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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-17 · Heft 46 (17.11.1893) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
Seite 550 (sequence 12)
Language
German
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550 Bette ging und Raphael „gute Nacht" sagte, fügte sie mit einem dankbaren Blick gen oben die Worte hinzu: „Gelobt sei Gott, wieder ein Tag vorbei!" Ihr Mann, dem dies auffallend war, fragte sie: „Was thust Du die Zeit so wegwünschen?" Sie gab keine Antwort, und der Man» gewöhnte sich daran; allmälig gewöhnt man sich an Alles, und so hörte er jeden Abend aus dem Munde seiner Frau die unverständlichen Worte: „Gelobt ist Gott, wieder ein Tag vorbei!" Dem Sohne allein waren sie verständlich; er erkannte darin den ungeheuchelten Ausdruck der innigsten Mutterliebe. Dieser Frau war jeder entschwundene Tag ein großer Gewinn; denn in Wahrheit hatte sie sich in ihrer natürlichen Einfalt darauf gefaßt gemacht, dreihuudertlindsechzig Tage lang die gräßliche Todesangst mit ihrem Sohne anszustehen, nicht aber ohne jede Hoffnung im Busen zu nähren, welche stärker ist als selbst die Gefahr. So sah sie mit jedem schwindenden Tage einen Theil ihrer Hoffnung sich erfüllen, und dies erfüllte sie mit Trost und belebte lind stärkte ihre Zuversicht. Aber inan weiß ja, das; eine und dieselbe Ursache in ihren Wirkungen gar verschieden sein kann; es ist deshalb gar nicht zu verwundern, wenn derselbe Umstand, der der Mutter lindernden Balsam auf die verwundete Seele goß, das Gemüth des Sohnes nur mit größerer Unruhe und tieferem Schauder erfüllte. Ihr war jeder schwindende Tag ein Trost, ihm eine neue Quelle der Angst; sie sah die Gefahr sich verringern, er sah sie sich vergrößern; er verstand zwar nichts von Mathematik, also auch nichts von der Theorie der Wahrscheinlichkeitsrechnung; aber so viel brachte er auch ohne solche Kenntlich heraus, daß, je mehr der Tage schwinden, desto drohender müsse ihm jeder der noch folgenden erscheinen; da er die Hoffnung der Mutter nicht theilte, sondern seinen Tod im Laufe des Jahres als eine unumstößliche Gewißheit ansah, war seine Logik eine ganz richtige, der Mathematiker würde dafür den Ausdruck gebrauchen, die Wahrscheinlichkeit seines Todes ist eine Funktion, welche nach einem bestimmten Gesetze mit den schwindenden Tagen wächst und sich stets der Einheit nähert, welche sie am letzten Tage des Jahres erreicht, d. h. am letzten Tage ist der Tod gewiß. So sehen wir die Mutter immer mehr Hoffnung schöpfen, beim Sohne aber in demselben Maße die Todesgewißheit immer stärker werden. Er wlinderte sich jeden Abend, wenn er sich niederlegte, daß er noch da sei; zu seiner Mutter sagte er eines Abends: der „Malechhainowes" (Todesengel) läßt sich Zeit zu mir!" und die Mutter erwiederte: „Wirst Du sehen, es wird mit dem „Malechhamowes" so sein, wie mit Gawrieles „Janesch". Mir sagt es mein Herz." Er aber war solch' tröstlichem Zuspruche unzugänglich. Was nützt ihm diese liebevolle Selbsttäuschung, diese freundliche Fopperei, wie man die kleinen Kinder danrit fangen kann? hatte er doch „Scheinerabbe" in der Nacht seinen Schatten ohne Kopf gesehen! Was gäb' es dagegen sür Hilfe, was für Trost! Was unabänderlich ist, das ist unabänderlich, und der schwache Mensch vermag nicht gegen den Himmel sich aufzulehnen. Bei diesem Gedankeugange sah Raphael nicht nur in jedem Ereignisse, das im Laufe der Zeit eintraf, so unscheinbar oder so wichtig es sein mochte, immer nur eine Beziehung auf sich — d. h. den direkten Todesboten, sondern jede Bewegung, die er machte, schreckte ihn auf, jeder Schritt, ben ec that, führte ihn seiner Meinung nach direkt ins Grab. Wen» er aus dem Hause trat, so war auf dem Dache sicher schon eine Ziegel in Bereitschaft, herunter zu fallen und ihn zu erschlagen; wenn er über die Brücke ging, so war es gewiß, daß dieselbe unter ih:n brechen und er ins Wasser fallen und ertrinken werde; wenn er ein paar Ochsen treiben sah, dann war es doch gar kein Zweifel mehr, daß einer derselben ihn auf die Hörner packen und in die Luft schleudern werde; sah er beim Spaziergange von Ferne eine menschliche Gestalt herannahen, so konnte dies kein Anderer, als just ei» Mörder sein, der ihm hier sein Garaus machen werde; zündete er ein Licht an, so war es ihm ausgemacht, daß seine Kleider dabei Feuer fangen und er verbrennen werde; kurz, Alles und Jedes hatte Bedeutung für ihn, aber nur die eine, unveränderliche, daß es bestimmt sei, seinen Tod herbeizuführen. Hatte er sich dann doch geirrt, hatte er eingesehen, daß seine Furcht eine grundlose gewesen, daß die Dachziegel fest sitzen, und die Brücke sein Gewicht aushiclt, daß die Ochsen ruhig ihren Weg gingen — was sie ja in der Regel thun — und daß der vermeintliche Mörder ein ganz harmloser Drahtenbinder war, ebenso, daß er am ganzen Körper noch nicht einmal eine einzige Brandwunde habe und dergl. mehr, so war dies Alles nur geeignet, ihm den Beweis zu liefern, daß sich der Todesengel mit ihm einen Braten machen und ein Spiel treiben wolle, wie die Katze mit der Maus. „Er läßt mich zappeln," dachte Raphael, „weil er ja weiß, daß ich ihm nicht verloren gehe. Was braucht er sich zu beeilen?!" So strich die Zeit traurig hin. Als „Chanukah" kam, und er die Lichter anzündete, sagte er zu der Mutter: „Heuer zünd' ich zum letzten Mal Chanukahlichter an." Die Mutter erwiederte: „Du wirst sehen, Du wirst sie über's Jahr auch noch anzünden. Mein Herz sagt mir's!" Es kam „Purim", das Fest der Loose. Raphael sagte zu seiner Mutter: „Dies Jahr hör' ich zum letzten Mal die „Megille leinen". Die Mutter erwiederte: „Du wirst sehen, mein Kind, Du wirst es über's Jahr auch noch höre». Mein Herz sagt mir's!" Es kam „Peßach", das Uebecschreitungsfest. Ein trauriger Winter war verlebt. Ein neues Frühlingshoffen keimte allenthalben empor. Die junge Sonne hatte die winterliche Eisdecke geschmolzen, und die Herzen der Menschen thaten sich auf zu neuer Fröhlichkeit. Raphael blieb in seinem Bann. „Ich werde dies Jahr zum letzten Mal „Mazes" (ungesäuerte Brode) essen," sagte er zu seiner Mutter. Die Mutter aber entgegnete hoffnungsvoll: „Wirst Du sehen, mein Kind-Leben, Du wirst sie über's Jahr auch noch effen. Mir sagt es mein Herz." Die Zeit steht nicht still, sie rückt weiter, unbekümmert um die Wünsche und Hoffnungen, um Furcht und andere thörichte Dinge der Menschen. Sie verspätet sich nicht. Es kam das lieblichste Fest im ganzen Jahre: „Schwuoth", das Pfingstfest, die Zeit, da Gott dem Volke Israel das große Geschenk gemacht hat, wofür es ihm heut noch dankbar ist; der Tag, an dem es die Lehre empfangen, die ihm eine Leuchte bleibt für alle Zeiten. Die Häuser prangen alle im bräutlichen Schmucke. Die Natur muß ihren Beitrag liefern, >venn sich die Menschen freuen. «Schluß folgt.) Aus dem Leben der Lady Judith Montesisre. Es verlohnt sich wohl der Mühe, das Andenken an diese edle Frau wieder einmal wach zu rufen. Ist sie doch geeignet, so recht das Vorbild für alle Frauen Israels zu sein. Mit allen Tugenden des Weibes ausgestaltet, befaß sie noch den unschätzbaren Vorzug, eine echte Jüdin zu sein, die ihr Jndenthum nie verleugnete und sich ihrer Stammesabkunft auch nicht im Verkehr mit den allerhöchsten Herrschaften schämte. Im Gegentheil hat sie ihr ganzes Leben hindurch eine große Anhänglichkeit für die Religion und die erhabene Ge-

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