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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-17 · Heft 46 (17.11.1893) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
Seite 546 (sequence 8)
Language
German
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546 Juden, sowohl Gäste wie auch die dort schon lange wohnenden, müssen schnell den Platz räumen." In Saratow wäre beinahe eine neue Blutmäre entstanden. Es verbreitete sich plötzlich die Nachricht, die Inden hätten auf offener Straße einen kleinen Knaben aus den Armen eines Mädchens entrissen. Der rohe Pöbel versammelte sich schnell nm die jüdischen Häuser mit dem Rufe: „Nieder mit den Inden!", und eine kurze Zeit schwebten die Inden in großer Gefahr. Dank den Bemühungen der Polizei wurde aber bald entdeckt, daß der Vater des Kindes dasselbe aus den Armen des Mädchens genommen hat. Durch die Verbannung der Juden aus Balum gerieth der Handel dort in vollständige Stockung. Mehrere russische Kaufleute beabsichtigen, laut dem „Nedelnoje Obosrenie", nächstens die Stadt zu verlassen. I z. B a r s e l. U Sillels Leben und Wirken. Von Albert Katz. Nur kurze Zeit hatte» die Inden der von den Makkabäern errungenen Freiheit und Selbständigkeit sich zu erfreuen. Die Tyrannenherrschaft Aristobuls war der erste Riß in der Mauer des jüdischen Staatslebens, die religiösen Zwistigkeiten aber und besonders die Sektirer, die sich bemerkbar zu machen anfinge», lähmten nach und nach die Kraft des Volkes und brachten das Vaterland dermaßen in Verfall, daß es später eine leichte Beute für die Römer wurde. Doch weit mehr als der politischen Selbständigkeit der Juden drohte die Vernichtnngsgefahr ihrer Lehre. War es den ersten Makkabäern gelungen, der Lehre der Väter im Volke festen Boden zu verschaffen, so war zur Zeit ihrer Nachkommen die Auslegung des Gesetzes der Zankapfel der Parteien geworden, die in der Periode der Dynastie Herodes gänzlich in Vergessenheit gerathen, wenn nicht die Vorsehung schon früher einen Mann berufen Hütte, sie dem Grabe der Vergessenheit zu entreißen. Dieser Auserkorene, vor dessen uns überlieferten Lebensanschauungen auch die zivilistrte Menschheit in Ehrfurcht sich beugt, hieß Hillel und wurde auf fremdem Boden in Babylon, ungefähr 160 Jahre vor Zerstörung des zweiten Tempels geboren?) Er stammte von Seiten seines Vaters von dem Stamme Benjamin, während seine Mutter dem Stamme Inda in direkter Linie bis zum König David entsproß?) Scho» in der frühesten Jugend widmete sich Hillel der Erforschung der Lehre, und ließ den Vorschlag seines Bruders Schebua, gemeinschastlich mit ihm einen Handel zu betreibeil, unberücksichtigt?) Darüber entrüstet, zog der Bruder sich von ihm gänzlich zurück und überließ ihn seinem Schicksal. Dies hinderte jedoch Hillel nicht, seinen Vorsätzen treu zu bleiben. Als er in der Heimath seinen Wissensdurst nicht mehr stillen konnte, ging er nach Jerusalem, um die Vorlesungen der berühmten Lehrer Schemaja und Abtalion zu hören. Aller Mittel entblößt, ohne Freunde und Bekannte, zu stolz, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und getreu seinem Grundsatz: Wer seinen Namen iveit zu verbreiten sucht, verliert seinen Namen, und lver sich der Krone der Gelehrsamkeit bedient, schwindet hin?) sah er in der Residenz seiner Ahnen sich genöthigt, die härtesten Arbeiten zu verrichten, nm sich wenigstens kümmerlich ernähren zu könne». Wie traurig seine Lage aber auch war, er murrte nicht gegen Gottes Weltregierung und zahlte von seinem kärglichen Einkonnnen noch an den Pförtner des Lehrhauses das übliche tägliche st Sukka 20». -) Jeruschalmi, Kilciim. Kap. 9. st Sofa 21a. st Aboth I. 13. Eintrittsgeld. Als er eines Tages ohne jeglichen Verdienst blieb und nicht in der Lage war, gegen Bezahlung in das Lehrhans zu kommen, bestieg er das Dach des Lehrhauses, nm durch das nach damaliger Bauart oben liegende Fenster den Vorträgen zu lauschen. Die unten vorgetragenen Lehren nahmen aber seine Sinne dermaßen gefangen, daß er nicht merkte, wie der vom Himmel herabwirbelnde Schnee drei Ellen hoch über ihm gefallen war. Als die Lehrer am Morgen — wie aus dem Nachstehenden hervorgeht, scheint es an einem Sabbath gewesen zu sein — die außerordentliche Dunkelheil ini Lehrhause gewahrten und bald darauf durch das Fenster die Gestalt eines regungslos liegenden Menschen erblickten, befahlen sie. den eigenthümlichen Jünger ins Lehrhaus zu bringen, und gaben sich die größte Mühe, seinen vor Kälte fast erstarrten Körper wieder zu beleben. Wie groß aber war ihr Erstaunen, als sie in dem Wiederbelebten den bescheidenen Hillel erkannten. Tief gerührt, riefen sie einander zu: „Wie kein Zweiter sobald, ist dieser würdig, daß man seinetwegen den Sabbath entweiht.st" Der Eifer, der ihn für die Popularisirung der Nationallitteratur. für die Erforschung der Gotteslehre beseelte, hielt ihn indeß nich! ab, sich auch dem Studium der Sprachen und Wiffenschaften anderer Völker zu widmen, sowie der leblosen Welt, den Pflanzen, Thieren und Geistern ihre dem gewöhnlichen Menschen unverständliche Rede weise abzulauschen?) Bald aber wurde der Himmel Israels durch di Grausamkeit seines Königs Herodes, der, um den Römern Beweis« seiner Anhänglichkeit und Treue zu liefern, die Besten und Edelster« des Volkes, die sich gegen die von ihm eingeführten römischen Sitter und Gebräuche widersetzten, dem Tode geweiht hatte, schwarz umwölkt, und Israels Weisen sahen sich genöthigt, den Ort ihrer Thä tigkeit, Jerusalem, zu fliehen. Unter den Flüchtlingen befand fick vermuthlich auch Hillel, der wiederum sein Geburtsland, Babylon aufsuchte?) von wo er erst, nachdem die Gemüther sich beruhig« hatten, zu einem Peßachfeste eine Wallfahrt nach Jerusalem unter nahm, und, wie es scheint, n»m dort für immer seine Wohnung nahm. Während seiner Abwesenheit hatte sich aber in Jerusalem Vieles geändert. Schemaja und Abtalion waren den Weg alle- Fleisches gegangen und an ihre Stelle waren die Bene Bathyra an di Spitze des Synedriums getreten. Die Schreckensherrschaft Herodes', dessen furchtbare Grausamkeiten man seiner semitischen Abstammung zuschrieb, hatte zur Folge, das in den Gelehrtenkreisen Jerusalems eine feindliche Strömung gegen alles Fremdartige sich bemerkbar machte. Hillel, der ein Jünger der Proselyten-Abkömmlinge Schemaja und Abtalion war, konnte wahr scheinlich dadurch, vielleicht aber auch, weil es nicht in seiner Natur lag, di« Aufmerksamkeit Anderer auf sich zn lenken, in der ersten Zeit nicht zu de: ihm gebührenden Anerkennung gelangen. Ein günstiger Zufall nur war es, der ihm dazu verhalf, einen Lehrstuhl in Israel zu erreichen. Als nämlich die Bene Bathyra nicht genau das Gesetz wußten, ob, wenn de: Rüsttag des Peßachfestes auf einen Sabbath fällt, die Darbringung de: Peßachopfers zulässig sei oder nicht, wurden sie aus der Reihe ihre« Jünger auf Hillel aufmerksam gemacht, der mit Stolz auf fein« Lehrer sich beziehend, ihnen schlagende Beweise lieferte, daß de: Sabbath für die Darbringung des Peßachopfers kein Hindernis bietet?) Die Bene Bathyra, die seine geistige Ueberlegenheit eiusaheu ernannten ihn nun zu ihrem geistigen Führer?) und bald sammelt« sich um ihn ein Kreis von achtzig Jüngern, von denen dreißig di« „Stufe Moses, dreißig die Stufe des Josua be» Nun erreichten", während die übrigen zwanzig zu den hervorragendsten Männern jene: 5) Joma 35, b. 6) Sofrim 16, 9. 7) Weiß, Zur Geschichte de: jüdischen Tradition Bd. I. S. 168. 8) Pesachim 66a. 9) ibid.

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