Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- Seite 545 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- Kutno 1× ep/1047994
- Talne 1× ep/1981432
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Die Verlustliste stellt sich also: Es gingen dem deutschen Judenthum verloren: durch Taufen iu° evangelischen Kirche circa 1000 Seelen, desgleichen zur katholischen tirche circa 500, durch Austritt zu den Dissidenten circa 500, durch Verlust bei den Mischehen 1250, durch Auswanderung circa 27,750, usammen circa 31,000 Seelen. Diese stete Auswanderung der Juden, die in der zweiten Hälfte oer 70er Jahre beginnt, findet ihre Erklärung erstens in der allgemeinen sozialen Lage. In Folge des Niederganges der geschäftlichen Verhältnisse stieg die Auswanderung im Allgemeinen, und besonders wr Handel litt; so waren auch, wie die amtliche Statistik bestätigt, besonders viele Handeltreibende und Handelsgehilfen unter den Auswandernden. Die Juden bilden aber einen höheren Prozentsatz :mter den Handeltreibenden als unter der gesummten Bevölkerung, und schon deshalb muß ihre Auswanderung stärker sein als der Durchschnitt. Nicht zu verkennen ist aber auch, daß der Antisemitismus durch seine Verhetzung die Verhältnisse so manches jüdischen Kaufmanns und Handwerkers in den Provinzialstädten unhaltbar uiachte und die Betroffenen zur Auswanderung zwang. Die Bedeutung dieses Faktors ist zwar nicht mit Zahlen zu messen, aber sicher nicht gering zu schätzen. Die obigen Zahlen bezogen sich auf Preußen allein, im übrigen Reich ist die jüdische Einigration noch stärker. Von 1881—1890 stieg die jüdische Bevölkerung im außerpreußischen Deutschland nicht nur nicht, sondern verminderte sich um 1997 Seelen. Da man die Verhältnisse im Wesentlichen als analog den preußischen betrachten kann, so hat man die Gesammtauswanderung der deutschen Juden auf rund 46,000 Seelen zu schätzen in einem Jahrzehnt. Da die Auswanderer ferner meist in dem Alter oder kurz vor demselben stehen, in dem sie sich in normalen Verhültnisseit verheirathen würden, so bedingt ein solcher Verlust der kräftigsten Elemente auch eine allmälige Abnahme der Ehen, der Geburten und damit der natürlichen Bevölkerungszunahme. Um mich zu resumiren: Die deutsche Judenheit hat den Andersgläubigen gegenüber in den Jahren 1881—90 fast ihre gesammte natürliche und durch Eintvanderung entstandene Bevölkerungszunahme durch Auswanderung verloren und so den Andersgläubigen gegenüber einen prozentualen bedeutenden Rückgang erlitten. Briese aus Nußland. VII. Schon mehrmals wurde den Jude» bei uns von den Antisemiten vorgeworfen, als fürchteten sie schwere und anstrengende Arbeit. Wie falsch aber eine solche Behauptung ist, können wir gleich einsehen, wenn wir die Kolonien in den verschiedenen Gegenden Rußlands, die unsere Glaubensgenossen angelegt haben, und die enorme Zahl der jüdischen Handwerker aller Art betrachten. Jedoch darüber wollen wir nächstens ausführlich sprechen; in diesein Briefe wollen wir nur auf einige Thatsachen Hinweisen, welche zugleich vom jüdischen Fleiße Zeugniß oblegen können. Graf Schuwalow aus Talne, Gouv. Kiew, der durch seine Humanität überall bekannt ist. verordnete unlängst, daß auch Juden zur Arbeit auf seine Güter herangezogen werden sollen. „Es ist eine Freude zu sehen," so schreibt ein Korrespondent dem „Hameliz" in Petersburg, „wie 600 Juden, darunter Frauen lind Kinder, täglich ihre Beschäftigung mit frohem Math lind großem Fleiße aufnehmen." Gras Schuwalow besuchte selbst ganz unerwartet die jüdischen Arbeiter auf den Feldern und hatte hier Gelegenheit, sich persönlich von dein jüdischen Fleiße zu überzeugen. Auch im Bezirk Ananjew beschäftigt der russische Gutsbesitzer Kouichew 50 jüdische Arbeiter auf seinen Feldern. Der Rabbiner Herr Weismann in Ananjew, der sich, seines liebeiiswürdigcn Charakters wegen, in allen Kreisen, bei Juden wie auch bei Christen, sehr beliebt geinacht hat und ausgedehnte Bekanntschaft unter den russischen Gutsbesitzern hat, spielt hier den Vermittler. Durch seine Empfehlungen ist es unseren Glaubensgenossen möglich, Arbeit bei russischen Gutsbesitzern zu finden. Unlängst veröffentlichte der Rabbiner Weismann einen Aufruf, in welchem Leute, die Feldarbeit suchen, zii ihm aufgefordert werden. Gleich darauf meldeten sich bei ihm Hiinderte von Arbeitern, und Herr Weismanu versprach, ihnen süinmtlich bei den russischen Gutsbesitzern Arbeit zu verschaffen. Aehuliches wird dem „Hameliz" aus Baar, Gouvernement Podolien, mitgetheilt, wo viele jüdische junge Leute als Tagelöhner bei ihren Nachbarn angestellt sind. In derselben Stadt pachteten 50 jüdische Familien Felder zur Tnbaksplantage ab, wo sie selbst von Früh bis Abend fleißig beschäftigt sind. — In Kutno, Russisch- Polen, verstarb der hochberühmte Rabbiner Israel Jehoschua in seinem zweiundsiebzigsten Lebensjahre. Der Verstorbene galt für unsere Glaubensgenossen in Russisch-Polen, was Rabbi Jzchak-Elchanau Spektor in Kowno für unsere Brüder in Rußland. Dreißig Rabbiner aus verschiedenen Städten eilten zur Beerdigung ihres Meisters und Lehrers. Auch die jüdischen Soldaten, die im Kutnoer Regiment dienen, hatten vom General Urlaub bekommen, um den Rabbi begleiten zu können. Zweiunddreißig Jahre ununterbrochen bekleidete er sein Amt in derselben Stadt, und durch seinen edlen Charakter gelang es ihm, alle Parteien der Gemeinde zu vereinigen und viele wohlthätige Anstalten ins Leben zu rufen. Trotzdem er stets von den verschiedenen Rabbinern des In- und Auslandes durch Anfragen in Anspruch genommen wurde, widmete er den größten Theil seiner Zeit den Interessen der Armen, für die er ein Vater war. Die zionistische Idee war sein Ideal; vor einigen Jahren besuchte er selbst Palästina. Vor seinem Tode hiuterließ er, seine Bücher zu verkaufen und das Geld unter die Ackerbauer in Palästina zu vertheilen. Die Judenverfolgungen haben wieder begonnen. In Kiew mußten sümmtliche jüdische Kommis die Stadt verlaßen. Die armen Ausgewiesenen konnten nicht mal ihre Reisekosten bestreiten und wurden auf die Güte ihrer Brüder angewiesen. Es bildete sich schnell ein Hilss-Komitee, an dessen Spitze der bekannte Privatdozent der Kiewer Universität Herr Dr. Mandelstamm stand, lind in kurzer Zeit wurde die Stimme voii 11,000 Mark gesammelt, welche gleich darauf unter den Ausgewiesenen vertheilt wurde. — Die Stadt Jalta in der Krim, welche bis jetzt zum jüdischeii Rayon gehörte, wurde auf einen Befehl zum inneren Rußland zugerechnet. Auf diese Weise müssen alle Jilden, mit Aiisnahme von Aerzten, Kaufleuten erster Gilde, Handwerkern, die Stadt verlassen. Die Zahl der jüdischen Eimvohner in Jalta beträgt 1323. In der Nähe von Odessa befindet sich ein Dorf „Klein - Liebenthal", welches seiner prachtvollen Umgebung wegen im Sommer sehr stark besucht wird. Deni Oberpolizeimeister von Odessa konnte es nicht gefallen, daß auch Juden diesen Ort besuchen, er verordnete deshalb: „Sämmtliche