundert. Berlin. Dr. S. Adler. ~ Das SJ l ovem der Heft der „ M o n a t s s eh r i f t für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" (Breslau 1893, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt) hat folgenden Inhalt: S. Kohn:! Samareitikon und Septuaginta < Schluß». — M. Steinschneider: Miscellen (Forts.) — L. Löwenstein: Jüdische und jüdisch-deutsche Lieder. — David Kaufmann: Eine Blutbeschuldigung um 1034 in Großpolen und Jakob b. Naftali aus Gnesen als Sendbote zum Papste nach Rom. — D. Simonsen: Notiz. d Spverhfaal. Geehrter Herr Doktor! j Ankniipfend an den in Nr. 43 der Allgemeinen Zeitung des Juden- - thums wiedergegebenen Vortrag des Herrn Justizrath Makower über i die Berliner jüdische Gemeinde bitte ich, folgenden Bemerkungen gütigst Aufnahme in Ihrem geschätzten Blatte zu gewähren. Weit davon entfernt, an den Worten eines so bedeutenden Mannes, j der sich bei verschiedenen Gelegenheiten auch als vortrefflicher Organi-? sator gezeigt hat, Kritik üben zu wollen, möchte ich doch der Ansicht einer Anzahl Laien aus preußischen Provinzialstädten Ausdruck geben,; warum die sowohl an Zahl, Intelligenz und Kapitalkraft so bedeutende; jüdische Gemeinde Berlins vorläufig nicht erwarten kann, diejenige! Führerrolle unter den jüdischen Gemeinden Deutschlands zu übernehmen, i welche andernfalls im Interesse der Gesammtheit der deutschen Juden; wohl wünschenswertst sein möchte.! In Uebereinstimmung mit dem hochgeehrten Herrn Justizrath ist; auch meine ^lnsicht, daß sich für die Berliner Gemeinde als größte und; eine der reichsten Deutschlands ein höherer Kreis von Pflichten, nicht! von Rechten ergiebt, und daß die verehrten Berliner Glaubensgenossen, vor! Allen die reichern, durch noch größere Opfer an Geld und Zeit und durch! rhatkräftigeres Eintreten für gemeinnützige Institutionen, namentlich! Wohlthätigkeitsanstalten auch außerhalb Berlins, den Beweis erbringen,! daß sie für Preußen, gleich den Juden Londons für England, fähig und j würdig sind, die Führerrolle zu übernehmen. » Was die Leitung in religiöser Beziehung sowie Einrichtung des! Gottesdienstes w. aubetrifst, jo müßte vor allen Dingen nicht nur von j ultra-orthodoxer Seite, sondern auch von der in Berlin vorherrschenden! liberalen Richtung die roeitgeöeubftc Toleranz geübt werden. Ob es uothwendig ist, in Berlin eine oder mehrere neue Lehr-; anstalten zur Heranbildung von Rabbinen, Predigern, Vorbetern und : Chorleitern zn begründen, vermag Schreiber dieses nicht zn beurtheilen. 'An jüdischen Seminaren zur Heranbildung von Lehrern, welche in kleineren Gemeinden zugleich als Vorbeter und Prediger fungiren, fehlt es nicht, wohl aber fehlen verschiedenen jüdischen Seminaren die nöthigen Geldmittel, in vollem Umfange ihre Aufgaben zu erfüllen.! In Hannover ist ein unter staatlicher Aufsicht stehendes Seminar, j dessen Leistungen, abgesehen von dem religiösen und hebräischen Unter- ' richt, denjenigen der christlicher! Seminare vollkommen gleich stehen. In; diesen: Seminar ist der obligatorische Unterricht in Gartenbau und Handfertigkeit eingefiihrt, Fächer, die für Kinder der auf dem Lande und j in kleinen Städten lebenden Glaubensgenossen von großer Wichtigkeit j sind. Der vor circa neun Jahren in Hannover gegründete Verein! zur Förderung des Gartenbaues und der Handfertigkeit in den jüdischen Volksschulen, welcher seinen in der Mitte der Stadt umnittelbar an das Seminar grenzenden Garten von ca. 2 Morgen zu diesem Zweck dem Seminar zur Verfügung stellt und die Lehrkosten trägt, hat die Aufgabe, diejenigen deutschen Gemeinden, in oder außerhalb der Provinz Hannover, welche in der Anstalt ausgebildete Lehrer anstellen, durch materielle Hilfe in den Stand zu setzen, den Kindern Unterricht in Gartenbau und Handfertigkeit zn ertheilen und zugleich den Lehrern Gelegenheit zu geben, durch rationellen Obstbau, Bienenzucht :c. ihre soziale Stellung und ihre Einnahmen wesentlich zu verbessern. Da dieser Verein durchaus keinen lokalen Charakter hat, sondern auch beabsichtigt, an anderen jüdischen Seminaren Deutschlands die nämlichen Unterrichtszweige einzuführen, sobald ihm nur die Mittel zur Verfügung stehen, so sollten auch außerhalb Hannovers lebende Glaubensgenossen denselben unterstützen. Der schon mehrfach in Ihren! geschätzten Blatte erwähnten israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover-Linden ist von verschiedenen angesehenen und einflußreichen dortigen Männern wirksamer Beistand in Aussicht gestellt, daß an einer Erfüllung der Versprechungen wohl nicht zu zweifeln ist. Hier handelt es sich um eine Anstalt, welche zu ihrem Gedeihen ein größeres Terrain erfordert, sodaß die Gründung eines ähnlichen Unternehmens in unmittelbarer Nähe Berlins der hohen Grundstückspreise wegen ausgeschlossen erscheint. Die Bestrebungen, welche in diesem Institut thatsächlich zum Ausdruck konnnen, sind in erster Linie geeignet zur Förderung des Kultursortschrittes unter den Juden. Hier sollen die Kinder so erzogen werden, wie Herr Justizrath Makower in seinem Vortrage es verlangt, so daß sie gut aussehen, denken, fühlen, sprechen und handeln. Vereinen und Gemeinden, welche diese Anstalt unterstützen, soll nach Maßgabe der Beiträge Einfluß auf die Leitung der Anstalt gesichert werden. Durch Unterstützung solcher Bestrebungen kann die Berliner- Gemeinde den Beweis erbringen, in wie weit sie berechtigt ist, eine leitende Stellung unter den Juden Deutschlands zu beanspruchen. Hannover, 12. November. A. W. Simon. U Geehrter Herr Redakteur! Im Interesse der heiligen Sache bitte ich Sie ergebenst, folgende Zeilen in einer Nunnner Ihres geschätzten Blattes gütigst aufnehmen zu wollen. Aus welchem Grunde unterlassen wohl die Herausgeber biblischer Geschichten die Darstellung der Propheten? Nicht ein einziger Bearbeiter der zahllos erschienenen biblischen Erzählungen nahm es sich zu Herzen, ein Bild von der Wirksamkeit der Propheten und eine Zusammenstellung ihrer wichtigsten Reden zu geben. Wohl giebt es jüdische Litteraturbücher, die in gelehrter Weise die prophetischen Reken behandeln, aber diese sind zum Theil sehr schwer für die Neligionsstunde zu verwerthen, weil sie einerseits zu viel Stoff enthalten, andererseits zu gelehrt sind. Sie sind auch nicht für die Religionsschule geschrieben. Es wäre aber doch von Denen, die biblische Schriften für die Jugend bearbeiten, zu erwarten, daß sie anstatt anzugeben, daß Ezechiel im Exile gelebt, lieber sagten, was er gelehrt habe. B. Sawitz. V Sehr geehrter Herr Redakteur! In Nr. 45 Ihres geschätzten Blattes wird die Behauptung der ostpreußischen Synode, daß die Vermehrung der Meineide durch die Eides - abnahme jüdischer Richter bewirkt wird, zu widerlegen gesucht. Der beste Prüfstein für diese Behauptung ist das Königreich Sachsen. Dort existirt bekanntlich kein einziger jüdischer Richter, und in diesem konservativen, streng kirchlich verwalteten Lande muß die Statistik relativ noch mehr Meineide Nachweisen, als in dem bösen, judendurchsetzten Berlin. Selbst der so stark verbreitete Antisemitismus schützt das „gemietliche" Ländchen nicht vor der steten Zunahme dieses Lasters. Zittau, 11. November. N. * Dru ckfe hlerberichtigung: In Nr. 45, Seite 532, Spalte 2, Zeile 22 statt Leihbibliotheken ist zu lesen: Bibliotheken; in Zeile 20 statt: „religiöse" ist zu lesen polizeiliche Anmeldepflicht. Druck und Verlag von Rudolf Mos je in Berlin. Verantwortlich für die RedaktionMar Bauchwitz in Berlin.