Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- Seite 544 (sequence 6)
- Language
- German
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544 Das »tue österreichische Ministerium dürfte den dortigen Antisemiten wenig gelegen kommen. Fast sämmtliche Mitglieder haben sich bereit» gegen diese Agitation ansgesprochen. Besonders der neue Finanzminister Plener, der Kultusminister Madejski, die Minister Jaworski und Baquehein sind entschiedene Gegner des Antisemitismus. Ter neue Handelsminister, Graf Wurmbrand, hat schon vor Jahren nach einer viclbemerkten Rede über den „wirthschaftlichen Antisemitismus" später im Parlamente eine Rede gehalten, in welcher er den Rassen-Antisemitismus vernrtheilte und nachwies, das; der Judenschädel von dem arischen Antisemitenschädel sich gar nicht unterscheide, und daß innerhalb der arischen Rasse größere Unterschiede in der Schädelgcstaltung nachweisbar seien, als zwischen den Schädeln der Juden und den Schädeln der Mehrzahl der Arier. Das frühere Ministerium Taaffe hat zwar auch nicht gerade den Antisemitismus begünstigt, aber doch stillschweigend und zum Theil wohlwollend geduldet. Me Zunahme der Juden in Preußen. Von W. Bambus. Im Allgemeinen umgiebt die jüdischen Verhältnisse eine Wolke von Vorrirtheilen, und leider kennen gerade die Juden dieselben am wenigsten. Das gilt sowohl von den religiösen Dingen und von der Geschichte der Juden, als auch und ganz besonders von dem gegenivärtigeu Zustande der deutsche» Juden; die Aufklärung über diese Verhältnisse muß nicht blos an die große Masse der Andersgläubigen sich richten, sondern gerade unter uns selbst ist das Bedürfnis;, die Wahrheit zu erfahren, am größten. Die antisemitische Bewegung hat viel Unheil gestiftet; aber sicher nicht das geringste Nebel, das sie über uns gebracht hat, ist, daß so viele Juden in ihrer krassen Unwissenheit in jüdischen Dingen die beharrlich vorgebrachten Märchen und bewußten Lügen unserer Gegner selber glauben. Ich denke dabei an die Lügen über den Talmud, Kol-Ridre, an den angeblich hohen Prozentsatz, mit dem die Juden bei schwindelhaften Geschäften betheiligt sein sollen, die angebliche Thierguälerci des Schlichtens, die Masseneinwaiidernng russischer Inden ec. Aber besonders tief ist das Dunkel, in dem sich die statistischen Verhältnisse der deutschen Juden befinden, und selbst ein Fachmann, wie Geheimrath von Firks, ist nicht richtig darüber orientirt- In der Zeitschrift des König!. Preußischen Statistischen Büreaus sagt er im Oktoberheft 1893 in seinem Artikel: „Die Juden" Seite 287: „Die natürliche Bevölkerung»,zimähme durch den Ueberschuß der Geburten iiber die Sterbefülle ist bei den Inden stets, auch in dem letzten Jahrzehnt, etwas größer gewesen als bei der Gesammtbcvölkeruiig." In dein nachfolgenden Artikel wird sich zeigen, daß in dem Jahrzehnt 1881—90 die natürliche Bevölkerungszunahme im Gegentheil etivas schwächer ist als bei den Christen. Aber diese Differenz ist viel zu gering, um die relative Abnahme der Juden gegen die Andersgläubigen zu erklären'), die wirklich stattgefunden hat und circa zehn Prozent der jüdische» Seelenzahl beträgt. Ter Leser möge ver- ') Da in diesem Artikel die Theorie, daß der Verlust der deutschen Jndenheit in erster Linie durch Auswanderung verursacht ist, mit den amtlichen Zahlen bewiesen wird, wird mir der geschätzte Leser wohl ein näheres Eingehen auf die Gegenbemerkungen des Herrn Traubenberg erlassen, haltlos, weil für statistische Betrachtungen nie die Ergebnisse eines Jahres genügen, sondern immer längere Zeiträume erforderlich sind. zeihen, wenn ich eine größere Reihe von Zahlen zu bringen genöthigt bin, die aber als Beweis unerläßlich sind. Eine so wichtige Thatsach, >vie die vorliegende relative Abnahme, verdient die sorgfältigste B-- trachtung, die nur auf Grund der genauen amtlichen Zahlen korre : sein kann?) Der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle betrug in preußischen Staate laut Heft 117:1881 330,571 Seelen, 1882 335,808, 1883 317,485, 1884 332,953, 1885 347,681, 1886 331,618, 1887 398,877, 1888 425,827, 1889 411,824, 1890 375,015, zusammen: 3,607,659 Seelen; wenn also die jüdische Bevölkerung sich in gleiche: Weise vermehrte, muß der Ueberschuß, da sie im Mittel 12,94 pr; Tausend der Gesammtbevölkerung bildete, 46,683 Seelen betrage:. In Wirklichkeit stellt sich die Rechnung aber wie folgt: Beide ISltcrn jüdisch 1 V a Mutier cbangcf. 11 e r j ii disch Bater \ Vater j %at5r evauqel. katholisch I1!?}*! j christlich Mutter jüdisch unehelich 1 jüdische i Mutter i Todes fälle 1 1 Mutter katholisch 1 Mutter sonst i christlich 1881 10425 162 1 33 11 170 44 81 299 618 1882 10027! 163; 28 17 180 45 22 277 637; 1883 9637 171 23 8 192 38 i 24 277 6379 1884 9632 183 i 25 8 163 48 : 14 254 622: 1885 9470 187 i 24 16 171 42 i 30 244 616; 1886 8689 211! 21 9 206 43 s 10 237 619! 1887 8729 209! 34 5 180 57 j 13 240 590; 1888 8555 249 | 37 6 193 48 : 13 239 5739 1889 8410 228 30 7 207 54 i 13 239 584( 1890 8318 238 1 47 5 211 59 | 20 227 599: Zus. 91892 2001! 302; 92 1873 478 j 240 2533 : 60991 4988 Kinder aus jüdischen Ehen.91,892 Kinder aus Mischehen nach dem Prinzip der amtlichen Statistik, die Hälfte der Gesammtzahl gerechnet . . . 249: uneheliche Kinder jüdischer Mütter..253- Zusammen .96,91 ab Todesfälle. 60,99: natürliche Vermehrung 1881—90 . 35,92 Es ist also feststehend, daß die jüdische Bevölkerung Preuße» sich um 23 pCt. weniger auf natürlichem Wege vermehrt hat, al > die christliche, indeß auch so bleibt noch ein Geburtenüberschuß vor 35,927 Seelen. Dieser Zahl muß noch Hinzugezählt werden die Summe de im Jahrzehnt 1881—90 eingewanderten Juden. Hierüber liegen di Zahlen nicht aus allen 10 Jahren vor und die aus 1883, 1884 1885, 1886 vorliegenden sind nicht sehr zuverlässig, doch zeigt sic ungefähr dabei, daß eine Schätzung der Einwanderung auf 3001 Seelen für das ganze Jahrzent wahrscheinlich das Maximum vor stellt. Die Rechnung wäre dann: natürliche Vermehrung 35,92 Seelen, Einwanderung ca. 3000, zusammen ca. 39,000 Seelen. Demgegenüber steht nun die thatsächlichc Vermehrung, die ir der Volkszählung von 1890 mit 8269 Seelen nachgewiesen ist, unr es entsteht die Frage, wodurch ein Manko von ca. 31,000 Seele: entstanden ist. Zur Erkärung giebt es sicher nur zwei Möglichkeiten einmal die Uebertritte von der jüdischen zur christlichen Religion un: zweitens die Auswanderung. Die Zahl der Taufen ist mit Sicher heit nur für die zur evangelischen Landeskirche übertretenden Jude: zu ermitteln, und zwar betragen dieselben, die allerdings viel seltenerer zuin Judenthum übertretende« Christen abgerechnet, ca. 1000 in ganzen Jahrzehnt. Die zur katholischen Kirche abfallenden Juden sind nicht mit Bestimmtheit anzugebeu, doch nach dem Bevölkerung? verhältniß gerechnet, werden es kaum 500 sein. 2) Die vorkommenden Zahlen sind sämmtlich dem amtlichen Queller werk Preußische Statistik, und zwar aus den Heften 88, 74, 79, 86, 8!>, 94, 96, 98, 107, 113 und 117 entnommen.