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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-17 · Heft 46 (17.11.1893) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
Seite 547 (sequence 9)
Language
German
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Ueber den Elfteren berichtet eine Sage, daß, als er seinen Prophetentargum veröffentlichte, das Land Israel in seine» Grundvesten erbebte und eine Stimme sich vernehmen ließ: „Wer ist es, der meine Geheimnisse den Staubgeborenen enthüllte",") und von dem Letztem heißt es, daß er selbst gesagt hätte: „Wenn alle Hiinmel Pergamente, alle Bäume Schreibröhre und alle Meere Tinte wären, so würde dies nicht genügen, um mein Wissen zu verzeichnen, das ich von meinem Lehrer gelernt, und dennoch habe ich der Wiffenschaft nicht mehr abgewonnen, als eine Fliege, die in das Meer taucht?8) Hillel war sichtlich bemüht, die ihm angeborene Liebe zu der Universalwissenschaft auch auf seine Jünger zu übertragen?") was ihm wie selten Jemandem vor und nach ihm auch gelungen ist. Obwohl Hillel nun der geistige Führer der Juden geworden war und infolge seiner friedlichen Gesinnung auch der Gunst des Herodes sich zu erfreuen hatte,") so verließen ihn doch seine Bescheidenheit und Gutmüthigkeit nicht. Seine Devise lautete: „Sondere dich nicht von der Gesammtheit ab, glaube nicht an dich selbst bis zu deinem Todestag und brich nicht den Stab über Jemanden bis du selbst in seine Lage gekommen bist"?") Als er einem eines Tages von ihm bewirtheten heruntergekommenen Armen, der früher die Gewohnheit hatte, täglich beim Ausreiten einen Sklaven sich voran laufen zu lassen, keinen Sklaven zu diesem Zwecke zur Verfügung stellen konnte, lief er selbst dem verwöhnten Gaste eine Strecke Weges als Sklave voran?") Und nicht minder als bescheiden und gutmttthig lvar er auch nachsichtig gegen Jedermann. Zu Schamai, der mit Hillel wegen seiner Schriftauslegnng und liberalen Lebensanschaunng in Streit lebte, kam einst ein Heide und frag ihn: „Wie viel Lehren besitzt Ihr?" Schamai erwiederte: „Wir besitzen zwei Lehren, eine schriftliche und eine mündliche." Da sagte der Heide: „An die schriftliche Lehre glaube ich, nicht aber auch an die mündliche. Nimm mich in den Schooß des Judenthums unter der Bedingung auf, daß ich nur die Satzungen der schriftlichen Lehre beobachte." Da wies ihn Schamai barsch ab. Er kam nun zu Hillel und trug auch ihm sein Anliegen vor. Hillel willfahrte seinem Wunsch und unterwies ihn in der schriftlichen Lehre so lange, bis der Heide selbst zu der Ueberzeugung kam, daß die mündliche Tradition nichts weiter als eine Erklärung der schriftlichen Lehre sei, ohne welche diese nicht zu erfassen ist.") Als Schamai einen Heiden abwies, weil er das Judenthnm in einem Zeitraum, so lange er auf einem Fuße würde stehen können, erlernen wollte, sagte Hillel, als Jener mit demselben Vorschlag sich an ihn gewandt hatte: „Was dir unangenehm ist, füge auch deinem Nächsten nicht zu. Das ist die Grundstufe, auf der das Judenthum basirt, alles klebrige ist nur ein Kommentar." 18) Ebenso unterrichtete er einen von Schamai fortgetriebenen Heiden, der Jude werden wollte, um dereinst Hohepriester werden zu können, und bemühte sich, ihm die Pforten des Judenthums zu erschließen. Als er ihm den Vers erläuterte: „Der Fremde, der sich dem heiligen Dienste naht, soll getödtet werden," frug der Heide, „gegen wen diese Warnung erlaffen sei." Hillel erwiederte, selbst gegen den König David. Da sagte sich der Heide, wenn selbst ein Israelit, der nicht dem Stamm Levi angehört, die Priesterwürde nicht erlangen kann, um wieviel weniger erst ich, der ich mich erst seit Kurzem dem Hanse Jacobs angeschlossen habe?") i°) Sukka 25b. ll) Megilla Sa. 12) Sofrim 16, 8. 13) Baba Batra 139 a. ,4) Seder Hadoroth. 15) Aboth 2, 4. 16) Kethuboth 67, 6. ") Sabbath 31 a. 18) ibid. 19) ibid. Als die drei Proselyten einst zusammentrafen, sagten sie: Schamais Jähzorn vertrieb uns aus der Nähe Gottes, während Hillels sanftmüthige Einsicht uns der Erkenntniß und den göttlichen Wissenschaften zngeführt hat?°) Hillels Streben ging auch hauptsächlich dahin, überall unter Juden wie unter Heiden Licht und Wiffen zn verbreiten. Wer sein Wissen nicht zu bereichern sucht, lautet ein Ausspruch von ihni, der nimmt in seinem Wiffen ab2'), und wer nicht lernt, der ist todeswürdig?8) Wissen und Erkenntniß nur führen den Menschen zu einem frommen, sittlichen Lebenswandel. Der Geistesleere aber, sagte er, kann nicht Furcht vor der Sünde haben, und der Unwissende kann nicht fromm sein?8) Will Jemand seine Nächsten belehren und ihnen Wissen und Erkenntniß erschließen, so ist es nöthig, daß er in Güte und Milde mit ihnen verfahre. Der Zornmüthige aber, sprach er, kann nicht lehren?'') Wohl ist es Pflicht eines jeden Menschen, sich bescheiden zu verhalten und sich nicht hervorzudrängen; allein, wo es keine Männer giebt, da rieth Hillel, bestrebe dich ein Mann zu sein?") Noch mehr aber als durch seine Lehren wirkte Hillel versittlichend ans den Geist seiner Zeitgenossen durch sein Leben, das auch uns als Muster und Beispiel dienen kann. Nur einige Züge aus seinem Leben will ich hier rühmend hervorheben. Es wettete Jemand mit seinem Freunde auf vierhundert Sns, daß es ihm gelingen werde, Hillel zu erzürnen. Er wählte dazu einen Freitag Nachmittag, wo er wußte, daß Hillel zum Empfang der Königin Sabbath sich vorbereitete. Er ging an Hillels Wohnung vorüber und rief durch das Fenster hinein: „Wohnt hier Hillel?" Der Gerufene kam heraus und frug: „Was wünschest Du, mein Sohn?" „Rabbi!" sprach er, „ich möchte eine Frage an Dich richten." „Bitte, mein Sohn," erwiederte Hillel, „frag mir." Da sagt der Mann, „warum haben die Babylonier runde Köpfe?" „Das liegt daran," antwortete Hillel, „daß sie keine vernünftige Hebeamme haben."2") Nach einer Stunde kam der Mann wieder und rief: „Ist Hillel zn Hause?" Hillel ging ihm entgegen und frag ihn nach seinem Begehr. „Rabbi!" sagte er, „ich möchte gern wissen, warum die Tarumdiner trübe Augen haben?" „Das kommt daher," erwiederte Hillel, „weil sie in einer sandigen Gegend wohnen."8'') Nach einer Stunde rief er wieder Hillel heraus und frug ihn, „warum die Afrikaner breite Fußballen haben." „Mein Sohn," antwortete ihm der gute Hillel, „die Frage ist nicht zu unterschätzen, ich aber kann sie nur dahin beantworten, daß dies daher kommt, weil sie in feuchten, wasserreichen Gegenden wohnen und barfuß gehen." Da sagte der Manu: „Rabbi! Ich hätte noch viele Fragen an Dich zu richten, fürchtete ich nicht, Deine Geduld auf eine zrl harte Probe zu stellen." Hillel ermunterte ihn, seine Fragen vorzutragen. Da sagte der Mann: „Bist Du jener Hillel, der ein Nässt in Israel genannt wird?" Hillel bejahte. „Wenn Du es ja bist," sprach der Fremde, „so wünsche ich nicht, daß viele Deinesgleichen in Israel entstehen." Hillel sah ihn erstaunt an und sprach: „Was veranlaßt Dich zu solcher Rede?" . . . „Ich habe durch Dich," seufzte der Maiin, „weil ich Dich nicht erzürnen konnte, vierhundert Sus verloren." Da sagte Hillel: „Mäßige Dich nur, mein Freund, und sei froh, daß Du nur vierhundert verloren hast, denn Hillel's Langmuth hätte Dir noch das Doppelte ausbringen können."88) Hillel hatte die Gewohnheit, seine Jünger, so oft diese das Lehrhans verließen, eine Strecke Weges zu begleiten. Als er sich einst schneller als sonst von ihnen verabschiedet hatte, frugen sie ihn, warum er es denn so eilig habe? Hillel erwiederte, er ivolle ein wohlthätiges Werk ausüben gehen. „Und was für ein wohlthätiges Werk ist das?" frugen ibid. 8') Aboth 1,13. 88) ibid. 28) ibid 2, 5. 24) ibid. 25) ibid. 2«) Sabbath 31a. 27) ibid. 28) ibid.

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