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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-17 · Heft 46 (17.11.1893) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
Seite 548 (sequence 10)
Language
German
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548 sie ihn. „Ich will baden gehen," antwortete er ihnen lächelnd. „Und das nennst Du ein wohlthätig Werk?" frugen die Jünger erstaunt. „Gewiß," antwortete er ihnen, „ist die Reinhaltung des Körpers ein gutes Werk. — Wie die Königsbilder im Theater und Cirkus von dem Ausseher dieser Häuser reiugehalten und sorgfältig abgespült werden müssen, so ist auch das Baden des Körpers eine Pflicht fiir den Menschen, der im Ebenbilde des Königs aller Könige geschaffen ist."-") Nicht selten pflegte er sich bei seinen Schülern, als er sich von ihnen trennte, auch damit zu entschuldigen, indem er ihnen sagte, das; er nach Hause eilen müffe, um einen theuern Gast zu bewirthen. „Wie, Rabbi!" frugen sie ihn eines Tages, „hast Dn denn alle Tage Gäste, daß Du alle Tage dasselbe sagst?" „Ja," antwortete ihnen der sanfte Hillel, „ich habe täglich einen lieben, theuern Gast, den ich mit dem Besten, was ich habe, bcwirthe: Es ist meine Seele, die Gott nur gegeben und für deren Erhaltung und Pflege ich , sorgen muß?")" Vor Gott wandelte er in tiefster Demuth, und sein Vertrauen auf ihn war felsenfest. Er lobte Gott für seine Gaben alle Tage und sorgte nicht für den nächsten Tag, weil er mit Bestimmtheit Gottes Beistand täglich erwartete/") Wenn er des Weges kommend, Geschrei in der Stadt vernahm, drückte er mit den Worten des Psalmisten: „Schreckliche Gerüchte hörte er und fürchtete sich nicht, weil sein Herz unverzagt ans den Ewigen hoffte (Psalm 112, 7)" seine Zuversicht aus, daß jeues nicht von seinem Hause herrühre?-) — Und in demselben Maße, wie er auf Gott vertraute, fürchtete er ihn auch, und zwar aus reiner, hingebender Liebe. Seine Freude an Gott war stets von einer heiligen Scheu begleitet^). Wenn er von dem Liebesbund Gottes mit Israel sprach, bediente er sich folgenden Satzes: „Meine Füße führen mich an den Ort, den mein Herz liebt. Kommst du in mein Haus, spricht der Ewige, so komme ich in das deine; meidest dn aber mein Hans, so meide ich auch das deine?») Als er einst einen Schädel auf dem Wasser schwimmend beinerkte, pries er Gottes gerechte Vergeltung und sprach: „Weil du ersäuft hast, hat man auch dich ersäuft, und das Ende derer, die dich ersäuft, wird sein, daß auch sie ertrinken werden."33) Es ist nicht unwahrscheinlich, daß ihm diese Worte entfahren waren, als er über die Mordthaten des Herodes nachgedacht hatte. — Er bemühte sich auch, seinen Zeitgenossen strenges Pflichtbewußtsein gegen sich und Andere beizubcingen. „Wenn ich nicht für mich bin, lehrt er, wer ist für mich? und bin ich nur für mich, was bin ich?3") Sprich nicht, wenn ich in freier Muße bin, will ich lernen, denn vielleicht kommst dn nie zu freier Muße?») Er ging in den Fußtapfen seiner Lehrer, welche strenge Vorsicht im Reden aneiupsahlen, und hatte stets das Wort im Munde: „Sei von den Jüngern Arons, friedliebeud und nach Friede» strebend, die Menschen liebend und sie hinführend zur Gotteslehre?8) Er war aber auch kein Freund von übertriebener Frömmigkeit3") und lehrte seine Jünger, von den Sitten und Gebräuchen ihrer Mitmenschen nicht abzuweichen?") Obwohl er nicht minder als sein Freund und Gegner Schamai die Wahrheitsliebe über Alles stellte, so lehrte er doch, daß es Fülle gäbe, wo der Mensch von der Strenge der absoluten Wahrheit abgehen dürfe, ohne daß man ihm deswegen etwas zur Last legen könne. Es kam nämlich einst im Lehrhause die Rede auf die Lieder, die man zu verfassen und singen Pflegte, um die Braut an ihrem Hochzeitstage 2») Lcviticus Rabba 34. 3U) iLLd. 31j Beza Kia. :a) Berachoth 30 a. 83) Jer. Sukka 5, 4. 3») Sukka 53 a. 35) Aboth 2, <3. 3,i) ibid. 1, 14. 37) ibid. 2, 4. ibid. 1,12. Aboth d. R. Nathan c. 12. »») Tosifta Berachoth c. 2. zu feiern, und auf das Maß der Lobeserhebungen, die in solchen Liedern der Braut ectheilt zu werden pflegten. Schamai, fest in seinem System der absoluten Wahrheit, erklärte strengen Tones: „Man schildere sic, wie sie ist, und lege ihr keine anderen Vorzüge bei, als die sie wirklich besitze." Hillel dagegen meinte: „Es sei höchst unpassend, bei einer so freudigen Gelegenheit Fehler zu erwähnen, die die Freude verbittern und die Braut beschämen könnten. Man sage daher, daß sie schön und anmuthig sei." Es wäre doch aber eine Lüge sondergleichen, wendete Schamai ein, wenn man eine lahme oder blinde Braut als schön und anmuthig Preisen würde. Nein, wir müffen uns stets nach den Worten der Schrift richten, die uns ausdrücklich befiehlt: „Bon einem falschen Ausspruch halte dich fern". (Exodus 23, 7.) Wie aber, erwiederte Hillel, wenn ein Freund von uns, der einen schlechten Kauf gemacht, sich einer süßen Täuschung hingcbend, mit dem gekauften Gegenstand sich freut und seine glückliche Zufriedenheit mit demselben aller Welt zeigt. Würden wir darüber lachen? würden wir über seinen erworbenen Besitz spotten? Ganz so verhält es sich hier. Wenn der arme Bräutigam sich in seiner Wahl getäuscht hat, aber in seiner Blindheit mit derselben glücklich und zufrieden ist, so dürfen wir nicht mit einer strengen Kritik kommen und in seinen Freudenbecher Wermuth Hineinthun.") Auch für die sozialen Verhältnisse seines Volkes hatte Hillel ein offenes Auge und war bemüht, so manchem Hebel durch eine zeitgemäße Reform abzuhelfen. Nach dem Gesetz bekanntlich entbindet das Ablaßjahr von allen Schulden. Diese Vorschrift hatte aber zur Folge, daß die Reichen trotz der Vorschrift, Arme durch Darlehen zu unterstützen, den Armen nichts leihen wollten. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, führte Hillel das „Prosbul" ein, eine gerichtliche Prodezur, die dem Gläubiger das Recht einräumt, sein Guthaben zu jeder Zeit einfordern zu dürfen.") Eine zweite nicht minder wichtige Reform betraf die Einlösung eines verkauften Hauses in einer mit einer Mauer umringten Stadt. Nach der heiligen Schrift durfte der Verkauf das ganze Jahr hindurch mittelst Rückgabe des Geldes rückgängig gemacht werden. Damit aber der Besitzer dies durch Abwesenheit am Ende des Jahres nicht verhindern könne, traf Hillel die Einrichtung, daß der Verkäufer, wenn der Käufer am Ende des Jahres abwesend war, das znrückzuzahlende Geld dem Tempelschatzmeister einhändigen durfte, um nachher durch Gerichtszwang in den Besitz seines Hauses gelangen zu können?3) Kein Wunder, daß er die Krone seines Geschlechtes war und daß selbst Herodes sich endlich in Ehrfurcht vor ihm beugte. Auch sein Bruder Schebua suchte sich nun Hillel zu nähern und sprach zu ihm: „Ich gebe Dir die Hälfte meines erworbenen Reichthums und gieb Du mir dafür die Hälfte Deines Dich erwartenden Lohnes"?») Ob Hillel auf den Vorschlag seines Bruders eingegange» war, wird nicht berichtet; es >vird nur nütgetheilt, daß eine Stimme vom Himmel gehört wurde, die da rief: „Gäbe ein Mann seines Hauses ganzes Gut um Liebe — man würde ihn nur verachten."»') Hillel erreichte ein Alter von 120 Jahren.»") An seiner Bahre weinte ganz Israel, wie um einen geliebten Vater, und rief wehklagend: „Dahin ist der Fromme, dahin der Bescheidene, dahin der Jünger des Schriftgelehrten Esra."»») Weder der Geburtsnoch der Todestag dieses Geisteshelden ist uns bekannt, ja nicht einmal der Ort, wo sein Grab sich befindet, läßt sich mit Bestimmtheit bezeichnen. Doch darf uns dies nicht trüben; denn sein Name blieb für alle Zeiten dem Leben erhalten. Seine Lehren sind, zum Lobe »») Kethuboth 17a. »2) Schebit 10, 3 u. 4. »3)Archin31b. »») Sota 21 a. »■'>) ibid. »") Seder Hadoroth. »0 Sota 48 b.

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